Deutscher Auslandsjournalismus Teuer, also überflüssig?

Korrespondent

Auslandskorrespondenten muss man sich leisten können – oder wollen. Immer öfter sparen deutsche Medienhäuser an ihren Auslandbüros. Das hat Folgen für die Qualität der Berichterstattung.

Als im Februar 2014 die Krim-Krise ausbrach, traf das die deutsche Medienlandschaft unvorbereitet. Vorausgeahnt hat den Konflikt um die ukrainische Halbinsel niemand. Rasch gab es Sondersendungen und Live-Ticker zum Thema. Und immer wieder wurde ein Mann interviewt, der prädestiniert dafür schien, Deutschland die aktuelle Lage in der Ukraine zu erklären: Vitali Klitschko. Der ukrainische Box-Weltmeister ist in Deutschland sehr populär, spricht die deutsche Sprache und kennt sich aus mit der Thematik. Aber er ist auch in den Konflikt verwickelt: Klitschko war in dieser Zeit Oppositionspolitiker in seinem Heimatland Ukraine. Seine Sicht der Dinge war also nicht objektiv.

Nur ein paar Wochen später begann in der deutschen Medienlandschaft eine Diskussion über die Berichterstattung im Krim-Konflikt. Sie wurde als schablonenhaft, oberflächlich und einseitig kritisiert. Differenzierte Darstellungen der komplexen Gemengelage wurden schmerzlich vermisst. Woran lag das? Fast alle Korrespondenten wurden auf die Schnelle in den Brennpunkt Ukraine eingeflogen. Manche aus Warschau oder Moskau, wo einige wenige ihre Büros haben, andere auch aus Deutschland. Ohne die Entwicklung und die Hintergründe des Konflikts vor Ort mitbekommen zu haben, sollen sie auf die Schnelle Berichte und Analysen im Stundentakt liefern. Diese eigens eingeflogenen Journalisten seien „Fallschirmreporter, die kaum mehr berichten als Allgemeinplätze“, sagt Marc Engelhardt vom Korrespondenten-Netzwerk Weltreporter.net.

„Bis auf einmal gekämpft wird“

Engelhardt kritisiert, dass der Auslandsjournalismus und damit Korrespondentenstellen immer öfter von Einsparungen betroffen sind. „Auslandsberichterstattung erscheint vielen Herausgebern verzichtbar – bis dann zum Beispiel in der Ukraine auf einmal gekämpft wird und sich alle fragen, warum man die Entwicklungen nicht früher mitbekommen hat.“ Dabei sei diese Einsparung genau an dieser Stelle „besonders fahrlässig, denn in der breiten Öffentlichkeit und zunehmend auch bei Entscheidern fehlt immer mehr das nötige komplexe Wissen um das, was jenseits der deutschen Grenzen geschieht“, kritisiert Engelhardt.Die Berichterstattung über die Krim-Krise eignet sich auch deshalb als Beispiel für diese Entwicklung, weil noch vor einiger Zeit Russland und seine Umgebung von einigen Medien als zu vernachlässigende Region eingeschätzt wurde – nicht als kommender weltpolitischer Brennpunkt. So hatten die Wirtschaftszeitung Handelsblatt, die Wochenzeitung Die Zeit und die Tageszeitung Süddeutsche Zeitung in letzter Zeit in der Region Korrespondentenstellen eingespart.

Auslandsjournalismus ist teuer

Warum wird aber gerade beim Auslandsjournalismus gerne der Rotstift angesetzt? „Manche Korrespondentenbüros kosten eine Million Euro im Jahr und mehr“, sagt Lutz Mükke vom Institut für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig. Deshalb sparen vor allem diejenigen am Auslandsjournalismus, die unter großem Kostendruck stehen: „Die überregionalen Printmedien bauen weiter Korrespondentenstellen ab“, erklärt Mükke, der auch Herausgeber der internationalen Journalismus-Zeitschrift Message ist. Noch viel stärker treffe dieser Trend die Regionalmedien. Während der private Rundfunk kaum ins Ausland investierte, „bleiben die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine der stärksten Stützen des deutschen Auslandsjournalismus“. Doch dies reiche nicht aus. „Das System Journalismus muss, um seinen gesellschaftlichen Auftrag in einer Demokratie gerecht werden zu können, eigenes Analysevermögen beibehalten. Sonst stürzen PR und Propaganda über uns vollends herein“, sagt Mükke. Trotzdem stünde der deutsche Auslandsjournalismus im Vergleich zu anderen Nationen wie den USA oder Großbritannien immer noch gut da, „auch weil britische und US-Medien ihre Korrespondentennetze teils drastisch abbauen mussten“, so Mükke.

Idealismus ist gefragt

Je weniger feste Korrespondenten sich deutsche Medien im Ausland leisten, desto mehr Journalisten versuchen, sich als freie Auslandskorrespondenten zu etablieren. Einige von Ihnen haben sich im Netzwerk Weltreporter.net zusammengeschlossen. „Die Weltreporter sind eine Art virtuelles, globales Reporterbüro – wir helfen uns gegenseitig und geben uns Rückhalt“, sagt Marc Engelhardt. Diese moralische Unterstützung wird auch durch die manchmal unsichere finanzielle und soziale Situation als freier Reporter im Ausland nötig. Trotzdem ist Engelhardt mit seiner Jobwahl zufrieden: „Man wird nicht reich damit, vor allem nicht als Freier, und durchgearbeitete Nächte gehören ebenso dazu wie das gelegentliche Übernachten im Busch. Aber dafür erlebt man nicht nur die tollsten Geschichten, sondern man darf auch noch davon erzählen. Was kann es besseres geben?“ Im Auslandsjournalismus, so scheint es, spielt Idealismus eine große, und wohl auch eine immer wichtiger werdende Rolle.