Kirche von Nida Das Haus Gottes auf der Düne

Die evangelische Dorfkirche von Nida
Die evangelische Dorfkirche von Nida | © Goethe-Institut/Shäm Philipp Sieger

Der kleine Ort Nida auf der Kurischen Nehrung mag am Rande Litauens liegen, ist aber weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Neben der Künstlerkolonie und dem Thomas-Mann-Haus ist es vor allem die idyllische Landschaft, der Nida seinen Ruf als Urlaubsparadies zu verdanken hat. Die Geschichte zeigt jedoch, wie sich an diesem Ort die Schicksale Litauens, Deutschlands und Russlands in all ihrer Tragik, die das vergangene Jahrhundert mit sich gebracht hat, verbinden.

Die Umstände der Erbauung der Kirche im 19. Jahrhundert verweisen auf die Härte und Armut des Lebens auf der Nehrung, die vorwiegend von Fischern bewohnt wurde. Zum einen konnten die Baukosten unmöglich von den Gemeindemitgliedern selbst getragen werden, so dass sich der damalige Pfarrer in 6.000 (!) Bittbriefen an evangelische Institutionen und Kirchen im ganzen Deutschen Reich wandte. Zum anderen wurde dem Neubau, trotz des schlechten Zustandes des provisorischen Betsaals, mit einiger Skepsis begegnet – das Dorf Nidden, wie Nida damals hieß, war seit seiner Gründung bereits zweimal von den Wanderdünen verschluckt worden. Dass die neue Kirche ausgerechnet auf der Spitze einer Düne erbaut werden sollte, war vielen Niddenern mehr als suspekt. Der Spendenaufruf war jedoch erfolgreich, und so konnte die Kirche im Oktober 1888 eingeweiht werden.

Den Stürmen des Meeres und der Zeit ausgesetzt

Zu der Zeit der Erbauung der Kirche war die Kurische Nehrung Teil des Deutschen Reichs, zugehörig zu Ostpreußen. Der Kirchenbau lehnt sich an die Backsteingotik an, die der Deutsche Orden im Mittelalter in dieser Region etabliert hatte und deren berühmtestes Beispiel die Marienburg im heute polnischen Malbork ist. Die Innenausstattung hingegen zeigte enge Verbindungen zur Lebenswirklichkeit der Fischer: Das Altarbild stellt den sinkenden Petrus dar, der von Jesus aus dem See Genezareth gerettet wird.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelangte das Gebiet über Umwege an die junge Republik Litauen, die 1918 gegründet worden war. Schon 1939 musste das Gebiet wieder an Nazi-Deutschland übergeben werden und war nunmehr unausweichlich von den Wirren des Zweiten Weltkriegs betroffen. Ende 1944 wurden alle Bewohner vor der heranrückenden Roten Armee evakuiert. Die Flucht gelang aber nicht allen – das Festland war bereits von der sowjetischen Armee eingenommen worden, und auch der Weg in Richtung Süden war bald abgeschnitten.

Die bis heute in Nida lebende Christel Tepperis gehörte damals zu den wenigen Bewohnern, die in den Ort zurückkehrten. Im vom sowjetischen Militär besetzten Ort ging es zunächst um das schiere Überleben. Gottesdienste schienen die geringste Sorge zu sein. Doch im Laufe der nächsten zwei Jahre kehrten mehrere Niddener Familien zurück. „Hans Sakuth organisierte daraufhin den Wiederaufbau“, erklärt Christel Tepperis. Der Kirchenälteste intervenierte erfolgreich gegen die fortwährende Beschädigung der Kirche durch die Rotarmisten und durfte als Diakon die Seelsorge verantworten.

Nur knapp vor der Zerstörung gerettet

Gottesdienste konnten bis 1962 in der Kirche gefeiert werden. Dann aber wurde die Kirche der Gemeinde endgültig weggenommen und die Inneneinrichtung durch Plünderungen schwer beschädigt. „Einzig sechs Bänke konnten wir retten“, so Tepperis. Der Rest der Einrichtung wurde größtenteils als Brennholz aus der Kirche fortgeschafft. Die Enteignung fiel zeitlich mit wesentlich härteren, anti-religiösen Maßnahmen der sowjetischen Autoritäten zusammen. „Das Gemeindeleben war tot, und man konnte den Glauben nur im Geheimen leben“, erinnert sich Christel Tepperis.

Der Innenraum mit den Emporen und der Orgel Der Innenraum mit den Emporen und der Orgel | © Goethe-Institut/Shäm Philipp Sieger Der vollständigen Zerstörung entkam die Kirche nur durch die Umwandlung in ein Heimatmuseum. Fischerkähne und Netze, die typischen Kurenwimpel zur Markierung der Boote und Bernsteine füllten den Innenraum und sollten ein verklärtes Bild vom traditionellen Leben auf der Nehrung zeichnen. Die neue Nutzung der Kirche als Kulturdenkmal wurde auch durch die regelmäßige Veranstaltung von Konzerten unterstrichen, die zur Unterhaltung der Urlauber – ausgewählte Funktionäre der kommunistischen Partei und der Wirtschaft, ansonsten war die Nehrung als Grenzgebiet abgesperrt – dienten.

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit wurde 1992 der evangelisch-lutherischen Kirche von Litauen das Gebäude wieder zugesprochen. Vorangegangen war eine umfangreiche Renovierung, die von Maja Ehlermann-Mollenhauer initiiert worden war. Die Kunsthistorikerin, Tochter des langjährig in Nida tätigen Malers Ernst Mollenhauer (1892-1963), sorgte dafür, dass die Kirche ihr altes Aussehen zurückerhielt. An der Finanzierung des Vorhabens beteiligten sich viele ehemalige Niddener oder ihre Nachfahren.

Ort des Gebets und der Kultur – und eine ungewisse Zukunft

Die Kirche von Nida ist heute gleichermaßen Ort des Gebets und der Kultur. Nach wie vor finden regelmäßig Konzerte statt, und vor allem im Rahmen des jährlichen Thomas-Mann-Festivals steht sie als Veranstaltungsort der Konzerte im Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Sommer zieht es zudem viele Urlauber aus Neugier oder dem Bedürfnis nach einem Moment der Ruhe in das kleine, schlichte Gebäude. Um dem Bedarf gerecht zu werden, entsendet die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) Jahr für Jahr deutschsprachige Seelsorger zur Urlaubsseelsorge.

Trotz der idyllischen Umgebung und des relativen Wohlstandes, den der Tourismus in den Ort gebracht hat, ist Nida auch mit den Problemen des modernen Litauen konfrontiert. „Die Jugend geht weg“, so identifiziert Christel Tepperis die größte Sorge der Bewohner der Kurischen Nehrung. Jonas Liorančas, der Pfarrer von Nida, pflichtet ihr bei und verweist darauf, dass es außer dem Fremdenverkehr und dem öffentlichen Dienst kaum Möglichkeiten gibt, Geld zu verdienen. Besonders der Winter, wenn die 2.600 Einwohner der Nehrung ihren gut 50 km langen Landstrich für sich haben, legt die Probleme offen: Lange Wege und ein Mangel an Schulen machen den Ort für junge Familien unattraktiv. Auch Liorančas selbst wohnt mit seiner Familie nur im Sommer in Nida. Zudem stellt sich angesichts von noch 46 evangelisch-lutherischen Christen, die der Zensus 2011 für Nida und Umgebung ausweist, die Frage nach der Zukunft der Kirche ganz besonders drängend. Der Denkmalstatus schützt sie als Bauwerk. Doch allein die Zeit wird zeigen, zu welchem Zweck die Menschen in Zukunft das kleine Gotteshaus auf der Düne aufsuchen werden.