Kulturpolitik Rahmenbedingungen für kulturelle Bildung schaffen

Kulturelle Bildung in Deutschland und Litauen
Kulturelle Bildung in Deutschland und Litauen | © colourbox.com

Kulturpolitik ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Kulturlandschaft und will Infrastrukturen schaffen, um Kultur zu ermöglichen. Kulturpolitik für kulturelle Bildung will die Rahmenbedingungen dafür schaffen, erhalten und ausbauen, dass Bildung mit und durch Kunst und Kultur gelingen kann. [...] Aber auch die Künstler und die Kulturvermittler entfalten kulturpolitische Wirkung. [...]

Die kulturpolitische Debatte um die kulturelle Bildung ist geprägt von der Propagierung einer Lebens-Kunst. Sie fördere die Persönlichkeitsentwicklung. [...] Das Bedürfnis des Durch-Blickens soll durch kulturelle Bildung befriedigt werden können [...] [und] ist in aller Munde, doch ein Konzept lebenslangen Lernens [...] fehlt. Auch deshalb, weil sich die rigide Abgrenzung der verschiedenen Ressorts – Kulturpolitik, Bildungspolitik, Jugendpolitik – auf allen politischen Ebenen als kontraproduktiv darstellt. [...] Nach wie vor besteht ein krasses Missverhältnis von Theorie und Praxis. Dies ist nicht hinzunehmen, denn Kunst und Kultur vermitteln sich nicht von allein.

Legitimation durch Transfereffekte?

Immer wieder wird betont, warum gerade dem kulturellen Bildungsbereich hohe gesellschaftliche Relevanz zukommt. In diesen Diskursen ist vermehrt zu beobachten, dass Plädoyers für kulturelle Bildung sich eher von Transfereffekten als von den Künsten her legitimieren, wie etwa der Förderung von sozialen Kompetenzen, Schlüsselqualifikationen oder Interkulturalität. [...]

Kulturelle Bildung „ist auch Mittel der Integration“, pointiert es die Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung von 2009, kulturelle Bildung „vermittelt Werte und Orientierung“, postuliert der Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt 2010, und 2011 propagiert die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) in ihrem Positionspapier „Kultur öffnet Welten – Mehr Chancen durch Kulturelle Bildung“ das magische Dreieck „mit den Eckpfeilern Kultur, Bildung und Jugend“ als Politikfeld. [...]

Kulturpolitik für Kinder

Auffällig ist, dass kulturelle Bildung zumeist Kulturpolitik für Kinder ist. [...] Dies ist Stärke und Schwäche zugleich – Schwerpunktbildung und Entwicklungsdefizit. [...]

[...] [G]anz besonders hervorzuheben wäre [...] das Engagement der vielen freien Träger [...]. Deren Rolle wird in der Politik auch weiterhin zu stärken sein; denn Politik kann nur dann erfolgreich Kulturpolitik betreiben, wenn diese auch im Alltag von Menschen umgesetzt wird. Und Kulturpolitik für Kinder bedarf der besonderen Verantwortung, weil sie auch Stellvertreterfunktion hat. [...]

[...] Die Bildungsinstitutionen sind nicht bereit, Zeit, Räume und Mittel in angemessener Form bereitzustellen. [...] Ein Sondervotum plädiert für einen eigenen Lernbereich „Kulturelle Bildung“ in der Schule, der Kunst, Musik, Film, Theater und Literatur miteinander vereint (Deutscher Bundestag 2008). [...]

[...] Zusammen geht es um Plädoyers für Stärkung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, der Trägerstrukturen, der Nachhaltigkeit von Projekten, Preisen und Programmen, der Stärkung des Freiwilligen Sozialen Jahres Kultur und der Freiwilligendienste „Kulturweit“ und „Weltwärts“ sowie der Implementierung der kulturellen Bildung als Leuchtturmprogramm in der Kulturpolitik für die Hauptstadt. „[...] Es geht also nicht nur um die Aufstockung der Ressourcen für den Bereich der Kinder- und Jugendkultur, sondern um eine generelle Umorientierung der Proportionen von öffentlicher Kulturförderung für Kulturvermittlung. [...]“ (Sondervotum zum Enquête-Bericht)

Stadt und Land, Hand in Hand

Länder und Kommunen arbeiten zudem an Konzeptionen für die kulturelle Bildung, um die inhaltlichen und organisatorischen Voraussetzungen für eine Stärkung dieses Praxisfeldes zu schaffen. Die Bundeshauptstadt hat ebenso wie der Stadtstaat Hamburg oder die bayerische Landeshauptstadt einen Prozess eingeleitet, der die besondere Entwicklung von kultureller Bildung als politische Querschnittsaufgabe fördern soll. [...]

Von der Kulturbildung zur Interkulturalität

[...] Mittels kultureller Bildung soll auch die interkulturelle Öffnung von Kultureinrichtungen forciert werden. Menschen mit Migrationshintergrund sollen Zugang und Teilnahme am kulturellen Leben ermöglicht werden. Diversity-Management wird für Theater, Museen und Kulturzentren gefordert. [...] „Interkulturalität und internationale Orientierung müssen überall selbstverständlich sein.“ (Bundesregierung 2011: 464)

[...] „[...] Durch jahrelange Vernachlässigung der kulturellen Bildung sowohl auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite wächst nicht das nach, was diese Kultureinrichtungen zum Überleben brauchen: nämlich Leute, die in Zukunft Mitglieder von Orchestern werden oder Theater spielen können, die Bücher schreiben, und umgekehrt Leute, die sich für diese Angebote interessieren.“ (Lammert 2012: 90)
 

Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Ordentlicher Universitätsprofessor für Kulturpolitik, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, UNESCO-Chair „Cultural Policy for the Arts in Development“, Sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages (2003 – 2007). Vorsitzender der deutschen ASSITEJ, Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche. Publikationen (Auswahl): „Theater und Schule. Handbuch zur kulturellen Bildung“ (2009), „Kulturelle Bildung braucht Kulturpolitik“ (2010), „Theater und Migration. Herausforderungen für Kulturpolitik und Theaterpraxis“ (2011).