Digitalisierung Museumsrundgang auf digital

Museumsrundgang auf digital
Foto: Andreas Reeg/Städel-Museum

Die Digitalisierung beschäftigt auch deutsche Museen. Viele Häuser experimentieren, wie sich mithilfe von Apps oder Sozialen Medien Museumsbesucher zeitgemäßer ansprechen lassen.

Am 6. Februar 2014 kommt das WLAN in der Bonner Bundeskunsthalle an seine Grenzen. Zu viele Menschen versuchen gleichzeitig, Bilder und Nachrichten aus der Ausstellung Florenz! zu twittern. Eine Gruppe von 25 Personen wird durch die Schau über die italienische Stadt geführt, in den Händen der Museumsbesucher: ihre Smartphones.

Alle 25 waren Teilnehmer eines TweetUps in der Bundeskunsthalle. Bei einem TweetUp verabreden sich Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter, um unter einem gemeinsamen Schlagwort, dem Hashtag, über eine Veranstaltung zu twittern. „Es war schon ein ungewohnter Anblick: So viele Leute im Museum, die auf ihre Smartphones starren und tippen“, beschreibt Friederike Siebert von der Bundeskunsthalle die Szenerie.

Digitale Technik erweitert den Rahmen der Ausstellung

Für Friederike Siebert passen Kunst und Technologie dennoch gut zusammen. Wer ein Museum besucht und mit anderen darüber twittert, erlebe das Museum anders, glaubt sie. „Natürlich geht Aufmerksamkeit weg, weil man twittert. Aber man beschäftigt sich gleichzeitig intensiver mit einzelnen Exponaten“, sagt Siebert über ihre Eindrücke vom TweetUp. „Man erweitert die Ausstellung und hebt sie über den Ausstellungsrahmen hinaus. Digitale Technik kann so zu anderen Diskussionen über Kunst führen.“

Wie die Bundeskunsthalle wollen zahlreiche deutsche Museen die digitalen Technologien nutzen – um für sich zu werben, um ihre Ausstellungen für Besucher anders erlebbar zu machen, und um ihre Bestände im Internet zu zeigen. Immer öfter bieten sie ihren Besuchern Apps an, die einen virtuellen Museumsbesuch vom Sofa aus ermöglichen sollen – oder zumindest einen Rundgang durch die Museumsräume digital ergänzen können.

Augmented Reality erweckt Bilder zum Leben

Die Website von Dorian Ines Gütt bietet einen guten Überblick über deutsche Museums-Apps. Über 100 deutschsprachige Anwendungen sind schon zusammengekommen. Die App Movin’ Klee etwa setzt auf Augmented Reality, also Technik, die das real Erlebte sozusagen anreichert mit neuen, virtuellen Inhalten. Wer die Ausstellung Paul Klee – Mythos Fliegen im Augsburger Glaspalast besucht, kann sich die App auf sein Smartphone oder Tablet herunterladen. Richtet man die Handykamera auf Klees Bilder, erwachen sie zum Leben, Details treten hervor, Pinselstriche verschwinden. Wer die App nicht live im Glaspalast verwenden konnte, kann anhand eines Internet-Testbilds ausprobieren, wie die App funktioniert.

Andere Apps zielen auch auf das potenzielle Museumspublikum daheim. Seit Ende Januar 2014 ist zum Beispiel die neue App der Sammlung der Hypo-Vereinsbank (HVB) auf dem Markt. Kunstinteressierte können sich die App herunterladen und einen Streifzug durch die Highlights der Sammlung unternehmen – vom Sofa aus. Die Anwendung zeigt rund 400 Exponate der HVB-Sammlung, dazu gibt es Informationen zu aktuellen Ausstellungen und anderen Kulturveranstaltungen der Unternehmenssammlung.

Das Angebot ist multimedial. Ein dokumentarischer Kurzfilm erklärt, wie die Bank zu ihrem kulturellen Engagement kam, an Hörstationen können App-Nutzer Künstlern oder Fachleuten zuhören, die über einzelne Werke der Sammlung sprechen. Die Verbindung zwischen digitaler und virtueller Museumswelt schafft die App über Karten: Wer sich ein bestimmtes Werk nicht nur auf dem Bildschirm ansehen will, der kann über eine Kartenansicht herausfinden, wo genau das Kunstwerk steht.

Auch die Pinakothek der Moderne in München hat schon Apps programmieren lassen, die ihre Ausstellungen digital erlebbar machen, etwa bei der Ausstellung Traumbilder. Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, die Berlinische Galerie und die Schirn-Kunsthalle Frankfurt haben bei ihren letzten Ausstellungen ebenfalls mit dem App-Format experimentiert.

Besonders weit hat das Städel-Museum in Frankfurt seine digitale Erweiterung schon vorangetrieben. Direktor Max Hollein lässt online alle Kanäle bespielen: Facebook, Youtube, Twitter. Das Städel-Blog hat Zehntausende Leser. Für 2014 sind ein Computerspiel für Kinder und Onlinekurse für Erwachsene geplant. Außerdem soll es eine digitale Plattform geben, die Internetnutzern den Bestand des Museums zeigt.

Vielen Museen fehlt das Geld für gute Apps

Im Vergleich zu amerikanischen oder britischen Museen stehen deutsche Museen allerdings erst am Anfang, sagte Stefan Rohde-Enslin. Er ist für den Fachbereich Digitalisierung am Institut für Museumsforschung zuständig. „In den meisten Museen hat sich mit der Digitalisierung überhaupt nichts verändert.“ Viele Museen hätten einfach nicht genügend Geld, eine App entwickeln zu lassen, außerdem müssen komplizierte Rechtefragen geklärt werden, bevor ein Kunstwerk im Internet verbreitet werden darf. Wer Bilder nur von anderen Häusern geliehen habe, habe hier oftmals keine Möglichkeit, das Exponat auch im Netz zu zeigen oder damit für die Ausstellung zu werben.

„Wir leben in einem digitalen Raum und wollen anders angesprochen werden“, sagte Rohde-Enslin. Museen gälten da schnell als altbacken. Apps erschienen vielen als der geeignete Weg aus diesem Dilemma. Wirklich gute Angebote an Kulturinteressierte aber seien rar. Außerdem glaubt der Digitalisierungsexperte des Instituts: „Die Aura eines Ortes, wenn man die anderen Besucher vor einem Gemälde flüstern hört – das ist durch Apps nicht zu vermitteln.“