Baltische Comicszene Freiraum für Experimente

Comic von Rūta Briede, Lettland
Comic von Rūta Briede, Lettland | © Rūta Briede

Gerade das Fehlen einer starken Comic-Tradition macht die baltische Comic-Szene interessant. Künstlerinnen und Künstler müssen sich nicht althergebrachten, strengen Regeln unterwerfen und haben viel Freiraum für Experimente.

Auch wenn die Überschrift etwas in die Irre führt – in den baltischen Ländern gibt es keine gemeinsame Comic-Szene – so sind die kleinen, lebendigen Comic-Projekte in Litauen, Lettland und Estland doch sehr ähnlich. Würde man alle in diesen Ländern erschienenen Comic-Büchern nebeneinander stellen, würden sie wohl kaum ein Buchregal füllen. Die Buchmärkte der Länder sind sehr klein und es erscheinen nur wenige Übersetzungen fremdsprachiger Comics. Doch all diesen Schwierigkeiten zum Trotz, macht gerade das Fehlen einer starken Comic-Tradition die Comic-Szene des Baltikums interessant. Die Künstler müssen sich nicht althergebrachten, strengen Regeln unterwerfen und haben viel Freiraum für Experimente.

Um die eingangs beschriebene Situation zu ändern, sind in allen baltischen Ländern Comic-Organisationen aktiv und im Laufe der vergangenen Jahre ist die Zahl unabhängiger Comic-Publikationen stark gestiegen. Kitokia Grafika in Litauen, kuš! komiksi in Lettland und die Estnische Comic-Gesellschaft arbeiten in den jeweiligen Ländern auf ein gemeinsames Ziel hin: Comics als eigenständige, hochwertige Kunstform zu etablieren, Künstler aus der Region bekannt zu machen, regelmäßig Workshops, Ausstellungen, Comic-Jams und das „Comics in Residence-Programm“ CUNE zu organisieren und natürlich Bücher herauszugeben.

Kitokia Grafika wurde ursprünglich in Vilnius gegründet, zog später nach Kaunas um und konnte in kurzer Zeit viel erreichen: In Kaunas wurde eine Comic-Bibliothek eröffnet und ein risographisches Druckerei-Studio eingerichtet, in dem jeder seine eigenen Comic-Magazine oder Bücher drucken kann. Kitokia Grafika hat die Graphic-Novels Maus von A. Spiegelmann und Persepolis von M. Satrapi in litauischer Übersetzung herausgegeben und publiziert regelmäßig das Comic-Magazin Still without a name, in dem sich stets zahlreiche Arbeiten lokaler Künstler finden.

kuš! komiksi begann im Jahr 2007 in Riga Comics in lettischer Sprache herauszugegeben und diese über Zeitschriftenkiosks in ganz Lettland anzubieten. Ein Jahr später erschienen die ersten Comic-Sammelbände auf Englisch, die langsam ihren Weg in unabhängige Comic-Fachgeschäfte und Buchläden auf der ganzen Welt fanden. Seit 2008 erscheint vierteljährlich die internationale Comic-Anthologie š!. In jeder Ausgabe versammelt sie unter einem bestimmten Thema kurze Geschichten verschiedener internationaler Comicautoren. Im Jahr 2012 wurde die š!–Ausgabe Female Secrets sogar mit dem Preis für die beste unabhängige Comic-Veröffentlichung („Prix de la Bande Dessinée Alternative”) des Comic-Festivals in Angoulême ausgezeichnet. Neben der regelmäßigen Herausgebertätigkeit und der Teilnahme an internationalen Comic-Festivals organisiert kuš! seit 2013 in Zusammenarbeit mit der Belgischen Botschaft in Riga einen Comicwettbewerb in Lettland, der unter jüngeren Künstlern Interesse wecken soll, sich im Comiczeichnen zu beweisen.

Comic von Joonas Sildre, Estland Comic von Joonas Sildre, Estland | © Joonas Sildre Die Estnische Comic-Gesellschaft (Estonian Comics Society) wurde offiziell erst im Jahr 2012 gegründet, obwohl ihre Initiatoren, darunter auch Comic-Autoren, schon seit über zehn Jahren Comic-Anthologien veröffentlicht und die Internet-Seite Koomiks.ee (die heute eingestellt ist) betreut hatten. Seit ihrem Bestehen hat die Gesellschaft bereits mehrere Comic-Bücher herausgegeben. Eine ihrer größten Veranstaltungen bisher war eine Comicausstellung anlässlich des hundertjährigen Bestehens estnischen Filmschaffens, im Rahmen derer Arbeiten mehrerer Comic-Künstler zu über 100 ausgewählten Filmen zu sehen waren.

Neben den oben genannten Organisationen tragen die Comic-Künstler selbst zur Förderung der Comic-Szene in den baltischen Ländern bei. Wer sind diese Künstler? Wahrscheinlich fände man niemanden, der sich selbst Comic-Künstler nennt. Die Autorinnen und Autoren, die Comics zeichnen, tun dies meist zusätzlich neben einer Vielzahl anderer Beschäftigungen. Sie sind überwiegend Kunststudenten, Illustratoren, Animationsfilmschaffende, Grafikdesigner, Kunstpädagogen, Soziologen, Architekten oder Journalisten… Ein Großteil der Autoren arbeitet in einem anderen kreativen Beruf und zeichnet lediglich in seiner Freizeit Comics. Wenn sich die Comic-Kultur weiterhin so rasch entwickelt, wie in den letzten zehn Jahren, können wir allerdings schon in nächster Zukunft mit viel mehr jungen Talenten rechnen. Wir möchten Ihnen die Künstlerinnen und Künstler, die heute die Comic-Kultur in den baltischen Ländern prägen vorstellen. Lassen Sie sich von den farbenfrohen und experimentellen Geschichten aus Lettland, Litauen und Estland überraschen!