Deutsche Kinder- und Jugendfilme Zwischen Mainstream und Nischenkino

„Scherbenpark“ von Bettina Blümner – sensible Beobachtung eines rebellischen, wütenden Mädchens,
„Scherbenpark“ von Bettina Blümner – sensible Beobachtung eines rebellischen, wütenden Mädchens, | Foto (Ausschnitt): © Neue Visionen Filmverleih

Gerade im Kinderfilm werden häufig populäre Buchvorlagen adaptiert. Jenseits des Mainstreams entstehen zugleich inhaltlich risikofreudigere Filme und Stoffe, die stärker an der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen anknüpfen.

Die Geschichte ist pures Abenteuerkino: Zwei Jungen beobachten eines Nachts auf einem Friedhof einen Mord. Später soll dieser einem Unschuldigen in die Schuhe geschoben werden. Ob nun Unrecht geschieht, liegt in den Händen der Kinder – einem Schlitzohr und einem Außenseiter, wie er im Buche steht. Gleich zweimal wurden Mark Twains Abenteuergeschichten aus dem 19. Jahrhundert über Tom Sawyer und seinen Freund Huckleberry Finn verfilmt: im Jahr 2011 von Hermine Huntgeburth und ein Jahr später von Norbert Lechner. Geradezu mustergültig zeigen diese Adaptionen, zwischen welchen Polen sich der Kinder- und Jugendfilm in Deutschland bewegt.

Ein Stoff, zwei Varianten

Aus Mark Twains Vorlage hat Hermine Huntgeburth einen aufwendigen Film gemacht: Tom Sawyer, gedreht in Deutschland, das so aussehen soll wie die Südstaaten der USA. Inhaltlich allerdings hat sie wenig gewagt. Die Dialoge und der episodenhafte Aufbau der Handlung folgen der Vorlage recht nah. Nur ein paar Monate danach wurde die nächste Adaption veröffentlicht. Unter dem Titel Tom und Hacke erzählt Norbert Lechner die Geschichte in Grundzügen noch einmal. Aber aus dem dunstigen Mississippi-Delta ist bei ihm das Inntal geworden. Die Handlung spielt nicht mehr Ende des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten der USA, sondern in der Nachkriegszeit 1948 in Bayern, aus Indianern wurden Schmuggler. Statt dem „Southern Drawl“, dem Südstaatenakzent des Originals, ist nun tiefstes Bayerisch zu hören – ohne Untertitel. Tom und Hacke ist eine überaus freie Adaption, die sich bescheiden und ohne große Worte auf die Vorlage bezieht und deren Geist doch sehr treu bleibt.

Familien-Wohlfühkino oder Mut zur Nische

Auf der einen Seite orientieren sich die Produzenten an populären, eingeführten Marken oder Vorlagen. Denn gerade im Kinderfilmbereich stehen Literaturverfilmungen beim Publikum stets hoch im Kurs – von Die Rote Zora (Peter Kahane, 2008) bis zu Das kleine Gespenst (Alain Gsponer, 2013). Filmreihen wie Fünf Freunde (2012–2014) oder Hanni und Nanni (2010–2013) versuchen, den Bucherfolg an den Kinokassen fortzuführen und schaffen sich damit eine große Fanbasis

Dabei haben gerade die auf ein großes Publikum abzielenden Produktionen oft ein recht konservatives Bild davon, was einen guten Kinderfilm ausmacht: Erwachsenenrollen verkommen nicht selten zu trotteligen Witzfiguren, die Kulissen sind betont bunt, Sorgen der jungen Figuren, Gewalt oder andere Grenzbereiche werden ausgeblendet. Vorherrschend ist eine eskapistische heile Welt: Familien-Wohlfühlkino. Doch Kino für Kinder und Jugendliche soll nicht nur ein Fantasieraum sein, sondern auch Rückbezüge zum eigenen Alltag ermöglichen.

Geschichten aus dem Nachbarhaus

Andererseits entstehen jenseits des Mainstreams und – aufgrund niedriger Budgets – häufig unter schwierigen Produktionsbedingungen inhaltlich risikofreudigere Filme und Stoffe, die an der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen anknüpfen. Kopfüber von Bernd Sahling, der 2013 bei einem kleinen Verleih ins Kino kam, ist so ein Fall. Sahling erzählt darin von einem zehnjährigen verhaltensauffälligen Jungen, bei dem die ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert wird, und der es auch dem Publikum nicht leicht macht, sich mit ihm zu identifizieren. Nahezu dokumentarisch folgt der Film dem Jungen und bezieht seine Stärke gerade daraus, dass dessen Lebensumfeld so authentisch wirkt. Sahling sucht seine Geschichten im Nachbarhaus. Wahrscheinlich wird Kopfüber niemals auf den Lieblingsfilmlisten von Kindern auftauchen. Aber er wird sein junges Publikum mit Sicherheit herausfordern.

Filme für das Hier und Jetzt

Auch Jugendfilme weisen nicht selten eskapistische Tendenzen auf. Bei der Prestige-Produktion Rubinrot (Felix Fuchssteiner, 2013), einer Adaption des ersten Bands der beliebten Romanreihe Liebe geht durch alle Zeiten von Kerstin Gier, steht eine Fantasiegeschichte im Mittelpunkt, die trotz einer epischen Handlung sehr oberflächlich bleibt und kaum überrascht.
 

Scherbenpark (2013) von Bettina Blümner hingegen sucht nicht nach dem großen Effekt, auch wenn der Ausgangspunkt ihres Films sehr spekulativ klingt: Die 17-jährige Sascha lebt in einem sozialen Brennpunkt und sinnt auf Rache an ihrem Stiefvater, seit sie Zeuge wurde, wie dieser ihre Mutter brutal ermordete. Doch dann wird eben kein Thriller aus dem Debütroman von Alina Bronsky, sondern eine sensible Beobachtung eines rebellischen, wütenden Mädchens, das nach Halt im Leben sucht und sich allmählich aus seinem eigenen Identitätsgefängnis befreit. Man folgt dieser Handlung gerne, weil sie im positiven Sinne so unberechenbar und unvorhersehbar ist – und weil ihre Hauptfigur Ecken und Kanten hat und Blümner konsequent aus ihrer Augenhöhe erzählt.

Im Mainstream-Kinder-und-Jugend-Kino fehlt oft der Mut, sich auf den Alltag und die Figuren einzulassen und auf Geschichten, die nicht alles beantworten und nicht alles zeigen – aber auch nicht alles verschweigen. Was den Kinderfilm betrifft, so gibt es mit der Initiative Der besondere Kinderfilm immerhin seit 2013 ein Förderinstrument, das alltagsnahe Filmstoffe gezielt anstoßen will: Ausdrücklich gewünscht sind nur Gegenwartsfilme mit Tiefgang und Relevanz, die sich auf vor schwierigen Themen nicht scheuen: Filme für das Hier und Jetzt.