Filmarchivierung Digitalisierung und Deutsche Kinemathek

Martin Koerber
Martin Koerber | Foto (Ausschnitt): © Martin Koerber

Martin Koerber leitet seit 2007 das Filmarchiv der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin. Im Interview spricht er über die Bedeutung der Digitalisierung für seine Arbeit.

Professor Koerber, Sie erleben als Leiter eines Filmarchivs gerade einen historischen Paradigmenwechsel, den Übergang von der analogen zur digitalen Kino-Ära, aus unmittelbarer Nähe. Wie hat sich der Schwerpunkt Ihrer Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Ich würde einen technologischen Wandel nicht als Paradigmenwechsel bezeichnen. Unsere Aufgaben bleiben dieselben, wir erledigen sie heute nur mit neueren Technologien. Das hat aber weder Einfluss auf die Restaurierungsethik noch auf die Frage, welche audiovisuellen Medien wir zukünftig sammeln wollen. In vielen traditionellen Filmarchiven gab es bis vor wenigen Jahren noch Berührungsängste mit digitalen Medien, weil sie historisch und technisch nicht in die Kategorie Film gehören. Ich halte die Unterscheidung in Film, Video und andere Bildmedien jedoch für einen Irrtum. Wir müssen uns beim Sammeln von bewegten Bildern an den Inhalten, nicht an den Trägerformaten orientieren. Das Wichtigste in der Archivierung wie auch in der Restaurierung ist, dass die ästhetischen Charakteristika des jeweiligen Formats bewahrt werden. Und dass die Originale erhalten bleiben, weil sie wichtige Quelleninformationen über Montage, Farbgebung oder Lichtbestimmung liefern.

Restaurierung und Digitalisierungsoffensiven

In Frankreich wurden im vergangenen Jahr 400 Millionen Euro für die Digitalisierung des nationalen Filmerbes bewilligt. In Deutschland verkündete Kulturstaatsminister Bernd Neumann gerade die Aufstockung des jährlichen Budgets für Digitalisierungen auf eine Million Euro. Wie viele Filme kann man für eine Million Euro digitalisieren?

Diese Million Euro werden auf mehrere Institutionen verteilt, die Kinemathek erhält davon 200.000 Euro. Und das reicht bei einer Auflösung von 2K, dem Mindeststandard für Kinos, für gerade mal vier oder fünf Spielfilme. Wenn die Filme keine technischen Probleme aufweisen, also keine zusätzlichen Restaurierungsarbeiten nötig sind, vielleicht auch für acht bis zehn Titel.

Das Problem mit Großprojekten wie in Frankreich besteht darin, dass sie nur für einen kurzen Zeitraum veranschlagt sind. Strukturelle Veränderungen lassen sich mit diesen Mitteln nicht finanzieren.

Ständige Ausstellung Film, Weimarer Republik Ständige Ausstellung Film, Weimarer Republik | Foto: Reinhard Görner, Quelle: Deutsche Kinemathek Eine Förderung der beständigen Arbeit in den Archiven ist politisch schwer zu realisieren, weil sie weniger Öffentlichkeit erzeugt als eine sogenannte „Digitalisierungsoffensive“. Die Kinemathek verfügt nur über ein geringes Budget für die langfristige Konservierung ihrer Bestände – das gilt gleichermaßen für Filme, Schriftstücke, Fotos und Kostüme. Einzelne Restaurierungsprojekte werfen zwar ein neues Licht auf die Sammlung, aber sie reichen nicht aus für die systematische Erschließung der Archivbestände.

Serversysteme als lebendige Organismen

Ein Großteil der aktuellen Filme wird inzwischen digital gedreht. Ist die Kinemathek auf die Archivierung digitaler Medien eingestellt?

Bei uns werden schon seit einigen Jahren Filme als digitale Originale abgegeben. Am liebsten würde ich nur noch die digitalen Daten übernehmen, ganz ohne Trägermedium. Der Träger, eine Festplatte zum Beispiel, ist vergänglich und technisch ohnehin früher oder später obsolet. Was uns interessiert, sind die darauf gespeicherten Informationen. Die speisen wir in unser internes Serversystem ein.

Wie kann man sich so ein Serversystem vorstellen?

Ein solches System ist eine Art lebendiger Organismus, in dem digitale Informationen wie Bakterienkulturen existieren. Diese Technik beherrscht der Mensch seit Tausenden von Jahren, für die Herstellung von Sauerteig etwa. Und dieses Prinzip der Konservierung muss nun gesellschaftlich verankert werden. Die Archive vollziehen gemeinsam mit der IT-Branche momentan eine Entwicklung nach, die sich auf anderen Feldern längst bewährt hat. Die Menschen haben schon immer Informationen an kommende Generationen überliefert. Am Saatgut zum Beispiel ist ja auch nicht der Träger interessant, sondern die Information in der Saat.

Das heißt, dass die Filmarchive der Zukunft wie Rechenzentren aussehen werden?

Das könnte man so sagen. Wir werden die Filmrollen natürlich behalten, denn deren Digitalisate ersetzen ja nicht den Quellenwert der originalen Archivalie. Sie sind im Rahmen unserer derzeitigen technischen Möglichkeiten allenfalls akzeptable Repräsentationen der originalen Artefakte.

Die Ära des analogen, materiellen Films geht nun zu Ende. Ändert sich damit auch der Sinn und Zweck von Restaurierungen?

Ein Filmrestaurator hat die Aufgabe, das filmische Erlebnis auf der Leinwand wiederherzustellen. Dort findet Kino statt. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Film digital oder mechanisch vorgeführt wird. Er muss in einen Zustand gebracht werden, in dem man ihn wieder als Kunstwerk genießen kann.
 

Martin Koerber, Jahrgang 1956, ist seit 1986 Mitarbeiter der Stiftung Deutsche Kinemathek. Zwischen 1996 und 2003 organisierte er die Retrospektive der Berlinale. In den vergangenen 20 Jahren war Koerber unter anderem für die Restaurierungen von Fritz Langs „Metropolis“ und „Die Büchse der Pandora“ von G.W. Pabst verantwortlich. Als Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin betreut Martin Koerber außerdem das Fachgebiet „Restaurierung von audiovisuellem und fotografischem Kulturgut“.