E-Books verlegen in Estland Mehr ein Hürdenlauf als ein Sprint

Illustration: Liene Ķipēna
Illustration: Liene Ķipēna

Kleiner Markt, multilinguale Leserinnen und Leser, widerspenstige Autoren – die estnische E-Book-Szene steht vor einer Menge Herausforderungen. Aber keiner, der sie langfristig nicht gewachsen sein könnte. Eine Einschätzung der aktuellen Entwicklungen von Marek Tamm.

Das Verlagswesen steht heutzutage vor den größten Herausforderungen seit zwei Jahrhunderten. Einerseits wird die digitale Technologie, das, was wir als elektronisches Verlagswesen bezeichnen, immer wichtiger, andererseits tritt eine Nebenerscheinung davon immer weiter hervor – das sogenannte Self-Publishing. Obgleich ich mich zu denjenigen zähle, die die Digitalisierung des Verlagswesens für unumkehrbar halten, bin ich nicht der Meinung, dass dies die bisherige Rolle der Verlage insgesamt in Zweifel zieht. Auch in Zukunft werden Verlage alle ihre bisherigen Hauptfunktionen erfüllen – Ideen für neue Verlagsprojekte generieren, Manuskripte bearbeiten, zu übersetzende Werke auswählen und die dazugehörigen Rechte erwerben, Bücher vertreiben und den Lesern Hinweise für ihre Kaufentscheidungen bieten. Ganz zu schweigen davon, dass wir noch weit davon entfernt sind, das Papierbuch endgültig zu begraben; wie uns die Statistik zeigt, werden in der Welt jedes Jahr immer noch mehr Bücher gedruckt als im vorhergehenden.

Wie ist man in Estland bisher mit diesen neuen Herausforderungen zurechtgekommen? Holt man etwas weiter aus, ist die Ausgangsposition Estlands für das Zeitalter des digitalen Verlagswesens sicherlich günstig: Es gibt nur wenige Länder auf der Erde, in denen neue Technologien und Medien auf mehr allgemeines Interesse und staatliche Förderung treffen. In Estland hat man in den letzten beiden Jahrzehnten bewusst am Image des elektronischen Staats gearbeitet; alles, was mit neuen Technologien zusammenhängt, bildet einen untrennbaren Teil der Selbstdefinition der Esten. Der gegenwärtige Kultusminister hat mehrfach betont, dass die Digitalisierung von Büchern (wie auch des gesamten kulturellen Erbes) eine der Prioritäten der estnischen Kulturpolitik darstelle und dass man in den nächsten Jahren bedeutende Summen in die Digitalisierung der Werke estnischer Schriftsteller wie auch in deren (kostenlose) Zugänglichkeit sowie die technologische Weiterentwicklung der Bibliotheken investieren möchte.

Der Flaschenhals des Urheberrechts

Konkret betätigen sich auf dem digitalen Verlagsmarkt in Estland zwei Privatunternehmen, das Estnische Zentrum für Digitale Bücher (Eesti Digiraamatute Keskus) und Digira, welche Verträge mit allen größeren estnischen Verlagen geschlossen haben und eine stetig wachsende Zahl von E-Books auf den estnischen Markt bringen. Die Verlage selbst befassen sich also nicht direkt mit dem digitalen Verlegen, sondern haben ihre Produkte im Bereich elektronische Formatierung und Verkauf an spezialisierte Unternehmen abgegeben. Obwohl es darüber, wie groß der Anteil von E-Books an der estnischen Verlagsproduktion überhaupt ist, soweit ich weiß keine Untersuchungen gibt, so wage ich doch aufgrund meiner Erfahrungen bei Varrak, dem größten Verlag Estlands, zu behaupten, dass mindestens zwei Drittel aller estnischen Bücher heutzutage parallel sowohl auf Papier als auch elektronisch erscheinen. Der Wunsch der Verlage ginge sicherlich dahin, diesen Anteil noch zu vergrößern, doch hier stellen Verträge zu Gunsten der Autoren oder in Bezug auf Übersetzungen mitunter ein Hindernis dar. In einigen Fällen sind Autor oder Verleger der Originalversion nicht an einer digitalen Veröffentlichung interessiert. Der Engpass für das elektronische Verlagswesen ist heute zumeist ein juristischer: Weder in Estland noch auf internationaler Ebene hat sich bisher ein einheitliches Verständnis bezüglich Lizenzfragen oder der Höhe von Honoraren herausgebildet. Daher werden aktuell mehrere Lösungsvarianten gleichzeitig verwendet und die digitale Publikation vieler Werke durch rechtliche Probleme behindert.

E-Books werden gelesen, aber nicht nur auf Estnisch

Der Zuwachs bei Auswahl und Verkauf von E-Books war in Estland auffallend schnell, so wuchs beispielsweise der Verkauf von E-Books zwischen März 2012 und März 2013 um fast 200 Prozent (im gleichen Zeitraum nahm der Verkauf von Papierbüchern nur um 5 Prozent zu). Trotzdem bilden E-Books auf dem allgemeinen estnischen Büchermarkt immer noch einen sehr geringen Anteil, weniger als 1 Prozent. Dies umfasst jedoch nur estnischsprachige E-Books. Der Prozentsatz wäre sicherlich um einiges höher, wenn man die in Estland zu kaufenden fremdsprachigen E-Books (von Amazon usw.) mit dazurechnen würde. Setzt sich die gegenwärtige Tendenz fort, und wird gleichzeitig mehr auf Entwicklung und Kostensenkung bei E-Readern gesetzt, lässt sich aber vorhersagen, dass noch in diesem Jahrzehnt die E-Books auch in Estland den Papierbüchern nachrücken können, so wie dies in den USA bereits geschehen ist.

Doch der Aufstieg des E-Books läuft auch in Estland nicht ohne Diskussionen ab. Dem Thema widmen sich die Presse, wie auch Seminare und Konferenzen. Öffentlich kritisiert wurde der übertriebene Enthusiasmus des Kultusministers in Bezug auf die Bedeutung von E-Books. Und auch wenn die vorherrschende Haltung zur „digitalen Wende“ eher positiv ist, so finden sich doch auch einige gewichtige Ausnahmen. So brachte Indrek Hargla, einer der meistgelesenen estnischen Schriftsteller, wiederholt seine Abneigung gegenüber E-Books zum Ausdruck und verweigert die Veröffentlichung seiner Werke im E-Format (ungeachtet der Forderungen seitens der Leser). Er ist der Ansicht, dass das digitale Verlagswesen weder Autoren noch Lesern zugutekomme, sondern lediglich den Interessen der vermittelnden Institutionen, und dem Leser darüber hinaus zu viele strikte juristische Regeln auferlege.

Die Tücken des Self-Publishing

Doch welche Entwicklungen sind für E-Publikationen im Selbstverlag in Estland charakteristisch? Ungeachtet einiger Vorbilder in den USA und anderswo, gibt es aus Estland keine Erfolgsgeschichten über digitales Self-Publishing zu vermelden. Und ich wage vorherzusagen, dass Eigenpublikationen zumindest in näherer Zukunft in Estland nicht zu einer besonders wichtigen Erscheinung werden. Die Gründe dafür sind vor allem zwei: Erstens sind auf dem lokalen Markt sehr viele Verlage aktiv, insbesondere, wenn man bedenkt, dass es kaum eine Millionen estnischsprachige Leser gibt, und somit die Publikationsschwelle für Autoren relativ niedrig ist. Zweitens muss man berücksichtigen, dass einheimische Belletristik auf dem estnischen Büchermarkt eher eine Randposition einnimmt: Von der Anzahl der Titel her ungefähr ein Siebtel, von der Auflagenhöhe her jedoch weniger als ein Zehntel aller pro Jahr erscheinenden Bücher. Das Hauptbetätigungsfeld der meisten estnischen Verlage ist die Übersetzungsliteratur, mehr als die Hälfte aller Veröffentlichungen sind Übersetzungen. Übersetzungsliteratur aber entzieht sich den Regeln des Self-Publishing, denn Übersetzungsrechte werden nur an Verlage verkauft.