E-Books in Lettland Der Zug wartet auf Passagiere

Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab
Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab

Das lettische Verlagswesen springt nur zögerlich auf den globalen E-Book-Zug auf. Urheberrechtsfragen, eine bilinguale Leserschaft, fehlende Geschäftsmodelle: Herausforderungen gibt es viele. Warum die lettischen Verlage ihre Kräfte bündeln sollten und was jeder einzelne bisher schon tut, erklärt Guntis Stirna, Mitbegründer des E-Book-Verlags eGramata.

Schon seit Ende des Jahres 2008 lag, wenn über den E-Book Markt gesprochen wurde, die Idee in der Luft, dass „dort wohl irgendjemand aktiv sein müsse“. Lettland ist nicht unbedingt prädestiniert zu den Pionieren neuer Trends zu gehören, aber jeder Mangel hat auch seine Vorteile. So erlaubt die Beobachtung der Entwicklungen in den USA Prognosen für Europa, wo der Markt für E-Books faktisch erst 2010 entstand, als zusätzlich zu den Kindle-Lesegeräten das iPad auf den Markt kam, dicht gefolgt von einem Boom bei Tablet-Computern. Die Zukunft von E-Books in Lettland wiederum lässt sich ganz gut antizipieren, indem man die Entwicklungen in den auf diesem Gebiet schon weiter fortgeschrittenen Ländern der EU betrachtet.

Auf Seiten der Verleger dominierte zu Beginn die Angst. Davor das Kerngeschäft zu kannibalisieren, und davor, dass sich in Windeseile illegale Kopien verbreiten würden, sobald Bücher elektronisch zugänglich wären. Doch der Verlag Eraksti gab wider der allgemeinen Sorgen bereits E-Books im PDF-Format heraus und seit 2009 produzieren einige Pioniere E-Books im ePub-Format. Dies sind Zvaigzne ABC, Publicētava und Burtlicis. Im Handel sind E-Books in vier Onlineshops erhältlich: Zvaigzne, Lasītava, e-grāmatas und eGramata.

Lettische Bücher in internationalen Shops

Jeder Onlineshop verkauft jedoch nur die ihm zugänglichen Bücher und die Verleger haben keine Eile, ihre Bücher über alle Einzelhandelsfilialen zu vertreiben, wie im traditionellen Buchhandel. E-Books auf Lettisch kann man auch im iBookstore (ungefähr 140 Stück) und bei Amazon Kindle kaufen. Allerdings besteht hier die Herausforderung die gewünschten Titel überhaupt zu finden; besonders bei Kindle, wo Bücher in lettischer Sprache bei der Suche nicht erkannt werden. SAMSUNG hat auf seinen Geräten einen ortsspezifischen E-Bookstore eingerichtet, wo E-Books auf Lettisch einfach auffindbar sind und allen Besitzern einer lettischen Sim-Karte als erste Wahl angezeigt werden.

Den Adobe DRM-Schutz für E-Books (ohne Software-Lösungen der internationalen Shops) bieten nur Zvaigzne und eGramata an. Letztere haben begonnen auch technische Lösungen für die Ausleihe von E-Books in Bibliotheken sowie Einzelhandelsmodule, die sich flexibel in die Webseiten von Verlegern und Händlern integrieren lassen, anzubieten. Damit sind sie eher mit einer Plattform zur Verbreitung digitaler Inhalte mit breiter Funktionspalette zu vergleichen, als mit einem klassischen Web-Shop. Damit der Benutzer die DRM-Einschränkungen nicht als störend empfindet, sind Investitionen in die Technologie und in den Zugang zu globalen Vertriebskanälen notwendig. Das kann nicht jeder. Leichter und billiger ist es mit nicht-kopiergeschützten Büchern zu handeln. Davon zeugt auch die Beliebtheit des sogenannten Social-DRM unter Benutzern und einigen Verlegern – im Hinblick auf die Sicherheit des Inhalts aber sicher nicht die beste Lösung.

Wie ein E-Book Markt entsteht

Doch Technologie allein sorgt nicht dafür, dass sich ein Markt bildet. Es wird angenommen, dass für die Entstehung eines E-Book Marktes drei Komponenten zusammenkommen müssen:
  1. Lesegeräte für E-Books
  2. eine technologisch ausgereifte, user-freundliche Zugriffsmöglichkeit auf einen reichhaltigen Bestand und
  3. ein Zahlungssystem.
Nach in Lettland veröffentlichten Schätzungen verwenden bereits ca. sieben Prozent der Bevölkerung einen Tablet-Computer, elektronische Zahlungen funktionieren einwandfrei. Doch in den Geschäften ist nur eine geringe Zahl von E-Books erhältlich, und diese wächst nur sehr langsam. Außerdem bleibt die Nutzerfreundlichkeit beim ‚lokalen‘ Einkauf bisher weit hinter den „großen Alternativen“ iBookstore und Kindle zurück.

Offensichtlich ist der begrenzte Markt ein Faktor. Selbst in Frankreich, Spanien und Deutschland mühen sich die Verleger zusammen zu arbeiten um eine gemeinsame, in der jeweiligen Landessprache verfügbare Plattform für digitale Inhalte zu bilden. Lettland kann sich einer solchen Bündelung der Kräfte nicht rühmen und die Entwicklung einer vollwertigen Plattform für E-Books übersteigt die Kräfte eines einzigen Verlages in einem kleinen Land. Allerdings bleibt alles, was komplizierter ist als „ein Klick und im Bücherregal“, hinter den Erwartungen, die von den großen Spielern auf dem Markt bei den Käufern geweckt worden sind, zurück. Uldis Zariņš beschreibt die Situation so: „Der begrenzte Markt ist der Grund dafür, dass Verleger kein Risiko mit neuen Geschäftsmodellen und Produkten eingehen wollen. Sie sind wie gelähmt – sie sagen sich: wenn wir etwas unternehmen, wird das nicht gut enden, wenn wir nichts unternehmen genauso. Doch das kaufkräftige Publikum ist wohlmöglich an ihren Produkten gar nicht interessiert und greift lieber auf die billigeren (entweder kostenfreien oder illegalen) Erzeugnisse auf Englisch und Russisch zurück.“

Für Digitales zahlen: Eine Sache der Einstellung?

Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab Illustration: Liene Ķipēna / hungrylab Alles eingangs Erwähnte betrifft die Angebotsseite, doch der Mangel an Entwicklungsressourcen wird auch durch die im Internet vorherrschende Einstellung alles sei umsonst zu haben verstärkt. Der Blogger Karspars Misiņš ist der Ansicht, dass „eines der Haupthindernisse für die Verbreitung von E-Books in unserem Denken begründet liegt – wir sind gewohnt, dass elektronische Inhalte umsonst sind. Daher ist die Einstellung vieler Leute automatisch negativ, wenn sie bemerken, dass E-Books Geld kosten – nicht selten ähnlich viel wie Bücher auf Papier. Die Leute haben das Gefühl betrogen zu werden. Das Nächste sind die unterschiedlichen Standards und der vergleichsweise komplizierte Kaufvorgang. Meine Beobachtung ist, dass, wenn etwas einfach zu erledigen ist (du schickst eine SMS und erhältst dafür etwas, du gibst deine Bankdaten ein und erhältst dafür etwas usw.) trennen sich die Menschen bereitwillig von ihrem Geld und kaufen leichtfertiger. Doch wenn man sich am Computer als E-Leser anmelden muss, man damit irgendwelche Scherereien hat, dann kommt doch eher der ‚Computerspezialist Klaus‘ und zeigt einem die Seite, wo man das alles umsonst ‚runterladen‘ kann.“

Der SAMSUNG Marketingmanager für digitale Inhalte in den baltischen Ländern Jānis Meļķis dagegen ist der Meinung, dass die Vorurteile gegenüber E-Books damit zu tun haben, dass die Menschen noch nicht genügend Gelegenheit hatten diese auszuprobieren. Hat man erst einmal die Vorzüge erkannt, verliere sich die Zurückhaltung und das digitale Lesen bürgere sich parallel zum Umgang mit traditionellen Büchern ein. Das Wichtigste seien aktuelle Inhalte, damit das, was aktuell beliebt ist, in jedem Format zugänglich ist. Meļķis geht nicht davon aus, dass die unterschiedliche Anzahl an Büchern in den drei baltischen Märkten für verschiedene Nachfrageniveaus sorgt. Wenn man dem Leser bietet, was er erwartet, besteht auch eine Nachfrage.

Im Vergleich mit dem Jahr 2009 ist die Situation auf der Angebotsseite heute günstiger. Laut Ansis Garda, Leiter des Bestandsaufbaus der Lettischen Nationalbibliothek, sind inoffiziellen Schätzungen zufolge bis Mai 2013 in Lettland ungefähr 1200 E-Books herausgegeben wurden (inklusive solcher im PDF-Format). Im 2010 eröffneten Onlineshop des Verlages Zvaigzne ABC gibt es heute mehr als 500 Titel. Die Verlage Publicētava, Mansards, Atēna, Jumava, Kontinents, White Book und Avots haben jeweils zwischen 5 und 20 E-Books herausgegeben. Und noch in einer Reihe anderer Verlage gab es erste Versuche E-Books zu publizieren.

Perspektive 2017: E-Book-Boom in Europa?

Auch die Tatsache, dass trotz Verzögerungseffekten die Verbreitung von Tablet-Computern das Lesen von E-Books fördert, erlaubt einen vorsichtig optimistischen Blick in die Zukunft. Im Jahr 2012 erreichten E-Books ungefähr ein Prozent des gesamten Verkaufsvolumens von Büchern – wobei fünf Prozent der Bevölkerung einen Tablet-Computer besaßen; im Jahr 2013 nutzen schon sieben Prozent der Einwohner Lettlands einen Tablet-Computer. Im Moment bleiben die Zahlen jedoch selbst im Vergleich zu den Nachbarn Litauen und Estland noch zurück. In dem bereits erwähnten Shop von SAMSUNG lassen sich, während dieser Artikel geschrieben wird, parallel zu den 110 lettischen Büchern 1015 auf Estnisch, 760 auf Litauisch 28522 auf Russisch und 48465 auf Englisch finden. Daraus muss man schlussfolgern, dass wir bisher zu konservativ sind und unsere Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Und es gibt durchaus User (von Smartphones, Tablets oder E-Readern), die unzufrieden sind: Sie sind faktisch gezwungen E-Books auf Englisch, Russisch (die Muttersprache für 37 Prozent der Einwohner Lettlands), Deutsch oder einer anderen Fremdsprache zu wählen.

Der globale Markt machte in den Jahren 2009-2010 einen Sprung. Europa bleibt bisher deutlich zurück, zeigt aber Ambitionen schon im Jahr 2017 der größte Markt für E-Books weltweit zu sein. Daher gehe ich nicht von einem dauerhaften relativen Rückstand Lettlands aus. Für die Verleger ist es wichtig vorbereit zu sein auf den Moment, wenn der Absatz von E-Books stark ansteigt. Wie man weiß, ist es leichter in einen stehenden Zug einzusteigen. Die Beobachtungen anderer europäischer Märkte und der Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Tablet-Computern und der Nutzung von E-Books erlaubt es durchaus vorauszusagen, dass die Entwicklung des lettischen E-Book Markts in naher Zukunft Fahrt aufnehmen wird.

P.S.: Ich danke Kaspars Misiņš, Jānis Meļķis, Natālija Knaidele und Uldis Zariņš, sowie auch meinen Kollegen Edgars Ivanovs und Egons Liepiņš für den Meinungs- und Informationsaustausch bei der Recherche für diesen Artikel.