„Max geht in die Oper“ Kinder mit Paten für Kultur begeistern

Tagebuchfüllen im Theater
Tagebuchfüllen im Theater | Foto: Dirk Höke

Kunst weckt kreative Potentiale in Kindern, Theater bewegt, Musizieren stärkt die Persönlichkeit und die soziale Kompetenz. Wir sind sicher, dass jedes Kind im Umgang mit Kunst und Kultur gewinnt – sei es als Betrachter, Zuhörer oder im eigenen künstlerischen Schaffen. Selbstverständlich ist dieser Zugang dennoch für viele Kinder nicht. Oft mangelt es mehr an Vorbildern als an der finanziellen Ausstattung der Familien – Schulen und Kindereinrichtungen können hier ohne Unterstützung nicht immer ausgleichend wirken.

Das Projekt „Max geht in die Oper“ macht es sich daher seit drei Jahren zur Aufgabe, Kinder frühzeitig mit Hilfe ehrenamtlicher Paten die kulturelle Vielfalt der Stadt Halle nahezubringen. Parallel versuchen wir Kulturprojekte mit Künstlern in den Schulen und Horten zu etablieren, damit Kinder nicht nur Kulturangebote wahrnehmen, sondern sich selbst auch als Kulturschaffende erleben und ausprobieren können.

Seit Dezember 2010 knüpft die Bürgerstiftung diese Kulturpatenschaften für Kinder aus den Randgebieten Halles – der Neustadt, der Silberhöhe und der Südstadt. Die Kinder sind meist in der Grundschule, d.h. zwischen 8 und 10 Jahren alt. Sie finden über die Schulen und Horte vor Ort zu uns. Vertraute Erzieherinnen oder Lehrerinnen stellen den Kontakt zwischen Kindern, Eltern und dem Projekt her. Die Kulturpaten werden von einer Freiwilligenkoordinatorin der Bürgerstiftung ausgewählt und vorbereitet, auch die Begleitung der Patenschaften und Organisation der Kulturausfüge liegt in den Händen der Bürgerstiftung.

Eine Patenschaft dauert mindestens ein halbes Jahr. In dieser Zeit besuchen Kinder und Paten zusammen die vielfältigen kulturellen Schätze der Stadt: Sei es eins der zahlreichen Museen, Theateraufführungen, Konzerte, die Oper, das Kino oder das Planetarium. Über die Besuche in Theater, Museum usw. lernen sie die Stadt hinter den Grenzen ihres Viertels kennen. Das gemeinsam Erlebte erweitert ihren Erfahrungshorizont und ihre Allgemeinbildung und stärkt vor allem auch die Persönlichkeit der Kinder.

Die Vielfalt ist groß und die Freude, die die Kinder und die Paten gemeinsam haben, ist bei den Veranstaltungen spürbar. So kommt es, dass die meisten Kinder ihre Patenschaften auf ein ganzes Jahr verlängern. Die Verlängerung auf ein Jahr wirkt sich für alle Beteiligten positiv aus. Das Vertrauen zwischen Kind und Paten kann in Ruhe wachsen. Die Öffnung für kulturelle Themen bekommt so eine gute Basis. So merkte die Patin Fredericke im Abschlussgespräch an: „Nach dem ersten Durchgang wurde der Kontakt intensiver und ich konnte sehen, wie frei und neugierig sich mein Patenkind jetzt in Museen bewegt …“.

Mit Beziehung gegen Schwellenangst

Die Evaluation bestätigt unsere Beobachtung, dass die eins-zu-eins-Beziehung von den Kindern als enorm wichtig eingeschätzt wird. Jede Befragung zeigt, dass es für die Kinder von hoher Bedeutung ist, jemanden ganz für sich alleine zu haben. Auch die Kulturpaten zeigen sich in den zweiten Runden sicherer in ihrem Umgang mit dem Kind. Die Bindung an einen Paten, der positive Aufmerksamkeit für das Kind zeigt, bildet quasi den „Nährboden“ für die Aufnahme der neuen kulturellen Eindrücke. So sind die Kulturerlebnisse eingebettet in die Erfahrung, dass sich jemand Zeit für das Kind nimmt. Die Kinder fühlen sich willkommen und auch in den fremden Kulturorten geborgen. „Schwellenängste“ gegenüber Kulturorten bauen sich ab oder bestenfalls gar nicht erst auf. Die Erfahrung, dass die Eroberung von Neuem Spaß bringt und keine „Blamage-Gefahr“ birgt, kann das Kind im bestenfalls noch auf andere Bereiche transferieren.

Was und wer stecken dahinter?

Als Kulturpaten besucht man mit seinem Kind etwa einmal im Monat am Wochenende eine kulturelle Veranstaltung. Die Paten treffen ihre Patenkinder vor der Oper, dem Museum oder holen die Kinder vorab in ihren Stadtgebieten ab. In der Regel zahlen sie für sich und das Patenkind den Eintritt für die kulturellen Veranstaltungen. Etwa 10 Euro kostet ein Kulturbesuch für Pate und Kind, 40 Euro eine Patenschaft – die Organisationsleistung durch die Bürgerstiftung ist hier nicht eingerechnet. Neben der Freiwilligenkoordination wirbt eine hauptamtliche Fundraiserin Spenden und Fördermittel ein und betreibt die Öffentlichkeitsarbeit, eine weitere Person ist mit administrativen Aufgaben, der Betreuung der Kulturprojekten an den Schulen und der organisatorischen Projektleitung betraut.

Unsere Patinnen und Paten sind von ihrem Engagement so überzeugt, dass sie die beste Werbung für neue Kulturpaten machen. Sie sind zwischen 18 und 60 Jahren alt, wobei die Gruppe der weiblichen Personen in Ausbildung und Studium überwiegt. Sie bewerben sich als Kulturpate und werden nach einem Auswahlverfahren vorbereitet und kontinuierlich weitergebildet. Viele Kulturpaten bleiben lange im Projekt, manche betreuen inzwischen ihr viertes Kind. Neben den Erlebnissen mit den Kindern schätzen sie an ihrem Engagement als Pate, dass Zusammenarbeiten mehrerer Generationen und Professionen. Paten wie Kinder erleben gemeinsam auch die Stadt mit ihren unterschiedlichen Lebenswelten neu.

Zielgruppen erreichen

Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Kinder im Alter von 6 -11 Jahren noch besonders offen und empfänglich für neue Erfahrungen sind sprechen wir für unsere Patenschaften gezielt Grundschulkinder an aber auch das Übergangsalter zur Sekundarstufe I (5. und 6. Klassen). Um einen aktiven Beitrag zur Chancengleichheit zu leisten, gilt dieses Angebot besonders für Kinder, deren Familien in besonderer Weise auf Unterstützung angewiesen sind. Da in Halle die Bewohner in den randständigen Stadtgebieten (Südstadt, Silberhöhe, Halle-Neustadt und Heide-Nord) am häufigsten von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen sind, setzt hier das Kulturpatenprojekt an. Etwa die Hälfte unserer Kinder haben einen Migrationshintergrund bzw. mindestens eines ihrer Elternteile. Bewusst wird nicht auf interessierte Eltern und deren aktives bewerben gesetzt. Wir wissen, dass dies viele Kinder ausschließen würde, die besonders wenig Kontakt zu kulturellen Angeboten haben. Gerade in deren Umfeld spielt Kultur entweder eine geringe Rolle oder wird, wegen Schwellenangst und mangelnder Erfahrung, bewusst gemieden. Um diesen Kindern einen Zugang zu ermöglichen, schlagen Lehrer und Erzieher Kinder vor, die sich erstmal alleine für eine Patenschaft entscheiden. Die Eltern müssen lediglich einverstanden sein. Inwieweit sie sich einbringen oder interessieren, entscheiden sie selbst.

Gute Erfolge erzielen die Veranstaltungen mit den ehemaligen Patenkindern und deren Familien. Wenn die Patenschaft nach einem Jahr verabschiedet wird, laden wir zweimal jährlich Kinder und Eltern zu kostenfreien Kulturausflügen ein. Hier nehmen dann die Kinder ihre Eltern an die Hand und zeigen ihnen – meist sehr stolz – „ihr Museum“. Auch hier zeigt sich, dass der vertrauensvolle Rahmen, das Gefühl tatsächlich willkommen zu sein, die größte Motivation ist, doch mal was Neues auszuprobieren.

Die ersten Patenschaften starteten am 1. Dezember 2010. Bislang konnten wir 108 Kinder erreichen und mehr als 170 Patenschaften vermitteln, wachsen sehen und verabschieden. Jedes dieser Kinder hat in der Regel ein Jahr Kulturpatenschaft an der Hand eines persönlichen Kulturpaten verbringen können, hat verschiedene Eindrücke gesammelt und neue Welten erkundet. Jede dieser Patenschaften ist wie der Anfang einer Geschichte. Der Samen ist gesät, wo es hinführt, wird man erst später sehen können.