Kunstausbildung Freiraum für Kreativität

Der Name ist Programm: Der Studiengang Freie Kunst lässt den Studierenden an der Akademie der Bildenden Künste in München maximalen Freiraum. Welche Kreativität sich unter diesen Bedingungen entfalten kann, beweist die jährliche Sommerausstellung der Akademie. Den Studierenden gefällt diese Freiheit – doch man muss sie auch aushalten können.

Detailansicht des Modells „Life 3.0“ ; Detailansicht des Modells „Life 3.0“ ; | © Südpol-Redaktionsbüro/Anne-Kathrin Gebert Ein Junge streckt die Hand nach dem Schlüssel in der Schranktür aus und wirft der Künstlerin einen fragenden Blick zu. „Ja, du kannst die Tür ruhig aufmachen“, sagt Minyoung Paik. Die Koreanerin studiert im neunten Semester Bildhauerei bei Gregor Schneider. Sie begeistert die Besucher am Eröffnungstag der Jahresausstellung mit ihrem Gefrier-Schrank, der zunächst aussieht, als sei er ein gewöhnlicher Bauernschrank – bis man einen Blick hineinwirft und die gefrorenen Pullover sieht.

„Vor einer Weile musste ich in ein winziges Zimmer ziehen“, erläutert die 30-Jährige. „Deshalb habe ich über einen Self-Storage-Anbieter einen Keller gemietet. Damit die Sachen nicht anfangen zu schimmeln, ist es da so kalt wie in einem Kühlschrank. Immer, wenn ich dort Klamotten oder Bücher hole, sind sie eiskalt. So kam ich auf die Idee für den Gefrier-Schrank.“

Studieren – auch eine finanzielle Entscheidung

Wohnraum in München ist teuer, das Studium an der Akademie aber kostet inzwischen nur noch 111 Euro pro Semester – sehr wenig, wie Minyoung Paik findet. In Seoul, wo sie zuvor Textildesign studiert hatte, musste sie umgerechnet 3.000 Euro zahlen.

Auch das Studium in München gefällt Paik besser als in Seoul. Die Ausbildung in Südkorea sei verschulter. An der Akademie hingegen darf die Studentin machen, was sie will. „Wir haben Unterricht, wann der Professor will“, sagt Paik: „manchmal einmal pro Woche, manchmal einmal im Monat. Wir arbeiten die meiste Zeit allein. Zu den Klassenbesprechungen kann man dann ein Konzept, Material oder auch eine fertige Arbeit vorzeigen. Es gibt Vorträge zu verschiedenen Themen, aber die sind kein Muss, da geht man hin, wenn es einen interessiert. Das ist ganz frei.“

Selbstmanagement ist gefragt

„Wenn man technisch etwas lernen möchte, muss man in die Werkstätten gehen“, bestätigt auch Felix Kraus, der im zwölften Semester Kunstpädagogik studiert. „Es ist unüblich, dass der Professor zeigt, wie man den Pinsel schwingt. In Klassenbesprechungen geht man auf die Arbeiten ein, im besten Fall erhält man Verbesserungsvorschläge. Das Feilen an der Technik bleibt einem selbst überlassen; und das ist ja Sinn der Sache, dass man seinen eigenen Stil entwickeln kann.“

Gleichzeitig ist Kraus sich der Vorteile von klassischem Unterricht und Benotung bewusst: „Das strukturiert das Studium. Und man wird in Theorie ausgebildet. Dabei lernt man, seine eigenen Werke in der Kunstgeschichte zu verorten. Das ist wichtig für die eigene freie Arbeit.“

Willkommen im Jahr 2998

Für die Jahressausstellung hat Kraus das Pflichtprogramm reduziert und zweieinhalb Monate lang jede freie Minute an dem Projekt Life 3.0 gearbeitet: gemeinsam mit Bianca Kennedy, die im vierten Semester Medienkunst studiert. Im Raum der Papier-Werkstatt haben die beiden eine kleine Stadt namens Stevia aufgebaut. Im Jahr 2998 leben hier neben den Menschen auch Hybridwesen, die menschliche, pflanzliche und tierische Merkmale tragen.

In Stevia gibt es ein „Hybrid Museum“ mit Werken fiktiver Künstler – und ein „Last Cinema“ für die Menschen und Hybriden, die sich nach gemeinsamen Kino-Erlebnissen sehnen. Denn in der Zukunft der Kunststudenten gibt es kaum noch echte Treffpunkte, weil die „Cloud“ sie in die virtuelle Welt verlegt.

Von der Malerei zum Trickfilm

Das letzte Kino im Jahr 2998; Das letzte Kino im Jahr 2998; | © Südpol-Redaktionsbüro/Anne-Kathrin Gebert Zu Life 3.0 gehört auch ein Film, der während der Ausstellung entstand. „Mir ist die Geschichte wichtig“, sagt Bianca Kennedy. Früher habe ich gemalt, bin dann aber zur Fotografie umgeschwenkt, weil das direkter war. Zum Film bin ich während des Studiums gekommen, wo ich mich mit Filmgeschichte befasst und die Stop-Motion-Technik entdeckt habe. Seitdem bin ich davon restlos begeistert.“

Im Trickfilmseminar an der Münchner Akademie könne man dazu die Grundlagen lernen, sagt Kennedy. Doch was darüber hinausgehe, müsse man sich selbst erarbeiten. Ende 2014 möchte sie mit Felix Kraus für ein Jahr nach San Francisco gehen, um ihre Trickfilmkenntnisse zu vertiefen. Studium ist Eigenstudium – zumindest solange aus dem „freien“ Diplom kein „verschulter“ Bachelor werden soll.
 

Kunstausbildung in Deutschland

Voraussetzung für ein Studium der Freien Kunst in Deutschland ist neben der Hochschulreife der Nachweis künstlerischer Begabung. Dazu müssen Studieninteressenten einer Prüfungskommission eine Mappe mit eigenen Arbeiten vorlegen. Die Bewerbungsverfahren variieren: Einige Akademien laden zusätzlich zu einer praktischen und einer mündlichen Prüfung, andere erwarten, dass man sich den Professoren vorab persönlich vorstellt. Die Websites der jeweiligen Schulen geben hierüber Aufschluss.

Die Kosten des Studiums belaufen sich an den meisten Akademien auf den reinen Semesterbeitrag, der je nach Stadt unterschiedlich hoch ausfällt. In Niedersachsen werden derzeit neben dem Semesterbeitrag allerdings noch Studiengebühren erhoben. Klassenübergreifend bieten viele Schulen Theorie-Lehrveranstaltungen, beispielsweise in Kunstgeschichte oder Philosophie, interdisziplinäre Studien, Projektklassen und Werkstätten an, in denen Techniken wie Siebdruck, Lithografie oder Erzguss vermittelt werden. Dieses Zusatzangebot ist teils verpflichtend, teils freiwillig.

An vielen Akademien werden bereits Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten, an einigen, wie in München, gilt noch der Diplomabschluss. An vielen Kunsthochschulen kann auch das Staatsexamen abgelegt werden. Nicht jede Akademie gliedert die Ausbildung in Grund- und Hauptstudium und stellt ein Vordiplom aus. In München beispielsweise erhalten die Absolventen ihr Diplom nach der Diplomausstellung am Ende ihres Studiums, frühestens nach sechs Semestern. Auch die Regelstudienzeiten variieren.