E-Books in lettischen Bibliotheken Raus aus den Kinderschuhen!

Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab
Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab

Weltweit werden Verleihmodelle für E-Books in Bibliotheken diskutiert. Wie kann man sie zugänglich machen? Wo darf man sie lesen? Welche Lizenzen muss man erwerben? Fragen, die auch die lettische Szene beschäftigen. Uldis Zarinš, Leiter für strategische Entwicklung in der Lettischen Nationalbibliothek, berichtet von den aktuellen Entwicklungen.

Der Markt für E-Books steckt in Lettland noch in den Kinderschuhen. Daher ist es nur folgerichtig, dass erst wenige Bibliotheken in Lettland begonnen haben, mit E-Book Angeboten für ihre Leser zu experimentieren. Doch viele Bibliotheken zeigen Interesse an dieser Dienstleistung. Ein merklicher Unterschied in ihrem Blick auf das E-Book lässt sich zwischen öffentlichen, Schul- und Hochschulbibliotheken feststellen. Alle Bibliotheken eint jedoch das Bewußtsein dafür, dass in naher Zukunft E-Books eine alltägliche Erscheinung sein werden. Dabei müssen sie alle die Frage lösen, wie sie den Zugang zu E-Books ermöglichen.

Der Verein „Publicetava“ hat die aktuell vorherrschende Einstellung von Bibliotheken gegenüber E-Books durch eine Umfrage in Erfahrung gebracht – durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der lettischen Bibliothekare und der Lettischen Nationalbibliothek. An der Umfrage nahmen 168 Bibliothekarinnen und Bibliothekare teil, von denen die Mehrheit (109) öffentliche Bibliotheken repräsentierte. Die Ergebnisse zeigen, dass im Moment mindestens 16 Bibliotheken ihren Lesern E-Books anbieten. Die Mehrzahl der Bibliotheken – 86, also 53 Prozent – hat über die Dienstleistung bereits nachgedacht, sie aber noch nicht eingeführt.

Hochschulbibliotheken als Avantgarde

Die Avantgarde findet sich natürlich unter den Hochschulbibliotheken. Der Zugang zu den neuesten Veröffentlichungen ist eine der Säulen einer qualitativ hochwertigen Hochschulbildung. Die Anforderungen, die Hochschulbibliotheken an E-Books stellen sind recht spezifisch. Aktualität und die Qualität der Publikationen sind dabei wesentlich – in der Regel sind sie englischsprachig und in den letzten drei bis fünf Jahren herausgegeben worden. Genauso wichtig ist die Möglichkeit den Zugriff auf die E-Books auch von zu Hause aus zu gewähren (beispielsweise mit Hilfe der VPN-Technologie). Meistens erwerben Hochschulen nicht einzelne E-Books, sondern abonnieren ausländische E-Book-Datenbanken. Diese E-Books sind meist im PDF-Format publiziert, da das Format E-PUB für wissenschaftliche Veröffentlichungen, die nicht selten Tabellen, Diagramme, Formeln und andere spezifische graphische Information enthalten, nicht geeignet ist. Aus diesem Grund ist auch die Frage, auf welchen Geräten E-Books zugänglich gemacht werden sollen, für die Hochschulbibliotheken nicht aktuell. Ihre E-Books sind entweder auf allen Geräten, die PDF-Dateien darstellen können, lesbar oder im Datenbank-eigenen Webspace.

Die Universität Lettlands und die Bibliothek der Lettischen Nationalverteidigungsakademie bieten ihren Lesern die EBSCO-Datenbank für E-Books an, die Rigaer Stradina-Universität hat drei Datenbanken für E-Books im Angebot. Die Bibliothek der Rigaer Business-School verfügt über mehrere tausend ausländische Veröffentlichungen auf Verlagsforen. Die Bibliothek der Universität Lettlands und die lettische Nationalbibliothek bieten Zugang zu mehreren hundert E-Books durch das DawsonEra-Forum. E-Books sind auch in den Bibliotheken der Rigaer Technischen Universität und der Universität für Landwirtschaft zu bekommen. Das Juristische College bietet seinen Studenten die Publikationen der eigenen Hochschule im E-Book Format an. Das Angebot einiger Hochschulen ist eher symbolischer Natur – die Hochschule Ventspils hat drei E-Books, die Bibliothek der Wirtschaftsuniversität „Turība“ zwei. Alle befragten Hochschulbibliotheken räumen einen Bedarf ein, weisen aber darauf hin, dass E-Books noch bekannter gemacht und auch die Lehrenden ermuntert werden sollten, sie in die computerbasierten Lernplattformen einzustellen, um die Verwendung anzuregen.

E-Books auf Lettisch? Mangelware.

Schlechter ist die Lage in den öffentlichen Bibliotheken. Die einzige lettische Bibliothek, die heute einen beachtenswerten Bestand an E-Books hat, ist die Lettgallische Zentralbibliothek in Daugavpils. Sie hat im Rahmen des Projekts „Ideen zur Leseförderung durch Informationstechnologien und kreative Aktivitäten (Zarasi – Daugavpils)“ des ERAF-Programmes zur grenzüberschreitenden lettisch–litauischen Zusammenarbeit 270 E-Books und zehn Tablet-Computer angekauft. Vereinzelte E-Books sind in der Wissenschaftlichen Bibliothek Jelgava und der Hauptbibliothek Ventspils zugänglich. Auch die Bibliotheken Nikrace und Snepele gaben bekannt, dass sie E-Books in ihren Beständen bereithalten. Die Zentralbibliothek in Bauska bietet ihren Lesern die Möglichkeit, die EBSCO-Datenbank für E-Books zu nützen. Einer der Hauptgründe, warum die Situation in den öffentlichen Bibliotheken so viel schlechter ist, ist die Tatsache, dass sie ein anderes Profil an Neuanschaffungen zu bedienen haben. Während die Hochschulbibliotheken an neuester Wissenschaftsliteratur auf Englisch interessiert sind, benötigen die öffentlichen Bibliotheken in erster Linie Belletristik und poulärwissenschaftliche Literatur auf Lettisch. Dabei sind den Anschaffungsmöglichkeiten von E-Books durch das vorhandene Angebot der lettischen Verlage Grenzen gesetzt.

Analysiert man die Ergebnisse der Umfrage, zeigen sich noch mehrere Gründe, warum erst wenige öffentliche Bibliotheken begonnen haben E-Books anzubieten. Ein bedeutendes Hemmnis sind dabei die Nutzungsbedingungen. Die Lettische Nationalbibliothek kommt in ihrem durch den Fond eIFL finanzierten Projekt „Ausarbeitung rechtlicher Rahmenbedingungen für die Ausleihe von E-Books in lettischen Bibliotheken“ zu dem Schluß, dass es nicht möglich ist, E-Books wie physische Bücher an Leser auszuleihen und beruft sich dabei auf die Nutzungsordnung für die öffentliche Ausleihe. E-Books sind nach den Regelungen des Urheberrechts eine Online-Dienstleistung, deshalb kaufen die Bibliotheken sie nicht, sondern erwerben eine Lizenz für ihre Nutzung. Die Lizenzbedingungen sind völlig abhängig vom Verleger. So erlaubt beispielsweise der Verlag Zvaigzne ABC, dessen E-Books die Lettgallische Zentralbibliothek angeschafft hat, das Lesen der Bücher nur in den Bibliotheksräumen. Daher ist die Nachfrage nach diesen Büchern natürlich verschwindend gering – die Leser möchten E-Books, genau wie physische Bücher, mit nach Hause nehmen.

Chance Weiterbildung

Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab Doch das bedeutendste Hindernis für eine breitere Zugänglichkeit von E-Books in den öffentlichen Bibliotheken ist mangelndes Wissen. Mehr als 70 Prozent der befragten Bibliothekarinnen und Bibliothekare gaben an, dass ihnen nicht klar ist, was sie tun müssen, um ihren Lesern E-Books anzubieten. Auch in den Kommentaren gaben viele an, dass ihnen Informationen und praktisches Wissen über E-Books fehle. Darüber hinaus haben die Zuständigen Zweifel, ob E-Books überhaupt gefragt wären – lediglich 8 Prozent der Bibliotheken gaben an, eine Nachfrage nach E-Books existiere und die Leser hätten danach gefragt. Dies zeigt, dass auch in der Gesellschaft das Informationsniveau über E-Books niedrig ist. Die Hauptvoraussetzung, um für eine größere Popularität von E-Books zu sorgen, liegt also wohl darin, diese sowohl breiten Gesellschaftsschichten als auch den Bibliothekaren bekannter zu machen.

Anzumerken ist auch, dass Menschen im Pensionsalter, die größtenteils nicht die geringste Lust (und wahrscheinlich auch keine Möglichkeiten) haben im elektronischen Format zu lesen, eine der wichtigsten Zielgruppen öffentlicher Bibliotheken sind. Für das jüngere Publikum allerdings könnten E-Books ein attraktives Angebot sein und so auch zur Leseförderung unter jungen Menschen beitragen.

Eines der wichtigsten Hindernisse stellt natürlich die Finanzierung dar. Der Ankauf von E-Books muss aus dem sowieso sehr begrenztem Budget für Neuanschaffungen finanziert werden. Darunter leiden natürlich im Endeffekt die traditionellen Neuanschaffungen. Im Idealfall würden Leserinnen und Lesern auch entsprechende Lesegeräte zur Verfügung gestellt und mit den E-Books zusammen angeboten, doch die Mehrheit der Bibliotheken geht davon aus, dass ihre Kommunen sich diese Anschaffungen kaum werden leisten können. Ein nicht unbedeutendes Hemmnis für das E-Book sind auch technische Fragen. Das größte technische Problem, das im Moment dem Angebot von E-Books in öffentlichen Bibliotheken entgegen steht, liegt darin, dass kein lettischer Verlag oder IT-Unternehmen den Bibliotheken eine technische Lösung dafür bietet, wie die E-Books zum Leser gelangen und sie wieder in die Bibliothek „zurückkommen“. „Egramata.lv“ verspricht allerdings eine solche Technik bis zum Ende des Jahres 2013. Daher bleibt hoffen, dass schon im nächsten Jahr lettische Bibliotheken E-Books wenigstens probeweise ausleihen werden können.

E-Books in der Bibliothek: Ein 5-Schritte-Plan

Zusammenfassend lassen sich mehrere Schlüsselfragen identifizieren, die es zu lösen gilt, um E-Books in den Alltag öffentlicher Bibliotheken integrieren zu können:
  • Bibliothekare sollten geschult werden, um praktisches Wissen über die Arbeit mit E-Books zu erlangen.
  • E-Books sollten in der Gesellschaft bekannter gemacht werden, um so eine Nachfrage zu generieren.
  • Man sollte damit beginnen E-Books, die keine großen finanziellen Investitionen erfordern, in den Bibliotheken anzubieten - beispielsweise kostenfreie E-Books, die weder für die Anschaffung noch für die Einführung einer technischen Plattform Kosten verursachen.
  • Technische Lösungen für die Ausleihe von E-Books in den Bibliotheken, die es möglich machen auch kommerziell verlegte E-Books in das Angebot aufzunehmen und die Urheberrechte zu schützen, sind nötig. Es ist unwahrscheinlich, dass die Bibliotheken alleine dazu die Kraft aufbringen können, daher sollten Verlage und Buchhändler, oder IT-Unternehmen die Initiative ergreifen.
  • Unter Nutzung dieser technischen Lösungen muss mit der Ausleihe von kommerziell verlegten E-Books experimentiert werden, um so ein für beide Seiten, die Bibliotheken und ihre Nutzer, befriedigendes Modell zu finden.
Völlig unklar ist im Moment die Situation in den Schul- und Berufsschulbibliotheken. Bis heute haben sie noch nicht begonnen mit E-Books zu experimentieren - das ist auch verständlich, wenn man den Status von E-Books in den Bildungsstätten und die verfügbaren finanziellen Mittel berücksichtigt. Daher könnte die staatliche Bildungspolitik im Hinblick auf die Ausstattung der Schulen mit Lehrbüchern auf diesem Gebiet der entscheidende Faktor sein. Unter den Schulbibliothekaren gehen die Meinungen darüber, ob E-Books für den Unterricht geeignet sind, auseinander. Einige weisen darauf hin, dass E-Books das Interesse der Schüler an Pflichtliteratur fördern könnten. Andere sind der Meinung, dass die Schüler nicht gerne am Computer lesen und physischen Büchern den Vorzug geben. Dieses Argument untermauert noch einmal den Standpunkt, dass nicht nur die Frage der Zugänglichkeit von E-Books von großer Bedeutung ist, sondern ebenso die Art, wie sie genutzt werden. Aber das ist wohl ein Thema für einen eigenen Artikel.

P.S.: Mein Dank gilt Kārlis Žilvinskis vom Verein „Publicētava“, der gestattete die Umfragedaten zu nutzen, sowie den Expertinnen der Lettischen Nationalbbliothek Dace Ūdre und Evija Vjatere, die bei der Durchführung und Verbreitung der Umfrage behilflich waren.