Deutscher Dokumentarfilm Die Zeit, das Sterben, das Abschiednehmen

The director of “Breathing Earth“, Thomas Riedelsheimer
The director of “Breathing Earth“, Thomas Riedelsheimer | Foto (Ausschnitt): © Piffl Medien

Die Themenvielfalt im deutschen Dokumentarfilm reicht von Biografischem über die Zeitnot in der Moderne bis zum Tod und dem Loslassen-Müssen. Doch die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Filmemacher werden schlechter.

Der Dokumentarfilm aus Deutschland befindet sich einem Dilemma: Er ist so stark und präsent wie nie zuvor. Und zugleich so schwach und absent wie selten. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig, dennoch lassen sich die wesentlichen Ursachen auf einen Nenner bringen: Einerseits ist die Kreativität der – meist unterbezahlten – Doku-Filmemacher ungebrochen, gibt es Dokumentarisches in einer großen, facettenreichen Vielfalt, die auch mit nationalen wie internationalen Preisen ausgezeichnet wird. So bekam 2012 die deutsche Dokumentation Musik als Waffe von Tristan Chytroschek einen Emmy. Andererseits verschlechtern sich die Rahmenbedingungen, um diese kreativen Produkte adäquat an den Kinogänger oder Fernsehzuschauer zu bringen.

Der Wegfall relevanter Foren und Plattformen

Die Zahl der Filmtheater, die Dokumentarfilme in ihr Programm aufnehmen, nimmt ab. Oft landen Dokumentarfilme in Spätschienen, werden nur einmal täglich vorgeführt, und ohnehin nur noch von kommunalen Kinos, Programmkinos oder Filmmuseen gezeigt. Im kommerziellen Kino wird überwiegend Mainstream gespielt. Neben Blockbustern haben es deutsche Dokumentaristen mehr als schwer. Der deutsche Dokumentarfilm ist im Programm der deutschen Filmtheater ein Nischenprogramm.

Unwesentlich anders sieht es im deutschen Fernsehen aus, in dem seit jeher das dokumentarische Feature, die 45-Minuten-Reportage und der abendfüllende Dokumentar-Langfilm fester Bestandteil des Programms der öffentlich-rechtlichen Sender waren und sind. Doch auf den prominenten, Werbe- und Zuschauer-relevanten Programmplätze laufen längst keine Dokumentarfilme mehr. Zur sogenannten Primetime läuft kaum noch Dokumentarisches, und wenn, dann sind es populär aufbereitete Features über den Hochadel Europas. Der sozialkritische, bio-historische Dokumentarfilm etwa, mit einer Laufzeit von 60 oder gar 90 Minuten, ist längst auf die Sendeplätze verwiesen, die hinter den ARD-Tagesthemen oder dem Heute Journal des ZDF liegen. Dieser erkennbaren Wegfall relevanter Foren und Plattformen ist der Hintergrund des aktuellen deutschen Dokumentarfilmschaffens.
 
 

Ein breites Spektrum

Das Spektrum des aktuell Dokumentarischen ist thematisch nach wie vor breit gefächert. Politische Dokumentationen etwa zeigen Missstände in Diktaturen. Biografisches wird erzählt, etwa in Walter Steffens München in Indien (2013) oder in der neuen Arbeit von Thomas Riedelsheimer, einer Filmbiografie über den japanischen Skulpturen-Künstler Shingus, Breathing Earth – Susumu Shingus Traum (2012).

Ein weiteres Thema ist der Mensch in der schnelllebigen, hektischen Welt der Moderne, einer Welt der unablässigen Nachrichtenflut und ständigen Erreichbarkeit, in der er sich zurechtfinden muss. Es gibt immer mehr Mittel der Kommunikation und der Kommunikationsverkürzung, gleichzeitig mangelt es den Menschen an Zeit. Regisseur Florian Opitz, Jahrgang 1973, untersucht dieses nur scheinbar widersprüchliche Phänomen in seinem autobiografisch angelegten Film Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (2012).

Zwei Regie-Altmeister des deutschen Kino-Spielfilms, Werner Herzog und Michael Verhoeven, gehen beide in ihren jüngsten dokumentarischen Arbeiten der Todesstrafe in den USA nach: Herzog mit Tod in Texas (2011, US-Originaltitel Into the Abyss) und Verhoeven mit Die zweite Hinrichtung (2012). Die beiden sehr sehenswerten und eindringlichen Filme kamen in Deutschland allerdings erst gar nicht ins Kino, sondern wurden 2012 im TV-Spätprogramm ausgestrahlt.
 
 

Tabuthema Sterben

Auffallend ist auch, dass neben anderen Sujets bisher weitgehend tabuisierte Themen angegangen werden: Eines ist das Sterben, der Tod des Menschen und das Loslassen-Müssen. Ein schönes Beispiel hierfür ist der Film Vergiss mein nicht (2012) von David Sieveking. Sieveking, Jahrgang 1977, hat zuvor nach mehreren Kurzfilmen die beiden Dokus Sénégallemand (2007) und David Wants to Fly (2010) vorgelegt. Nun begibt er sich auf einen Weg, der direkt und unmittelbar in sein eigenes Leben führt: David Sievekings Mutter Gretel Sieveking ist an Demenz erkrankt, sie verliert sukzessive ihr Gedächtnis und lebt zunehmend in ihrer ganz eigenen Welt. Mit der Erkrankung der Mutter verändert sich alles im Leben der Familie Sieveking. Die Familie rückt zusammen. Sohn David – der ähnlich wie Florian Opitz in Speed aus der mitunter recht dominierenden Ich-Perspektive erzählt – erfährt Dinge über seine Eltern Gretel und Malte, die er zuvor nicht wusste. Man kommt sich näher – nach all den Jahren.

Der Regisseur zeigt neben dem mentalen auch den körperlichen Verfall seiner Mutter bis zuletzt, auch dann noch, als sie bettlägerig zuhause liegt. Im Abspann ist schließlich zu erfahren, dass seine Mutter Gretel im Februar 2012 gestorben ist. Vergiss mein nicht – mit dem Hessischen Filmpreis sowie auf dem Filmfestival Locarno ausgezeichnet – ist ein äußerst persönlich gehaltener Film, der durchaus Grenzen überschreitet. Er kann nicht zuletzt ob seines Sujets, aber auch durch seine Form paradigmatisch für das aktuelle deutsche Dokumentarfilmschaffen stehen.