Kirchenräume Neues Leben in sakralen Räumen

Die Umnutzung von Kirchengebäuden ist nicht nur im Osten Deutschlands oder dem europäischen Ausland ein Thema. In allen Bundesländern muss sich die evangelische und katholische Kirche dem demografischen Wandel stellen.

Kita Stederdorf/ Peine, bwp NILSSON WITT Kita Stederdorf/ Peine, bwp NILSSON WITT | Foto: Andreas Meichsner Die Mitgliederzahlen der katholischen wie der evangelischen Kirche schrumpfen und damit auch die finanziellen Möglichkeiten. Kleinere Kirchengemeinden lösen sich auf oder schließen sich zu größeren Einheiten zusammen. Dabei werden Kirchengebäude frei, die für neue Nutzungen zur Verfügung stehen.

So auch im Peiner Vorort Stederdorf. Inmitten des idyllischen Dorfkerns, weit ab der Autobahn, lugt heute zwischen den alten Bauernhäusern und Scheunen anstelle der 1971 in Fertigbauteilen errichteten katholischen Kirche eine Kita in knallig bunten Farben hervor.

Kita Stederdorf/ Peine, bwp NILSSON WITT Kita Stederdorf/ Peine, bwp NILSSON WITT | Foto: Andreas Meichsner Über dem mit Holz verkleideten Erdgeschoss schießt eine metallene Rutsche aus dem Baukörper und legt sich mit leichtem Schwung wie ein riesiger Rüssel auf die sandige Spielfläche. Es ist als stünde hier ein steinernes Ebenbild von Elmar, dem beliebten bunten Elefanten aus dem Kinderbuch von David McKee, diesmal in feurigem Rot, in Gelb und Grün. Wer denkt, das passt doch gar nicht dahin und verträgt sich nicht mit der Nachbarbebauung, sieht sich getäuscht, denn die mit einem hohen Satteldach gefassten Proportionen des Baukörpers gleichen sich in der Gestalt sehr gut der Umgebung an.

Ein Himmelszelt für Kinder

Die Celler Architekten Susanne Witt und Patrik Nilsson vom Büro bwp NILSSON WITT haben diesen Umbau geplant. Anstelle des Andachtsraums mit strenger Sitzordnung ist hier eine Kita mit fließendem Grundriss entstanden und Räumen, die nicht nur kindliche Neugier und Lebensfreude wecken. Durch farbige, in den Garten auskragende, kubische Fensterkästen und niedrige Fensterbänder können selbst die ganz Kleinen in alle Richtungen hinausblicken. Auf den breiten Fensterbänken heißt es Platz nehmen und es sich gemütlich machen.

Kita Stederdorf/ Peine, bwp NILSSON WITT Kita Stederdorf/ Peine, bwp NILSSON WITT | Foto: Andreas Meichsner Wenn möglich haben die Architekten auf den rechten Winkel verzichtet und mit unterschiedlichen Ebenen viele räumliche Überraschungs- und Erlebniszonen geschaffen. Ein ganz besonderer Raum, dessen Höhe und Weite aus dem Blickwinkel eines Kindes fast grenzenlos wie ein Himmelszelt erscheinen mag, befindet sich unter dem Dach im neu eingezogenen Obergeschoss. Er ist über eine breite Treppe und behindertengerecht über einen Aufzug erreichbar. Von hier aus geht es nicht nur zu Galerien, die den Blick von ganz oben auf das Weiß des Raumes ermöglichen, sondern durch eine kleine Luke auch wieder hinab, direkt über die Außenrutsche in den Spielgarten. Ein pures Raumerlebnis.

Symbole der Gemeinschaft

Kirchen sind wichtige Identifikationsgebäude für die Menschen. Die gestalterische Kraft ihrer Räume und ihre besondere Atmosphäre sind eingebunden in Erinnerungen an religiöse Feste und Anlässe im Verbund der Familie und der Gemeinde. Die Kirche ist ein Symbol für gebaute Gemeinschaft. Das ist ein Grund, warum sich Kommunen und Kirchengemeinden darum bemühen, für die Nachnutzung ihrer Gotteshäuser gemeinschaftliche, öffentliche und soziale Konzepte zu finden.

Selbstbewusste Neubestimmung

Etz Chaim Gemeindezentrum und Synagoge Hannover/ Leinhausen Etz Chaim Gemeindezentrum und Synagoge Hannover/ Leinhausen | Foto: ahrens grabenhorst architekten Eine respektvolle Nachnutzung und zugleich einfühlsame Umgestaltung hat auch die ursprünglich 1968 von Fritz Eggeling geplante Kirche der Gustav-Adolf-Gemeinde im hannoverschen Stadtteil Leinhausen erfahren. Sie ist heute das Etz Chaim Gemeindezentrum und Synagoge für die 600 Mitglieder zählende Liberale Jüdische Gemeinde Hannover e. V. Die Architekten Gesche Grabenhorst und Roger Ahrens haben den Umbau realisiert und wurden 2010 für die gestalterische Qualität ihrer Arbeit mit dem Niedersächsischen Staatspreis für Architektur ausgezeichnet.

Ganz selbstbewusst wird bereits von außen sichtbar, dass die Bestimmung des Hauses eine andere sein wird. Hier ist ein klar konturierter, durch eine Aufstockung hochgewachsener weißer, kubischer Baukörper zum Platz hin entstanden. Als Ummantelung des Haupteingangs und gleichzeitig als Sichtschutz für die dahinterliegenden Fenster ist eine goldene, fein anmutende, dem Motiv des Davidsterns entlehnte ornamentale Netzstruktur aus Metall der Fassade vorgehängt. Ein filigranes Gestaltungselement, das die Architekten auch im Innenraum markant und zugleich dezent zitieren.

Tradition und Moderne

Raumproportionen, Material, Licht- und Farbgebung verdichten sich im Innern der Synagoge mit ihren 200 Sitzplätzen zu einer spannenden Neuinterpretation des sakralen Raumes zwischen modernen und tradierten Elementen der jüdischen Kultur. Der fast quadratische Gebetsraum der Synagoge ist axial auf den Thoraschrank ausgerichtet. Drei Stufen führen zu dem heiligen Schrein. Lichtstimmungen aus von Stoff bespannten Glasscheiben, mit LED hinterleuchtet, dazu der matte und weiche Einfall der Sonne durch das Oberlicht geben dem Sakralraum eine feierliche, meditative aber auch befreite Stimmung.

Eine Bibliothek für jüdische Literatur im oberen Geschoss über den beiden Foyerbereichen sowie ein Gemeindezentrum mit Café, Kommunikationsräume, Gemeindesaal mit Bühne, Jugendzentrum, Büroräume und eine Kindertagesstätte im Atriumbereich des Hauses ergänzen die ganze Anlage. Alle Innenräume sind weiß verputzt und mit dunklen Naturstein-, Werkstein- oder Linoleumböden versehen.

Restaurant Heiliggeist in Mainz Restaurant Heiliggeist in Mainz | Foto: Heiliggeist Dass ehemalige Kirchen sich in Orte für gastronomische Kultur und touristische Destination verwandeln lassen, offenbart der Umbau der Heiliggeist-Spitalkirche in Mainz. Vorbehalte gab es keine, denn der mittelalterliche Bau wurde bereits im 19. Jahrhundert säkularisiert und als „Mädchen-Korrekturanstalt“, später als Tanzlokal genutzt. Heute ist das Heiliggeist-Spital eines der atmosphärisch wunderbarsten Restaurants in Mainz.