E-Books Die Situation muss sich ändern! Ein Meinungsstück von Indrek Hargla

Indrek Hargla
Indrek Hargla | Illustration: Aivar Juhanson

Der estnische Schriftsteller Indrek Hargla weigert sich seine Bücher als E-Books zu veröffentlichen. Warum das so ist erklärt er in diesem Meinungsstück.

Die kulturelle Bildung ist zweifellos aus der Kunst des Buchdrucks entstanden. Die Grundlage der Intellektualität des modernen Menschen besteht in der selbstständigen Arbeit mit Büchern, kurz gesagt im Lesen und Schreiben. Offensichtlich stehen wir momentan in unserem digitalen Zeitalter auf der Schwelle zu einer großen Veränderung. Bücher werden weniger in die Hand genommen, sondern am Bildschirm gelesen, die gesamte intellektuelle Tätigkeit ebenso wie der Zeitvertreib konzentrieren sich in einem mit einer Hand zu haltenden Gerät. Kann dies zu einem allgemeinen geistigen Rückfall führen? Kann beispielsweise die ganze humanistische Bildung, welche sich über Jahrhunderte aus der Berührung mit Papier genährt hat, in ihrer Form erhalten bleiben, wenn das Papier durch digitale Technik ersetzt wird? Schon jetzt könnte es uns leicht unbehaglich stimmen, dass wir ein kleines Gerät in der Hand halten, dessen Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit zu Anfang des Jahrhunderts selbst ein Science-Fiction-Autor nicht vorhersehen konnte, und damit ein Bild von einem Erdbeercocktail machen und es auf Facebook posten. Wenngleich wir wissen, dass dieses Gerät uns in wundersamer Geschwindigkeit mit allen Weisheiten der Welt versorgen könnte.

Eine unzählbare Anzahl von Menschen auf der ganzen Welt ist bereit eine beachtliche Summe Geld für ein Gerät auszugeben, mit dem sich Bücher lesen lassen. Und dann zahlen sie nicht weniger für das Buch selbst. Oder genauer gesagt, für den Text des Buches in Form einer Datei. Denn eigentlich ist das E-Book nur ein Derivat des eigentlichen Buches. Und fängt man an die Datei wie ein Buch zu behandeln, beginnen all die Unbestimmtheiten, Widersprüche und selbst Unsinnigkeiten, die gegenwärtig das E-Book umgeben.

Der Käufer eines E-Books ist Opfer eines Betrugs

Illustration: Liene Ķipēna Illustration: Liene Ķipēna Ich bin ein estnischer Schriftsteller, der über den Verkaufserfolg seiner Bücher nicht klagen kann. Trotzdem habe ich meine letzten drei Bücher nicht als Datei auf den E-Book Markt entlassen. Sie können nur auf Papier erworben werden und es sieht auch nicht so aus, als kämen sie jemals als Dateien auf den Markt. Der erste Grund, warum ich mit dem estnischen E-Book Markt nichts zu tun haben möchte, ist finanzieller Natur. Als Autor erhalte ich vom Verkauf eines jeden Buches eine geringere Summe als der Buchladen, der Großhändler und der Staat in Form von Mehrwertsteuer. Ich wiederhole – der Staat erhält durch den Verkauf eines E-Books mehr Mehrwertsteuer als der Autor Honorar. Diese Situation, in der das Verfassen eines Buches deutlich weniger einbringt als der Klick auf einen Button, dieser Wandel ist für einen Schriftsteller erniedrigend. Noch erniedrigender ist, dass vom Käufer eines E-Books 20 Prozent als Mehrwertsteuer geschröpft werden. Für das Herunterladen einer Datei verlangt der Staat eine höhere Mehrwertsteuer als für den Kauf eines Papierbuchs (in Estland neun Prozent).

So zahlt der Käufer unzulässig viel, und zum Schriftsteller gelangt von diesem Geld nichts. Der größte Teil der Verkaufssumme wandert in die Taschen Dritter. Eine derartige Situation zeigt sehr überzeugend, dass der Verkauf von E-Books nicht die Vorteile einer Datei gegenüber eigentlichen Büchern berücksichtigt, und wir durch die Behandlung von Dateien als Bücher eine irrationale Situation erreicht haben. Beim Verkauf einer Datei sind die Kosten für Herstellung und Vertrieb nicht mit denen eines wirklichen Buches vergleichbar, sie sind praktisch nicht vorhanden. Es fehlen Druckkosten, Vertriebskosten, Lagerhaltungskosten usw. Ein E-Book ist zu 90 Prozent fertig, sobald der Schriftsteller den Text abgeschlossen hat.

Aus diesem Grund tut mir der Käufer eines E-Books leid, denn genau genommen ist er Opfer eines Betrugs. Er zahlt für nichts, denn was ist heutzutage einfacher als das Herunterladen einer kleinen Datei?

Als eine Lösung könnte ich meine Bücher zum Beispiel stattdessen kostenlos vertreiben und es demjenigen, der die Datei herunterlädt, erlauben nach eigenem Dafürhalten eine freiwillige Spende zu zahlen. Eine andere – und in einem größeren Zusammenhang sinnvollere – Lösung wäre die Schaffung einer Verkaufsumgebung, in der alle Schriftsteller ihre Bücher hochladen können, die nicht durch staatliche Mehrwertsteuer belastet ist, und bei der 90 Prozent des Verkaufspreises an den Schriftsteller gingen. Ein E-Book könnte in diesem Fall halb so viel kosten wie ein Papierbuch. Das wäre gerecht und ehrlich und würde die Vorteile einer Datei gegenüber einem Papierbuch berücksichtigen. Und, am allerwichtigsten, so lassen sich unnötige Zwischenstufen beseitigen. Umso mehr, da der Markt für E-Books in Estland klein ist und sich auch kein bedeutender Zuwachs abzeichnet. Das E-Book Format könnte ein Mittel sein, um ältere Drucke kostenlos zu verbreiten. Leider bildet sich die Tendenz heraus, dass daraus nur eine neue Art des Geldscheffelns entsteht.

Kulturverbreitung im digitalen Zeitalter

Illustration: Liene Kipena Illustration: Liene Kipena Der zweite Grund, warum E-Books in ihrer gegenwärtigen Form für mich nicht annehmbar sind, ist das DRM (digital rights management). Der Käufer des Buchs muss sich der Bedingung unterwerfen, dass sein digitales Buch seinen Namen und seine persönlichen Daten als Wasserzeichen enthält, und er somit an eine bestimmte Datei gebunden ist; ein verwerfliches Instrument, gegen das sich auf der ganzen Welt großer Widerstand regt. Für mich als Schriftsteller ist es beleidigend, wenn der Käufer eines Buches zusammen mit dem Buch eine Drohung erhält. Denn die nicht zweckgemäße Nutzung eines E-Books sei geradezu ungesetzlich und sogar Grundlage für Schadensersatzforderungen.

Das DRM ist nicht von alleine entstanden, irgendjemand hat es entwickelt und dafür Geld bekommen. Als Kulturschaffender ist es für mich vollkommen inakzeptabel, dass mit meiner Arbeit diejenigen Geld machen, die sich Schützer der Urheberrechte nennen, eigentlich aber Parasiten sind, die die freie Verbreitung von Kultur in unserem heutigen digitalen Zeitalter verhindern. Von seinem Charakter her reiht sich das DRM in die gleiche Reihe ein wie ACTA und andere die freie Gesellschaft schindende Ketten. Vor kurzem traf ich eine mir bekannte Bibliothekarin, die mir erzählte, dass sie gezwungen war Schulungen zu besuchen, die von den Schützern der Urheberrechte veranstaltet wurden. Was sie ratlos machte. Ihr ganzes Leben hatte sie aus einem Missionsgefühl heraus gearbeitet, um Bücher und Menschen einander näher zu bringen. Nun aber vergingen zwei Stunden ihres Lebens damit, dass sie sich anhörte, wie man E-Books vor Lesern schützt, wie man die Verbreitung von Büchern behindert und bremst. Wie sie dafür arbeiten muss, dass die Menschen Bücher nicht lesen können. Sie war darüber nicht wenig erstaunt.

Somit bedürfen die Grundlagen von Verkauf und Vertrieb von E-Books zumindest in Estland einer deutlichen Umgestaltung. Wir brauchen ein System, das den Schützern der Urheberrechte keinen Raum bietet, und dafür in vollem Umfang das Zeitalter der freien Verbreitung der Kultur sowie das Selbstwertgefühl des Schriftstellers berücksichtigt.