Social Reading Vernetzte Leser

Viele Leser nutzen E-Books inzwischen auch zum Austausch; © Frankfurter Buchmesse
Viele Leser nutzen E-Books inzwischen auch zum Austausch | Foto (Ausschnitt): © Frankfurter Buchmesse

Lesen ist kein einsames Vergnügen mehr. Im Internet kann man über Bücher diskutieren, sie empfehlen und bewerten. Doch hinter dem Trend zum „Social Reading“ stecken auch Verkaufsstrategien.

Dass Leser über Bücher diskutieren, ist nichts Neues. Neu ist, dass sie dies in den Büchern selbst tun. Sobooks, ein kleines deutsches Start-up-Unternehmen, macht es möglich. Auf der Frankfurter Buchmesse 2013 stellte der Gründer, Autor Sascha Lobo, seine Plattform vor: Auf Sobooks kann man nicht nur E-Books kaufen – man kann in diese E-Books auch hineinschreiben. Kommentare können direkt in den Randspalten hinterlassen werden. Das sieht ein wenig so aus, als hätte man ein Buch aus der Bücherei ausgeliehen, in dem frühere Leser bereits eifrig herumgekritzelt haben. „Wir wollen die Diskussion über Bücher ins Buch holen“, erklärt Lobo das Prinzip. Vor allem kontrovers diskutierte Sachbücher bieten sich dafür an: Leser können Gegenargumente vorbringen, Fakten ergänzen, Ungenauigkeiten des Autors entlarven.

Noch ist Sobooks im Probestadium, erst wenige Bücher sind auf der Website erhältlich. Trotzdem war das Interesse während und nach der Buchmesse enorm. Denn alles, was irgendwie mit Interaktion zu tun hat, gilt in der Verlagsbranche als Trend. „Social Reading wird einer der größten Treiber der Branche sein“, prognostizierte Otis Chandler, Gründer und Geschäftsführer der Buchempfehlungs-Plattform Goodreads.com, im Oktober 2013 in einem Interview. Er muss es wissen: Die Zahl der Mitglieder auf seiner 2006 gegründeten Website hat sich allein im Jahr 2013 verdoppelt. Anfang 2014 tummelten sich dort mehr als 20 Millionen Nutzer aus der ganzen Welt, Deutschland hat nach Großbritannien die zweitgrößte Goodreads-Community in Europa.

Zitate aus dem E-Book heraus twittern

Das Internet hat sich zu einer riesigen Spielwiese für Leseratten entwickelt. Doch was genau ist mit „Social Reading“ überhaupt gemeint? Unter den Begriff fällt alles, was im weitesten Sinne mit Meinungsaustausch zwischen Lesenden zu tun hat. Das können Leseblogs sein oder Websites, die sich speziell an Fans einer bestimmten Roman- oder Thrillerserie wenden. Auch Portale wie Goodreads.com oder das deutsche Pendant Lovelybooks.de, auf denen Nutzer Bücher bewerten und rezensieren können, sind Teil des Trends. Ergänzt werden sie durch E-Book-Funktionen, die es möglich machen, direkt aus dem Buch heraus Kommentare oder Zitate in Umlauf zu bringen, zum Beispiel über Facebook und Twitter.

Aus Sicht der Verlage ist Social Reading eine großartige neue Form des Marketings, denn nichts ist wirkungsvoller als die echte Begeisterung eines Lesenden. Aus Sicht der Leser ist Social Reading eher eine neue Form der Rezeption. Schon während des Lesens kann jetzt die Öffentlichkeit einbezogen werden. Um Bücher herum entstehen Debatten, aber auch diskursive Blasen. Menschen, die sich nicht persönlich kennen, aber einen ähnlichen Geschmack haben, kommen ins Gespräch, diskutieren wild über Figuren und Fortsetzungen. Der Algorithmus macht daraus Lesetipps: „Das könnte Ihnen auch gefallen.“

Die Kehrseite ist der gläserne Leser

Die Kehrseite des Social Readings ist der gläserne Leser. Über Jahrhunderte war Lesen eine stille, zurückgezogene Tätigkeit. Wer von Büchern begeistert war, empfahl sie mündlich im Freundeskreis weiter. Ein Prozess, den niemand überschauen, steuern oder auswerten konnte. Lesen galt in autoritären Regimen daher oft als subversive Tätigkeit, als verdächtiger Zeitvertreib. Das ist in Zeiten des Internets anders geworden. Wer was wann gelesen und empfohlen hat, das können nun viele nachverfolgen. Der Online-Buchhändler speichert die Buchkäufe, auf vielen Rezensionsplattformen kann man sich nur mit einem Facebook-Profil einloggen – all das hinterlässt Datenspuren. Für Verlage und Autoren sind diese riesigen Datenmengen hochinteressant. Am liebsten würde man die Kundschaft sogar im E-Book selbst „tracken“ – also nachverfolgen, wie genau der Leser sich durch den Text bewegt. Wo bricht er ab, was fesselt ihn, was langweilt ihn?

Auch Sobooks möchte diese Daten auswerten. Ob das junge Unternehmen auf dem boomenden Social-Reading-Markt überhaupt eine Chance gegen die globale Konkurrenz hat, bleibt abzuwarten. 2013 hat Versandhändler Amazon, der auch in Deutschland mit großem Abstand Marktführer beim Verkauf von E-Books ist, Goodreads aufgekauft. Sicherlich eine gute Investition, denn dank der Daten von Goodreads wird Amazon die Vorlieben seiner Kundschaft noch besser analysieren können.