Literaturverfilmungen Unverfilmbares verfilmt

Szene aus „The Congress“
Szene aus „The Congress“ | Foto (Ausschnitt): © Pandora Film

Auch sperrige Romane schaffen es in die Kinos. In den Jahren 2012 und 2013 haben sich deutsche Produktionen an erstaunliche Stoffe herangewagt. Hat sich das Wagnis gelohnt?

Deutscher Film gilt international schlimmstenfalls als zähes Betroffenheitskino und bietet leider manchmal nicht viel mehr als Konsens – solide, bemüht, aber ohne Ecken und Kanten, gespielt von den immer gleichen freundlichen Gesichtern, schnell vergessen. Deutsches Geld in internationalen Produktionen nannte die US-amerikanische Filmwirtschaft Anfang der 2000er-Jahre „Stupid German Money“, denn es steckte meist als Steuerabschreibung unkritisch in qualitativ nicht allzu hochwertigen Filmen.
 


Doch der deutsche Film wird mutiger und das Geld wird mit mehr Bedacht investiert. Das zeigt sich unter anderem bei den Literaturverfilmungen, in den vergangenen Jahren waren dies Filme wie Cloud Atlas, The Congress, Feuchtgebiete, Kolhaas oder die Verhältnismäßkeit der Mittel, Die Vermessung der Welt und Die Wand. Thematisch, stilistisch und von den Produktionsbudgets her könnten sie kaum unterschiedlicher sein, doch eines haben sie gemeinsam: Sie nehmen sich sehr sperrige Literaturvorlagen vor. Die Kritiken nennen sie dann unweigerlich „unverfilmbar“.

Blockbuster und Autorenfilm auf der Basis von Literatur

Größtes Medienecho fand 2012 Cloud Atlas, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von David Mitchell. Bei der mit Stars wie Tom Hanks, Halle Berry und Hugo Weaving besetzten verketteten Geschichtensammlung führten Tom Tykwer (Lola rennt, The International) und die Geschwister Lana und Andy Wachowsky (Matrix-Trilogie, Speed) Regie. Über deutsche Filmförderungs-Einrichtungen kamen immerhin 20 der 100 Millionen Euro des Budgets zusammen. Der Erfolg an der Kinokasse war allerdings mäßig, wenngleich der Film in der internationalen Verwertung Gewinn machte. X-Verleih, der Cloud Atlas international vertreibt, gab sich Anfang 2013 dennoch optimistisch, dass deutsche Produktionen in Zukunft weitere Filme mit großem Budget stemmen werden.
 

Mit einem Budget von zehn Millionen Euro immer noch beachtlich ausgestattet war die Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt unter der Regie von Detlev Buck (Männerpension, Same Same But Different) – angesichts der exotischen Schauplätze und des Einsatzes von 3D-Technik erstaunlich bescheiden. Die Verfilmung des Kehlmann-Romans Ruhm musste sich da mit guten vier Millionen Euro begnügen. Im Herbst 2013 kam die israelische Produktion von Ari Folmans The Congress in die deutschen Kinos, an der die deutsche Produktionsfirma Pandora Film mitarbeitete. Mit Spannung wurde die Adaption von Charlotte Roches skandalumwittertem Buch Feuchtgebiete von David Wnendt erwartet. Aus dem Bereich des Arthouse kommen die Filme Die Wand des Österreichers Julian Pölsler und Aron Lehmanns Erstling Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Die Wand wird 2014 als offizieller Kandidat für Österreich ins Oscar-Rennen geschickt.

Das Erzählen als Thema

Die jeweiligen Vorlagen sind kein leichtes Material für eine filmische Adaption, denn sie sind sprachlich und erzählerisch ausgefeilt: Cloud Atlas ist eine Reise durch die Zeit anhand von sechs stilistisch und sprachlich auf die Periode zugeschnittenen Kurzgeschichten. Im Futurologischen Kongress, der Vorlage zu The Congress, amüsiert sich Stanisław Lem mit unzähligen Wortspielen über drogeninduzierten Wahn, Feuchtgebiete beschreibt genüsslich Körpersekrete, die man lieber nicht bildlich sehen möchte. Die Wand von Marlen Haushofer ist ein apokalyptisches Tagebuch und Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas eine zwar auch heute sehr gut lesbare, uns aber immerhin 200 Jahre ferne Novelle.

Die gute Idee, die all diese Verfilmungen verfolgen, ist, die Grundidee der Vorlage zu erhalten – und im Zweifelsfall die Geschichte abzuändern. Thema des Romans Cloud Atlas sind Schicksalsfragen, die sich über die Menschheitsgeschichte erstrecken; im Film wurden diese historischen Verbindungen gezogen, indem Schauspieler für mehrere Rollen besetzt wurden. Die Wand wird allein von Martina Gedecks Stimme getragen, die Teile des Tagebuchs ihrer Figur vorliest, The Congress ist eine wahnwitzige Zukunftsvision der Medienindustrie, in Feuchtgebiete deuten rasante Fahrten über den menschlichen Körper nur das an, was im Roman so explizit ist. Die Vermessung der Welt konzentriert sich auf die Unmöglichkeit, wahres Genie zu kommunizieren und Kohlhaas schließlich ist eine Pseudodokumentation über den gescheiterten Versuch, die Novelle zu verfilmen – und gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Macht des Erzählens.