Farbsymbolik Schweinchenrosa und Bonbonpink – Kitschfarbe oder Farbkitsch?

„Ei love Rosa“ – Das Überraschungsei für Mädchen wirbt in schrillem Pink.
„Ei love Rosa“ – Das Überraschungsei für Mädchen wirbt in schrillem Pink. | Foto (Ausschnitt): © 4nitsirk

Eine Mädchenabteilung im Kaufhaus erkennt man sofort: Rosa und Pink, kombiniert mit Glitzer, Plüsch und Pailletten. Mit anderen Worten: Kitsch. Eine kulturgeschichtliche Betrachtung.

Sommer 2012: Ferrero bringt ein Überraschungsei nur für Mädchen auf den Markt, gewürzt mit dem Slogan Ei love Rosa und Blümchen auf der Schokoei-Verpackung. Damit schließt sich Ferrero anderen Herstellern wie Lego, Duplo oder Playmobil an, die ursprünglich geschlechtsneutral waren und nun ebenfalls eigene Produktlinien für Mädchen entwickelt haben – mit richtig viel Rosa in sämtlichen Nuancen.

Mädchen lieben rosa?

Was unter Feministinnen und Gender-Forscherinnen für Aufregung und harsche Kritik sorgt – das feministische Magazin Emma zum Beispiel kommentiert das Mädchen-Ü-Ei mit „Rosa macht Mädchen dümmer“ – ist aber nur ein kleiner Baustein in der rosaroten Glitzerwelt, die die Mädchenabteilung in jedem Kaufhaus unübersehbar macht: Babypuppen mit rosa Stramplern sitzen neben der rosa gekleideten Prinzessin Lillifee, weißen Plüschkätzchen mit rosa Halsbändern und Barbies in bonbonpinker Luxuswelt. Da reicht es nicht einmal mehr, dass Ponys Ponys sind. Selbst die sind pink mit Glitzermähne und schimmerndern Locken. Mit anderen Worten: Kitsch.

Woher aber kommt diese Auffassung? Ist alles, was rosa ist, automatisch Kitsch? Und ist alles, was rosa Kitsch ist, automatisch Mädchensache? Ein Blick zurück zeigt, dass die Farbe rosa ursprünglich ganz anders wahrgenommen wurde.

Weiß wie Schnee, rot wie Blut

Bereits im Mittelalter hatte die Kombination der Farben rot und weiß eine symbolhafte Bedeutung – so ist der Held in Wolfram von Eschenbachs höfischem Roman Parzival völlig hingerissen von seiner Frau Condwiramurs, weil ihre Erscheinung wie eine vom Tau benetzte Rose – so der Erzähler – weiß und rot vereint. In mittelhochdeutschen Texten gelten diese Farben als geschlechtsneutrales Schönheitsideal – die schönste Frau und der schönste Mann haben weiße Haut und rote Wangen und Lippen.

Rot wird aber nicht nur mit Schönheit, Liebe und Erotik in Verbindung gebracht, sondern steht auch für Stärke und Macht. Die Autorin Eva Heller erklärt in ihrem Buch über Farbsymbolik und -psychologie Wie Farben wirken, dass rot in allen Kulturkreisen dem Männlichen zugeordnet ist. In Wörterbüchern sind die zentralen Farbträger Blut und Feuer. Sie verweisen auf Leben, Leidenschaft oder Kampf. So erschlug Parzival den Ritter Ither vor König Arthus’ Schloss, weil er dessen rote Rüstung begehrte. Anschließend zog er als roter Ritter durch das Land und machte im Grunde nur eines: kämpfen.

Rosa für Jungen, Blau für Mädchen

Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht abwegig, dass rosa lange Zeit keine Mädchen- sondern eine Jungenfarbe war, denn rosa war das ‚kleine Rot‘. Obwohl Kinderkleidung bis ins 20. Jahrhundert meist farbneutral und funktional war, gab es überwiegend in Adelskreisen auch farbige Kleidungsstücke – rosafarbene für Buben, blaue für Mädchen. Das lag daran, dass Blau die Farbe der Jungfrau Maria war. Zahlreiche Mariendarstellungen, unter anderem von Albrecht Dürer oder Leonardo da Vinci, zeigen die Gottesmutter mit einem blauen Umhang oder Kleid.

Ein Wandel der Farbzuordnungen setzte erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ein, allerdings schleichend, wie die Historikerin Jo B. Paoletti feststellt. Verantwortlich sind mehrere Faktoren. Religiöse Symbolik und damit die Marienfarbe verliert immer mehr an Bedeutung. Als Farbe für die Uniformen von Soldaten wird Rot durch unauffällige Grautöne abgelöst – das Bedürfnis, als prächtiges, großes und furchteinflößendes Heer in den Kampf zu ziehen, fiel der Rüstungsindustrie und dem damit verbundenen Wandel von Kriegsführungsstrategien zum Opfer. Die fortschrittlichen Schusswaffen wurden aus Schützengräben abgefeuert. Blaue Matrosen-und Arbeiterkleidung rückte die Farbe Blau in den Bereich des Männlichen. Um die Geschlechter voneinander abzugrenzen, wurde Rosa daraufhin zur Mädchenfarbe.

Prinzessinnenrosa und rosa Kitsch

Wie aber kam es zur Verbindung von Rosa und Kitsch? Caroline Kaufmanns Dissertation Zur Semantik der Farbadjektive rosa, pink und rot gibt eine Antwort: Das Farbwort Rosa ist mit den Objekten verbunden, auf die sie sich bezieht. Schweine zum Beispiel sind rosa – ein Rosaton, der an die Farbe von Schweinen erinnert, ist also schweinchenrosa. Genauso ist es mit rosa Kitsch. Nicht die Farbe an sich wird als kitschig empfunden, sondern die Kombination von Farbe und Objekt und vor allem dessen Erscheinungsbild.

Zurück zum Pony: Ein Spielzeugpony ist in der Regel nicht kitschig; ein Pony mit gelockter Glitzermähne, überlangen Wimpern und rosa Fell schon. Es ist das Zuviel an Attributen, das Kitsch zu Kitsch macht. Und davon gibt es in der Mädchenabteilung sowohl bei Spielwaren als auch bei Kleidung genug. Gerade die extreme Geschlechtertrennung durch Textil- und Spielwarenhersteller heutzutage unterstützt die Zusammenführung von rosa und Kitsch und vor allem von Mädchen und Kitsch. Ein neonrosa Prinzessinnenkleid mit Feenflügeln und Plastikdiadem hat nicht mehr viel mit dem ursprünglichen ‚kleinen Rot‘ gemein.