Berlinale 2014 Vom Leiden, Leben, Lieben

Parforceritt durch die europäische Kulturgeschichte – „Nymphomaniac Volume I“ (Lars von Trier)
Parforceritt durch die europäische Kulturgeschichte – „Nymphomaniac Volume I“ (Lars von Trier) | Foto (Montage): © Casper Sejersen / Concorde Filmverleih 2014

Ausgesprochen experimentierfreudig präsentierte die Berlinale 2014 spannende inhaltliche Schwerpunkte wie Familie, Liebes- und Identitätssuche oder interessante Brüche in der Erzählform.

Die Wunden, die die Ablehnung durch den Vater schlägt, und ihre dramatischen Folgen zeigten die deutsch-mexikanische Koproduktion Los Ángeles von Damian John Harper und der argentinisch-deutsche Wettbewerbsbeitrag La Tercera Orilla von Regisseurin Celina Murga. Aber auch Mütter handeln entgegen der traditionellen Rollenerwartung und verstoßen ihre Kinder. Intensive Beispiele dafür waren der Wettbewerbsbeitrag Aloft der Peruanerin Claudia Llosa und der Preisträger des „Besten Erstlingsfilms“ Güeros des mexikanischen Regisseurs Alonso Ruizpalacios. Mason, Protagonist in dem Publikumsliebling Boyhood von US-Regisseur Richard Linklater, der dafür mit einem Silbernen Bär ausgezeichnet wurde, muss ebenfalls für seine Ängste und Sehnsüchte immer wieder eigene Lösungen finden.

Auch in Deutschland gibt es dafür Beispiele: Jedes achte Kind in Berlin lebt unter der Armutsgrenze, oft vernachlässigt von den Eltern. Regisseur Edward Berger erzählt davon im deutschen Wettbewerbsbeitrag Jack. Unsentimental und doch herzergreifend beschreibt er den Überlebenskampf zweier Berliner Kinder – vergessen von der überforderten Mutter.

Familie – die Hölle auf Erden

Fundamentalismus ist – wenn man den Medien glaubt – ein Thema, das in erster Linie mit Religionen anderer Länder in Verbindung gebracht wird. Doch Dietrich Brüggemann zeigte in seinem herausragenden Wettbewerbsbeitrag Kreuzweg (Stations of the Cross) in 14 Stationen, wie ein Teenager durch religiösen Fanatismus in den Tod getrieben wird, mitten in einer deutschen Kleinstadt. Für das Drehbuch, dessen pointierte Dialoge das Publikum sogar streckenweise zum Lachen brachten, wurden Dietrich und seine Schwester Anna Brüggemann, die auch als Darstellerin zu sehen ist, mit einem Silbernen Bären honoriert.

Den „Kriegsschauplatz Familie“ hatte auch Kuzu (The Lamb) von Kutlug Ataman in der Sektion Panorama als zentrales Thema. Ataman erzählt vom verzweifelten Kampf der jungen Mutter Medine um Ehre und Liebe in einem ostanatolischen Dorf. Für das atmosphärische und psychologisch sensibel gestaltete Familiendrama wurde der Film auf der Berlinale mit dem unabhängigen Award der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai ausgezeichnet.

Vergiss die Liebe?

Im Wettbewerb – außer Konkurrenz, aber sehnsüchtig erwartet – lief Lars von Triers Nymphomaniac Volume I als Director’s Cut. „Forget about Love“ heißt es lakonisch im Untertitel des Films. Dann überraschte der dänische Regisseur mit einer mitfühlenden Inszenierung und einem intelligenten Parforceritt quer durch die europäische Kulturgeschichte. Von Trier erweist sich erneut als einer der großen Innovatoren des Kinos der Gegenwart, der konservative Moralapostel und Sex-Hype gleichermaßen in Frage stellt.

Sehr viel zurückhaltender, aber konsequent inszeniert, gelingt Regisseur Lou Ye in dem chinesischen Wettbewerbsbeitrag Blind Massage (Tiu Na) das Experiment, Sehenden die Erlebniswelt blinder Menschen näher zu bringen, ein Silberner Bär belohnte Kameramann Zeng Jian. Liebes- und Identitätssuche stehen auch im Fokus der Gewinnerin des Preises Dialogue en Perspective: Ester Amrami inszeniert in Deutschland und Israel mit Anderswo (Anywhere Else) eine bewegende Liebesgeschichte im Spannungsfeld zwischen Heimatsuche und Entwurzelung.

Und wer bislang glaubte, die Weimarer Klassik sei eine Zeit der keuschen Literaturproduktion gewesen, wurde in Dominik Grafs Wettbewerbsbeitrag Die geliebten Schwestern (Beloved Sisters), in dessen Zentrum die Ménage à trois zwischen dem Schriftsteller Friedrich von Schiller und den Lengefeld-Schwestern steht, eines besseren belehrt.

Rendezvous – Tradition umarmt Vision

„Black Coal, Thin Ice“ von Diao Yinan (Trailer)

„In meinem Film begegnen sich der Kleine Prinz und Terminator“, sagt Regisseur Marcin Malaszczak. Er spielt in der deutsch-polnischen Produktion Orbitalna mit unseren Sehgewohnheiten: Eine Frau betreut eine riesengroße Braunkohleförderanlage. Doch Malaszczak verfremdet farblich die polnische Tagebaulandschaft zu einem Science-Fiction-Szenario und zeigt uns Handgriffe und Produktionsabläufe in Großaufnahmen. Plötzlich gehen Mensch und Maschine eine ganz neue, hingebungsvolle Beziehung ein.

Einen ähnlich radikalen Blick nimmt der Gewinner des Silbernen Bären für den besten Kurzfilm, Guillaume Cailleau, in der deutschen Produktion Laborat ein: Gedreht auf 16mm, reflektiert sein Film auf mehreren Ebenen das Thema „Arbeit“. „Onkologische Forschungsstation, Berlin, 8. und 9. Januar 2011“ heißt es zu Beginn. Und während wir der Sektion einer Versuchsratte folgen, bricht der Regisseur diesen Prozess durch ein subtiles Spiel mit Schärfe und Unschärfe, Farbdramaturgie sowie den ständig präsenten Arbeitsebenen des Filmteams. Doch nicht nur in den Sektionen Forum und Forum Expanded, wo man den Bruch traditioneller Formen erwartet, gab es Überraschungen: Black Coal, Thin Ice (Bai Ri Yan Huo) des chinesischen Regisseurs Diao Yinan, Gewinner des Goldenen Bären, erzählt, orientiert am Film Noir, über einen einsamen Ex-Polizisten und eine verführerische Femme fatale – und führt dennoch konsequent in das Lebensgefühl des heutigen Chinas. Und im Panorama zeigte, getragen von einer außergewöhnlichen Ton-Bild-Montage, 20,000 Days on Earth von Iain Forsyth und Jane Pollard, wie man den Avantgarde-Musiker Nick Cave im klassischen Format einer Musikdokumentation jenseits von Starkult ganz nah porträtieren kann.

Fokus deutsches Kino

Nachdem im letzten Jahr eher wenige deutsche Filme auf der Berlinale zu sehen waren, gab es 2014 – neben vier Filmen von deutschen Regisseuren und zwei deutschen Koproduktionen im Wettbewerb – auch in anderen Sektionen Spannendes zu entdecken. So demonstrierte Maximilian Erlenwein mit Glanzleistungen von Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel in Stereo, dass Actionkino aus Deutschland subtil und kunstvoll sein kann. Selbst die „Berliner Schule“ überraschte mit Humor: In Benjamin Heisenbergs Über-Ich und Du (Superegos) trifft Kleinganove Nick auf einen Psychologieprofessor in der Sinnkrise. Das ist von Kameramann Reinhold Vorschneider wunderschön fotografiert und ein herrlich doppelbödiger Culture-Clash, in dem Sigmund Freud natürlich nicht fehlen darf. Fazit: neue Ästhetik, Mut zur Grenzüberschreitung, intelligente Liaison mit dem Genre, wohin man sieht – wie es scheint, erfindet sich der deutsche Film gerade neu.