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Berlin, Friedrichstraße
Berlin, Friedrichstraße | Foto (Ausschnitt): © claudecastor/Fotolia.com

In Berlin leben Künstler und Kreative aus allen Teilen der Welt. Junge Gründer schwärmen von der besonderen Stimmung in der Hauptstadt: Man kennt sich, man hilft sich, man entwickelt gemeinsam neue Ideen. Was ist dran an diesem Berlinklischee?

Dienstags wird Deutsch gesprochen bei Gidsy. Zumindest während der Mittagspause. Ansonsten verständigt sich das 14-köpfige Team auf Englisch, denn die Mitarbeiter stammen aus neun verschiedenen Nationen. Die Gründer Edial Dekker und sein Bruder Floris kommen aus den Niederlanden, Mitgründer Philipp Wassibauer aus Österreich, andere Mitarbeiter aus Kanada, Irland, den USA oder Dänemark: „Das ist das Tolle an Berlin, dass so viele Leute aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammenkommen“, sagt Edial Dekker.

Seit etwas mehr als vier Jahren lebt der 28-Jährige in Berlin. Er kam direkt nach seinem Studium der Neuen Medien in Amsterdam in die deutsche Hauptstadt, erstellte zunächst für andere Firmen Websites, gründete vor etwas mehr als einem Jahr das Unternehmen Gidsy. Über die Website von Gidsy können Kunden Workshops, Abendessen oder Erlebnistouren auf der ganzen Welt buchen: Street-Art-Kurse, alternative City-Touren oder 10-Tages-Reisen durch Peru, die von Einheimischen organisiert werden. Das Unternehmen laufe gut, sagt Edial Dekker, viele Kunden kämen aus Berlin oder anderen Teilen Deutschlands – auch wenn er die genaue Zahl der Kunden nicht verraten möchte.

Berlin zieht Künstler und Kreative magisch an

Warum sich die Gründer gerade Berlin ausgesucht haben, um sich selbstständig zu machen, erklärt Edial Dekker so: „Es ist einfach eine unheimlich aufregende Stadt, hier gibt es so viele Menschen, die interessante Dinge tun.“ Ständig entwickelten junge Gründer neue Ideen, machten sich mit einer Idee selbstständig: „Man kann viel von anderen lernen und findet auch die passenden Berater und Investoren.“

Berlin, UNESCO City of Design

Viele schwärmen von der besonderen Stimmung, die die Stadt auf Kreative ausstrahlt. Ingrid Walther leitet das Referat Kommunikation, Medien, Kulturwirtschaft bei der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Wie andere Metropolen übe Berlin schon lange eine besondere Faszination auf Kulturschaffende und Kreative aus – und das schon seit über 150 Jahren. Denn die Stadt sei immer im Wandel: durch die Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert, die Goldenen Zwanzigerjahre, gefolgt von Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg, nach dem große Teile der Stadt zerstört waren: „Die Morbidität nach dem Krieg hat viele Künstler angezogen“, sagt Ingrid Walther, „danach ging es weiter, es entwickelte sich etwas Neues. Dieser Prozess hält bis heute an.“

Förderprogramme für Freelancer und Kleinunternehmer

Die Kreativen und Kulturschaffenden sind für Berlin ein wichtiges Aushängeschild, mit Strahlkraft weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus. Eine ganze Reihe von Wirtschaftsförderprogrammen wurde für Freelancer und Mikrounternehmer geöffnet, insgesamt 20 Millionen Euro Fördermittel fließen in das „Cluster Informationstechnologie, Medien, Kreativwirtschaft“. Dazu kommen zwei Millionen Euro für das „Projekt Zukunft“, das Kreativen dabei helfen soll, sich miteinander zu vernetzen.

Dieser Förderstrategie möchte die Stadt weiter folgen, den Fokus aber auch darauf legen, dass sich die Kreativen stärker mit traditionellen Branchen wie der Automobilindustrie vernetzen und neue Absatzmärkte außerhalb von Berlin erschließen.

Neue Ideen durch Netzwerke

Die Kultur- und Kreativszene umfasst viele Branchen: Künstler, Game-Entwickler, Musiker, Designer, Filmschaffende. Und immer wieder passiert es auch, dass sich traditionelle Branchen auf innovative Abenteuer einlassen. So wie der Verlag Das wilde Dutzend, der laut Selbstbeschreibung das Ziel hat, „Mysterien und Geheimnisse der Literatur- und Kulturgeschichte in die moderne Welt zu bringen“. Und schon dahinter verbirgt sich eine Geschichte. Denn hinter dem Verlag steht ein Geheimbund, berichtet Mitgründerin Dorothea Martin, und zwar die Loge: „Das ist – mag man es glauben oder nicht – eine Gruppe von 13 Unbekannten, die über die Jahrhunderte zahlreiche Geschichten gesammelt haben, die jetzt von uns veröffentlicht werden.“

Einmal im Jahr gibt der Verlag ein Buch heraus, Mitte 2012 erschien Wer kann für böse Träume – The Secret Grimm Files, mit Texten und Materialien zu den Märchen der Gebrüder Grimm. Das Buch funktioniert für sich – aber um es herum gibt es zahlreiche Events und Geschichten, die die Leser verfolgen können. Zum Beispiel gibt es eine Facebook-Gruppe, in der Nutzer die Geschichten von Adele lesen können, die im Auftrag des Geheimbunds unterwegs ist, um neue Texte zu finden. Adele twittert ihre Abenteuer auch, im Verlag gibt es Spielereihen und Workshops für Kinder, in denen es um Grimms Märchen geht: „Inzwischen haben wir eine feste Fangemeinde“, sagt Dorothea Martin, die sich allerdings vor allem auf Berlin konzentriert: „Vieles lebt vom persönlichen Austausch.“

Der Verlag ist aber nur eines ihrer Standbeine. Für Unternehmen entwickelt Martin Konzepte für transmediales Storytelling: So kann parallel zu einem Buch eine App veröffentlicht werden, mit der Leser mehr über Figuren erfahren oder ein Unternehmen über ein Internetspiel Bewerber findet. Viele Unternehmen aus der Unterhaltungsbranche zählten zu ihren Kunden, es sei aber auch denkbar, solche Geschichten für Unternehmensberatungen oder Banken zu entwickeln.

Raum für kreative Ideen

In Berlin funktioniere die Idee so gut, weil Menschen unterschiedlicher Branchen schnell Kontakt zueinander fänden: „Es gibt Spieleentwickler, IT-Experten, Filmleute, Social-Media-Experten und Verlage“, sagt Dorothea Martin, „und wenn man das Wissen all dieser Menschen zusammenbringt, kommen Ideen wie das transmediale Storytelling heraus.“ Neue Kontakte zu knüpfen gehöre in einer Stadt wie Berlin zur Tagesordnung: „Es gibt Orte, an denen Menschen für mehrere Tage Büros mieten und sich austauschen können, fast wöchentlich finden Konferenzen oder Netzwerktreffen statt.“ Menschen aus allen Teilen der Welt würden davon angezogen. „Die kreativen Ideen finden hier einfach einen Raum.“

Wie kreativ die Kulturindustrie in Deutschland aber auch außerhalb Berlins ist, kann man jedes Jahr bei der Jahrestagung der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung begutachten. Dort wird je eine herausragende Initiative aus jedem Bundesland als „Bewegungsmelder“ ausgezeichnet. Wo? In Berlin!