Acht Fragen an Maximilian Grafe Kulturelle Bildung im Kindertheater

„Jo im roten Kleid“. Stück nach einem Buch von Jens Thiele.
„Jo im roten Kleid“. Stück nach einem Buch von Jens Thiele. | Theater Triebwerk | © Andreas Hartmann

Das Theaterfestival „KinderStücke“ in Mülheim an der Ruhr prämiert nicht Inszenierungen von Kindertheater, sondern deren dramatische Textvorlagen.

Maximilian Grafe assistiert Stephanie Steinberg, der Festivaldramaturgin, bei der diesjährigen 38. Ausgabe der Mülheimer Theatertage NRW, in deren Kontext das Theaterfestival „KinderStücke 2013“ stattfindet. Er ist Student im Masterstudiengang Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und absolviert gerade zwei Praxis-Semester. Im Zuge dessen war er vor seiner Tätigkeit bei den Mülheimer Theatertagen NRW für ein halbes Jahr als Praktikant beim Deutschen Zentrum des Internationalen Theaterinstituts in Berlin beschäftigt.

Was bedeutet das Theater für die kulturelle Bildung? Sollte Theater ein Ort für kulturelle Bildung sein?

Wenn man unter „kultureller Bildung“ Erkenntnis- und Lernprozesse versteht, die in der Sphäre des Ästhetischen stattfinden, hat Theatralität dabei eine große Bedeutung. Ganz gleich, ob man nun Zuschauer oder Akteur ist, in jedem Fall wird im Spiel ein Raum eröffnet, in dem eine bestimmte Wahrnehmung und ein bestimmtes Erproben von sowie ein bestimmtes Verhalten zur Realität möglich werden. Zumindest potenziell bietet dieser Raum dadurch die Möglichkeit, Fragen anders zu stellen und Situationen anders zu erleben, als dies in Ökonomie und Politik, Religion und Philosophie geschieht. Im „geschützten“ Theaterraum bietet sich die Möglichkeit, Gesellschaft anders zu betrachten und so anders an ihr zu partizipieren, andere Fähigkeiten auszubilden und diese auf andere Weise in Wechselwirkung zur Gesellschaft zu setzen. In meinem Verständnis ist dies das Potenzial von „kultureller Bildung“ at its best. Demnach stellt sich für mich die Frage, ob der Raum des Theatralen ein Ort kultureller Bildung sein sollte, nicht, weil er es ganz einfach ist. Die Frage ist, wie man mit dieser Realität verfährt, wofür man sie benutzt und wie man sie Menschen (auch den Kleinen und Kleinsten) zugänglich macht.

Funktioniert kulturelle Bildung im Kindertheater anders als im Erwachsenentheater? Wie funktioniert kulturelle Bildung im Kindertheater?

Wenn eine Theateraufführung ein Grimm-Märchen bearbeitet und die diesem inhärente Gewalt mit theatralen verfremdenden Mitteln – ganz ohne Splatter – darstellt bzw. verhandelt, im Anschluss an diese Inszenierung der Akteur aus seiner Rolle heraustritt und den Kindern die benutzten Mittel zeigt, mit ihnen über das Gesehene spricht und sie nach ähnlichen eigenen Erfahrungen bzw. Übertragungen auf ihr Leben fragt, dann ist dies ein Beispiel dafür, wie „kulturelle Bildung“ im Theater für Kinder möglich gemacht wird ohne das andere – vom erwachsenen unterschiedene – psychologische Entwicklungsmoment außer Acht zu lassen.

Ähnliche Mittel, ein wenig anders benutzt, eröffnen also sowohl im „Kinder-“ wie im „Erwachsenentheater“ den oben beschriebenen Raum, in dem gesellschaftliche Partizipation und eine andere Art der Fragestellung möglich sind.

Sollte Kunst es sich zur Aufgabe machen, „pädagogisch wertvoll“ zu sein?

Ein Wesensmerkmal von Kunst ist das Spannungsverhältnis zwischen Sinn und Sinnlichkeit. Dieses Verhältnis dem Diktat „pädagogisch wertvoll“ zu unterwerfen, kann schädlich für den künstlerischen Prozess und/oder das Produkt dieses Prozesses sein.

Was in welcher Form als „pädagogisch wertvoll“ gelten kann, unterliegt immer einem ganz besonderen Zeitgeist. Man muss also aufpassen, wer welches Produkt aus welcher Motivation heraus als „pädagogisch wertvoll“ labelt.

Letztlich wohnt der Formulierung „pädagogisch wertvoll“ ein gewisser Paternalismus inne. Kinder werden leider immer noch zu oft unterschätzt – insbesondere, wenn es um die Frage des Verhältnisses von Erziehung und Angebote machen geht. Das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ sollte nicht das Normativ von Kunst sein.

Ist es weniger anspruchsvoll, ein Theaterstück für Kinder als für Erwachsene zu verfassen oder umgekehrt? Und warum?

Natürlich besitzt beides seine enormen Tücken. Der wesentliche Unterschied liegt sicher in der verschieden ausgeprägten Erfahrungswelt der beiden Zielgruppen und in der Notwendigkeit, diese Erfahrungswelten auf ganz unterschiedliche Weise zu adressieren. Sich in die Gedankenwelt eines Kindes hineinzuversetzen und komplizierteste Fragen von Welt oder etwa menschlichem Zusammenleben in einer verständlichen Weise zu verhandeln ohne eben den Fehler zu machen, Kinder dabei zu unterschätzen oder zu unterfordern, ist eine enorme Herausforderung und verlangt Könnerschaft und Virtuosität.

Das Schreiben eines guten (Stück-)Textes ist immer eine anspruchsvolle Aufgabe – ganz egal wie alt die potenzielle Leser- oder Zuhörerschaft ist.

Dient Kindertheater dazu, die Kinder schon früh zu Theaterbesuchern oder Kunst- und Kulturnutzern im Allgemeinen zu machen, oder steht eine Art von Hilfestellung im Vordergrund, um die Welt und das Leben besser zu verstehen?

Bestenfalls weder noch. Es ist davon auszugehen, dass der Anteil an Theaterschaffenden, die ihre Produktionen darauf ausrichten, ihr Publikum zu langfristigen Kunst- und Kulturnutzern zu machen, bei Kinder- und Jugendtheatermachern nochmal etwas geringer ist, als im „erwachsenen“ Theaterbereich. Nichtsdestotrotz wollen natürlich alle mit ihrer Kunst unterschiedliche Bevölkerungsschichten erreichen. Wenn in den letzten Jahren also Schlagworte wie „Audience Development“ den Theaterbetrieb zunehmend erobert haben und/oder diesem aufgezwungen wurden, zeigt sich darin zum einen die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche unserer Gesellschaft. Zum anderen aber wird darin ebenso ein Interesse der Theaterschaffenden deutlich, ihre Kunst auch den marginalisierten Teilen unserer Gesellschaft zugänglich zu machen. Wenn eben diese marginalisierten Teile unserer Gesellschaft (zu denen Kinder und Jugendliche zweifellos gehören) auch die Möglichkeiten nutzen können sollen, die „eine Art von Hilfestellung […], um die Welt und das Leben besser zu verstehen“ bietet, dann müssen sie an den Raum, der diese Möglichkeiten bereit stellt, auch herangeführt werden – mithin überhaupt erst wahrnehmen, dass er existiert.

Dazu: Wird Kindertheater für Kinder aus den gleichen Gründen gemacht wie Erwachsenentheater für Erwachsene? Spielt Kunst im Kindertheater eine gleichermaßen große Rolle?

In den besten Fällen: ja. Die ganze Bandbreite des Theaterschaffens in beiden Bereichen miteinander vergleichen zu wollen, fällt naturgemäß etwas schwer. Bei beiden führt das Spektrum von sehr ernstgemeinten Versuchen ästhetischer Welterfahrung über die Verhandlung von Fragen der Lebensrealität bis zu kommerzieller Unterhaltung. Welches die Ansprüche, Motivationen und Mittel einer einzelnen Produktion sind, ist daher eine immer wieder neu zu stellende Frage, die auch ein je unterschiedliches Kunst-Verständnis beinhaltet.

Wollen Kinder überhaupt, dass für sie Theater gemacht wird? Was zeichnet den Balanceakt aus, Kinder in den Bann zu ziehen und ihnen mehr als nur Spektakel mit auf den Weg zu geben?

Wenngleich sich nicht in allen Kulturen so etwas wie das, was wir „Theater“ nennen herausgebildet hat, so könnte man doch Aspekte dessen, was sich in eben jenem „Theater“ vereint – wie etwa das Spiel oder die Erzählung und vor allem die jeweilige Faszination daran – als anthropologische Grundkonstante bezeichnen. Wenn man sich die Reaktionen von Kindern in Theateraufführungen ansieht, zeigt sich meines Erachtens recht deutlich, dass es eine Grundkonstante ist, die auch und insbesondere für Kinder gilt.

Ein wichtiger Aspekt dieses Balanceaktes ist es, Kinder ernst zu nehmen und ihnen wichtige Fragen nicht vorzuenthalten. Ein schönes Beispiel für das Gelingen eines solchen Balanceaktes, ist eine unserer diesjährigen nominierten Inszenierungen, Jo im roten Kleid vom Theater Triebwerk, die schwierige Fragen ebenso ernsthaft, wie feinsinnig und humorvoll auf die Bühne bringt.

Welche aktuellen Inszenierungen für Kinder in Deutschland können Sie empfehlen? Und warum?

Ich habe keinen Überblick über die gesamte Kindertheater-Produktion in Deutschland, aber unser Auswahlgremium hat soeben das Beste aus dem Bereich der Uraufführungen gewählt. Empfehlungen also, die im besten Sinne „beglaubigt“ sind. Die Kindertheater-Inszenierungen, die in Mülheim an der Ruhr vom 13. bis zum 17. Mai 2013 zu sehen sein werden, repräsentieren geradezu paradigmatisch die Ansätze und Überlegungen, die ich in den obigen Antworten versucht habe darzustellen. Neben dem oben bereits genannten Jo im roten Kleid legen wir Ihnen nur allzu gern die folgenden vier Inszenierungen ans Herz: Wunder des Alltags, Die Geschichte vom Löwen, der nicht bis 3 zählen konnte, Nina und Paul und Nach Toronto! oder Meine Mutter heiratet deinen Vater.

Für die Gründe, wegen derer unsere Auswahl-Jury sich – in einem von allen als ausgesprochen qualitativ hochwertig angesehenen Jahrgang – ausgerechnet für diese fünf Inszenierungen entschieden hat, wurden von Oliver Bukowski, Sprecher des Auswahlgremiums, wesentliche Kriterien für die Auswahl benannt:

„Halb Pädagogik, halb Ästhetik – und keine davon war uns die bessere Hälfte. Die Autorinnen und Autoren des Kindertheaters erschreiben uns das Publikum der Zukunft, es wäre also fast anachronistisch, ihre Texte nur nach Maßgabe aktueller Fachdebatten zu beurteilen und womöglich Formen gegen Inhalte auszuspielen. Ob sozialrealistisch und nach der Architektur klassischen Dramas oder postdramatisch frei komponiert – die Stücke durften alles sein, nur nicht matt und einfallslos. Die Jury las Zeile für Zeile nach, ob sprachlich genau und plastisch geschrieben wurde. Fanden wir Floskeln, pseudo-kindliche Phrasen oder nur Rückgriffe auf die Metaphorik allseits bekannter Märchen und Fabeln, dann wurden wir skeptisch. Mehr noch, wenn wir entdeckten, dass sich der Text mit billigen Tricks dem Publikum andienen will. Oft, zu oft, begegnete uns statt Wort- und Situationskomik bloß der platte Kalauer. Hier eine Vokabel Fäkalsprache für den schnellen Lacher, dort eine Anspielung oder ein Witzchen für das erwachsene Begleitpublikum – wer so arbeitete, schied früh aus.“
 

Empfehlungsliste der aktuellen Inszenierungen für Kinder in Deutschland


Jo im roten Kleid. Stück nach einem Buch von Jens Thiele
Theater Triebwerk, Regie: Nina Mattenklotz.

Wunder des Alltags von PeterLicht
Junges Schauspielhaus Düsseldorf, Regie: Peter Kastenmüller.

Die Geschichte vom Löwen, der nicht bis 3 zählen konnte von Martin Baltscheit
Deutsches Nationaltheater Weimar, Regie: Stefan Behrendt.

Nina und Paul von Thilo Reffert
Landestheater Tübingen, Regie: Tanja Weidner.

Nach Toronto! oder Meine Mutter heiratet deinen Vater von Heike Falkenberg
Landestheater Detmold, Regie: Claudia Göbel.