Schwules Museum Berlin Geschichte zweigleisig

Schwules Museum Berlin
Schwules Museum Berlin | Foto (Ausschnitt): Tobias Wille

Es ist das einzige Museum Europas, das sich der Geschichte von Homosexuellen widmet. Im Schwulen Museum Berlin zeigt eine neue Ausstellung, wie Lesben und Schwule gelebt, gekämpft und gefeiert haben – nun endlich mit mehr Vorzeigekraft: Das Haus ist im Frühjahr 2013 an einen neuen Standort gezogen.

Die kennen wir doch! Das ist Maria aus dem Risiko, die Barfrau jener legendären Westberliner Kneipe aus den 1980er-Jahren, die ihre Haare zu einer Rockabilly-Tolle hochgegelt hat und für das Foto posiert. Oder Rosa von Praunheim, der Kult-Regisseur, der mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ die westdeutsche Schwulenbewegung 1971 angestoßen hat, und auf einem Gemälde aus den 1960er-Jahren wie ein junger Adonis aussieht. Und nicht zu vergessen Friedrich der Große, jener legendäre Preußenkönig, der auf den Nachdrucken so stocksteif guckt, als müsse er sich laufend etwas verkneifen – und nicht wenige Historiker nehmen an, es handle sich dabei um seine Homosexualität.

Es sind solche Aha-Momente, die einen Rundgang im neuen Schwulen Museum in Berlin begleiten. Im 28. Jahr seines Bestehens, 2013, ist die Institution umgezogen, vom Kreuzberger Hinterhof ins Schöneberger Vorderhaus. Große Fensterscheiben öffnen den Blick zur Lützowstraße. Aus dem Kellerkind ist ein Prestigeobjekt geworden, renommiert und mit einem Jahresbudget von 650.000 Euro öffentlich gefördert. Längst empfiehlt die New York Times das Museum und besprechen bundesweite Medien die temporären Ausstellungen. Von „sozialer Aufwertung“ sprach Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, als er im Mai 2013 das Haus miteröffnete.

Ein verwirrender Name

Innenansicht des Schwulen Museums, Architektur: Wiewiorra Hopp Schwark Innenansicht des Schwulen Museums, Architektur: Wiewiorra Hopp Schwark | Foto: Tobias Wille Die knapp 300 Exponate in der 650 Quadratmeter großen Ausstellung schlagen in Hoch- und Subkultur aus und vermitteln Besuchern Einblicke in einen möglicherweise unbekannten Alltag – zum Beispiel dank Fotos und Flyern in die Bar Pelze in der Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg, die seit 1981 als Kulturtreffpunkt für Lesben und Frauen geführt wurde, und in dem es sogar einen Darkroom gab. „Was auch immer da passiert ist“, wie Birgit Bosold anmerkt, Zeitzeugin, promovierte Literaturwissenschaftlerin und ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Museums.

Birgit Bosold, oder „Frau Dr. Bosold“, wie sie ein junger Mann anspricht, den sie daraufhin so entwaffnend anlächelt, dass keine Fragen mehr um die richtige Etikette offen bleiben, sitzt im Hof, raucht eine Zigarette und unterhält sich mit Krista Beinstein – einer Künstlerin, die lesbische Erotik thematisiert und gerade das Museum besucht. Die Österreicherin trägt freundliches Schwarz, auf der Gürteltasche prangt ein Totenkopfaufkleber, und sie verwirft den Einwand, dass der Name – Schwules Museum – irgendwie verwirrend sei: „Hier gibt es auch die Sicht der Frauen“, sagt sie. Birgit Bosold, die die Ausstellungen des Museums mitkuratiert, ergänzt: „Früher bezeichneten sich auch die Frauen als schwul.“ Also jene, die Frauen liebten. Sie organisierten sich in der Homosexuellen Aktionsfront Westberlin (HAW) mit den Männern, bis sie 1974 eigene Aktionen planten und durchführten.

Superzentral im neuen Haus

Zweigleisige Geschichte, aus der Sicht von Frauen, aus der Perspektive von Männern, das hat es bisher im Schwulen Museum kaum gegeben. Die programmatische Neuausrichtung war ein wichtiger Schritt, der mit dem Umzug in die neuen Räume – ganz in der Nähe des alten Schwulenkiezes am Berliner Nollendorfplatz – einherging. „Superzentral“ findet Birgit Bosold den Standort. Und ist glücklich über die 1.600 Quadratmeter (zuvor waren es 900), die das Haus auf drei Etagen zur Verfügung hat. Vor allem dem Archiv, das allein 600 Quadratmeter erhält, kommt das zugute. Über einen Kilometer lang sind die Papiere aneinandergereiht, die im Archiv im Keller auf genaue Auswertung warten.

Der kesse Vater

An der Dauerausstellung feilen die Kuratoren noch. Derweil beschäftigt sich eine umfassende Schau unter dem Titel Transformationen mit sich wandelnden Geschlechterordnungen. Die Ausstellung ist eine Referenz an die neue Programmatik wie an die individuellen Biografien, die in den minimalistisch ausgestatteten weißen Räumen nachzulesen sind. Da hängen auch Fotos von Lotte Hahn aus den 1920er-Jahren. „Heute würde man sie als Veranstaltungsunternehmerin bezeichnen“, sagt Birgit Bosold über die Party-Organisatorin und politische Aktivistin. Damals war sie ein „kesser Vater“, so nannte der Volksmund Frauen, die Männerkleidung trugen. Den Gemälden des DDR-Malers Jochen Hass wiederum ist eine zeitweilige Ausstellung gewidmet. Sie zeigt abstrakte und figurative Malereien aus den frühen 1950er-Jahren – geschaffen von einem Mann, der seinen offiziellen Status als Künstler aufgab und lieber als Denkmalpfleger arbeitete, um keine Propagandaschinken malen zu müssen und an seiner homoerotischen Ästhetik feilen zu können. Ein anderer Raum beschäftigt sich mit jüdischen Homosexuellen im „Dritten Reich“.

Aufräumen mit Tabus

Im Schnelldurchlauf bietet das Museum ein Wechselbad von Verfolgung, Vertreibung und Anerkennung. Von antiken Mythen zu Schwulenparaden war es ein Jahrtausende währender Weg. Ist das Ziel erreicht? In Frankreich demonstrieren Zehntausende gegen die sogenannte Homo-Ehe, in den USA hat das Thema den Wahlkampf bestimmt, in Deutschland mahnt das Bundesverfassungsgericht die rechtliche Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften an. Noch immer werden gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen in vielen Ländern weltweit tabuisiert und kriminalisiert. In der Geschichtsschreibung taucht das Wort Homosexualität bis zum Industriezeitalter überhaupt nicht auf. „Geschichte ist immer Geschichte der Sieger“, sagt Birgit Bosold. Damit das nicht so bleibt, gibt es das Schwule Museum.