Geschlechtervielfalt in Kinderbüchern „Was für ein bildschöner Prinz!“

Jens Thiele: Jo im roten Kleid; © Peter Hammer Verlag
Jens Thiele: Jo im roten Kleid | Foto (Ausschnitt): © Peter Hammer Verlag

Ungewöhnliche Familiensituationen, das Verhältnis zum eigenen Körper oder gleichgeschlechtliche Liebe – in Jugendbüchern sind diese Themen keine Seltenheit. Doch auch Kinderbücher setzen sich mit ihnen auseinander. Aber ist eine so frühe Heranführung überhaupt sinnvoll?

Wilma ist lesbisch. Und Wilma flirtet öffentlich mit Leonie. Sie ist eine der Heldinnen aus Cornelia Funkes Jugendbuch-Reihe Die wilden Hühner. Es ist nicht schlimm, dass Wilma öffentlich flirtet, denn mit ihrer sexuellen Orientierung steht sie nicht allein da. Das „Coming out“ als Thema in Jugendbüchern ist keine Seltenheit und soll junge Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsensein unterstützen.

Doch schon für viel jüngeres Publikum im Kindergarten- und Grundschulalter gibt es Bücher, die sich mit Genderverwirrung oder Homosexualität auseinandersetzen. Aber macht eine so frühe Heranführung überhaupt Sinn? Organisationen wie die 2010 gegründete Bildungsinitiative Queerformat in Berlin setzen sich dafür ein, dass pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten, Schulen und Jugendeinrichtungen im Bereich geschlechtliche Vielfalt sensibilisiert und fortgebildet werden. Diese Sensibilisierung findet auch der Erziehungswissenschaftler Manfred Berger notwendig, denn: bereits Kindergartenkinder seien mit verschiedenen Beziehungskonstellationen und Geschlechterrollen konfrontiert, was Information und Aufklärung im frühen Alter zur Folge haben müsse. Die Art und Weise, wie Aufklärung in Kinderbüchern thematisch umgesetzt wird, variiert stark.

Patchwork und Regenbogen – familiäre Vielfalt

Das mit dem Deutschen Jugendbuchpreis 2011 nominierte Bildersachbuch Alles Familie! Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten (2010) von Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl zum Beispiel spielt ungewöhnliche Familienverhältnisse durch und zeigt, dass sie heutzutage gar nicht mehr so ungewöhnlich sind – gerade weil es so viele verschiedene gibt. Auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden thematisiert. So können Kinder ab vier Jahren sämtliche Konstellationen von alleinerziehenden Elternteilen bis hin zu Regenbogenfamilien kennenlernen, unterstützt von humorvollen Illustrationen. In der Jurybegründung des Deutschen Jugendbuchpreises heißt es: „Die bei allem Karikaturistischem doch ernsthafte Auseinandersetzung vermittelt dem lesenden Kind: Jede Familie ist einzigartig – ob dezent oder geräuschvoll, faul oder umtriebig, steif oder leger.“

„Damit alle mich sehen“ – aufgebrochene Geschlechterrollen

Einzigartig ist aber nicht nur die Familie, sondern jedes einzelne Kind. Auch damit arbeiten viele Kinderbuchautoren, brechen Geschlechterrollen auf oder kehren sie um. Dass sich diese Umkehrung nicht in der Darstellung frecher, selbstständiger Mädchen oder sensibler, stiller Jungen erschöpft, zeigt unter anderem Jens Thieles Jo im roten Kleid (2004).

„Was würdest du machen, wenn du ein Junge wärst?“, heißt es da. „(…) Ich würde mir ein schönes Kleid anziehen …“ „Wie bitte?“ „Ja, ich würde mir das schönste Kleid meiner Mutter anziehen, das rote mit dem tiefen Ausschnitt.“ Im Zentrum steht Jo, der im Kleid seiner Mutter mit einer Umwelt konfrontiert wird, die ihm feindlich gesinnt ist. Jo aber bleibt sich selbst treu und das macht ihn stark. Es ist die Geschichte eines „Coming out“ – nicht für Jugendliche, sondern für Kinder zwischen sechs und acht Jahren. Darüber hinaus vermittelt die Geschichte Mut zur Individualität, selbst gegen festgefahrene Geschlechterrollen. Und das, bestätigt die Leiterin des Instituts für Jugendliteratur Karin Haller, sei extrem wichtig. Denn auch wenn man klassische Gender-Zuschreibungen in Kinderbüchern nur noch selten finden könne und die Grenzen der Geschlechterdarstellungen stark verschwimmen, bestehe nun die Gefahr, in ein anderes Rollenklischee hineinzurutschen: Mädchen dürfen nicht, sie müssen unbedingt stark, witzig und verwegen sein. Jungen brauchen zusätzlich zu diesen Eigenschaften eine sensible und nachdenkliche Seite. Eine „Vielfalt der Möglichkeiten“ wünscht sich Karin Haller. Die wird mit Büchern wie Jo im roten Kleid gewährleistet.

„Bunt ist das Leben“ – Pinguine als Ikonen

Sogar die konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität findet sich vereinzelt in Kinderbüchern. Hier wird der Blick allerdings nicht auf kindliche Identifikationsfiguren, sondern auf die Eltern gelenkt, auf Themen wie Heiraten und Kinderwunsch – auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Dabei fällt eine bestimmte Art von Protagonisten besonders auf: Pinguine. Gleich mehrere Bücher behandeln die Beziehung zweier Pinguinmännchen und deren Probleme. Quelle dafür ist eine wahre Begebenheit in einem New Yorker Zoo, in dem zwei männliche Pinguine zunächst versuchten, einen Stein auszubrüten und sich schließlich dem verlassenen Ei eines anderen Pinguinpaares annahmen. Die Geschichte des daraus geschlüpften Pinguinmädchens Tango und ihrer Väter wurde unter anderem von Edith Schreiber-Wicke und Carola Holland im Bilderbuch Zwei Papas für Tango (2006) für Kinder ab vier Jahren bearbeitet.

Erst 2012 versuchten sich zwei Absolventinnen des Kollegs „Multimedia Art und Animation“ an der höheren technischen Schule Spengergasse in Wien, Barbara Müller und Tanja Strobl, mit Florian und Florian an einem ähnlichen Stoff für Kinder ab vier Jahren. Hier plant ein homosexuelles Pinguin-Ehepaar, ein Ei zu bekommen, obwohl es von sämtlichen Seiten erfährt, dass so etwas bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht möglich ist. Die Autorin Barbara Müller wünscht sich, dass das Thema Homosexualität genau wie andere gesellschaftliche Themen in Kinderbüchern aufbereitet wird. Schließlich würden Kinder bereits in frühem Alter von ihren Erfahrungen geprägt. Florian und Florian soll einen Beitrag zur Akzeptanz von Homosexualität leisten, so Barbara Müller. Gleichgeschlechtliche Liebe dürfe nicht als unnatürlich empfunden werden.

Das kann vor allem ein ungezwungener Umgang mit der Thematik bewirken, wie zum Beispiel in Linda de Haans und Stern Nijlands König und König (2001). Hier wird Homosexualität thematisiert, nicht problematisiert. Deshalb kann sich ein Prinz auf Brautschau auch einfach mal nicht in die Prinzessin, sondern in ihren Bruder verlieben. Glücklich bis ans Lebensende sind trotzdem alle.

Linda de Haan, Stern Nijland: König und König. Gerstenberg 2001
Alexandra Maxeiner, Anke Kuhl: Alles Familie. Klett Kinderbuch 2010
Barbara Müller, Tanja Strobl: Florian und Florian 2012
Edith Schreiber Wicke: Zwei Papas für Tango. Thienemann 2006
Jens Thiele: Jo im roten Kleid. Peter Hammer Verlag 2004