Religionen in Litauen Frei, anerkannt und in steter Veränderung begriffen

Die Vilniusser Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus, ist die römisch-katholische Kathedrale des Erzbistums Vilnius, der Hauptstadt Litauens.
Die Vilniusser Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus, ist die römisch-katholische Kathedrale des Erzbistums Vilnius, der Hauptstadt Litauens. | © colourbox.com

Religion in Litauen wird weithin mit dem Katholizismus gleichgesetzt. Tatsächlich ist die religiöse Landschaft aber wie in allen Ländern in Bewegung. Während in Deutschland besonders durch die Immigration eine enorme Pluralisierung der Religion stattgefunden hat, drängen in Litauen seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit vor allem Freikirchen evangelikaler Prägung in die Gesellschaft. Besondere Aufmerksamkeit kommt in diesem Zusammenhang der Frage nach staatlicher Anerkennung zu.

Im seit 1990 wieder unabhängigen und demokratischen Litauen ist die Religionsfreiheit wie in allen Demokratien westlicher Prägung gesetzlich auf höchster Ebene verankert. Die litauische Verfassung von 1992 garantiert zum einen Freiheit des Gewissens und der Religion (Art. 26) und betont das Recht auf religiöse Erziehung. Zum anderen legt sie die Grundzüge der Beziehung zwischen Staat und Religion fest und bekräftigt somit eine Teilverantwortlichkeit des Staates für die Religionen als Teil der litauischen Gesellschaft. Artikel 43 spricht Religionsgemeinschaften, die seitens des Staates anerkannt sind, den Status juristischer Personen zu und gewährt ihnen innere Autonomie, solange ihre Aktivitäten nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Gleichzeitig unterscheidet der Artikel zwischen „traditionellen“ und „gesetzlich anerkannten“ Religionen, wobei es keine Staatsreligion geben soll.

Religionen auf der Suche nach staatlicher Anerkennung

Diese von der Verfassung vorgenommene Unterscheidung ist der Hintergrund eines weiteren, grundlegenden Gesetzes, das den Status der Religion in Litauen festlegt: Das „Gesetz über die religiösen Gemeinschaften und Organisationen“ nennt neun Religionsgemeinschaften, die als „traditionelle“ Religionen anerkannt sind. Neben der römisch-katholischen Kirche sind dies die griechisch-katholischen, evangelisch-lutherischen, die evangelisch-reformierte und die russisch-orthodoxe Kirchen sowie die sogenannten Altgläubigen, Juden, sunnitische Muslime und Karäer. Als „traditionell“ werden sie aufgrund ihrer mehr als 300-jährigen Existenz auf dem Gebiet des heutigen Litauen bezeichnet, weshalb auch verhältnismäßig kleine Gruppen wie die Karäer diesen Status genießen.

Neben den traditionellen Religionsgemeinschaften können sich andere Gemeinschaften um die Anerkennung durch den Staat bewerben, sofern sie mehr als 25 Jahre lang in Litauen tätig sind, öffentliche Unterstützung genießen sowie gesetzeskonform wirken. Anders als in Deutschland ist die Zuständigkeit für dieses Verfahren klar geregelt; eine dem Justizministerium unterstellte Kommission für religiöse Angelegenheiten nimmt die Prüfung der Anträge vor und übermittelt sie gegebenenfalls zur Zustimmung an das litauische Parlament. Bisher haben zwei evangelische Kirchen (Baptisten und Adventisten) dieses Verfahren erfolgreich durchlaufen, während drei weitere Anträge noch der parlamentarischen Zustimmung bedürfen.

Keine Kirchensteuer, aber staatliche Unterstützung

Die traditionellen und staatlich anerkannten Religionen genießen eine Reihe von Privilegien, die im Laufe der Zeit stetig erweitert wurden. Dazu zählen unter anderem die Registrierung von Eheschließungen, die Erteilung von Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, aber auch die Befreiung von bestimmten Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen für den Klerus. Im Unterschied zu Deutschland gibt es keine Kirchensteuer; jedoch zahlt der Staat den traditionellen Religionen eine jährliche Unterstützung, die sich an der Größe der Religionsgemeinschaft orientiert. Religiöse Gemeinden und Institutionen können zudem von den litauischen Steuerzahlern mit 2% ihres Einkommenssteuerbetrags bedacht werden, wobei sie auf diesem Feld mit anderen sozialen Einrichtungen, aber auch mit Sportklubs oder Schulen konkurrieren.

Stabiler Traditionskatholizismus

Der zuletzt 2011 durchgeführte Zensus bestätigt die stabile Verteilung der Religionszugehörigkeit innerhalb der litauischen Bevölkerung. 77% geben an, Mitglied der römisch-katholischen Kirche zu sein. Mit weitem Abstand folgen die russisch-orthodoxe Kirche (4%), die verschiedenen evangelischen Kirchen (knapp 1%) sowie die sonstigen kleinen Religionsgemeinschaften.

Trotz der zahlenmäßig scheinbar übermächtigen Position der katholischen Kirche ist das Bild differenzierter zu zeichnen. Die litauische Gesellschaft ist einerseits stark von konservativen Einstellungen geprägt, wenn es zum Beispiel um die Familien- und Ehepolitik geht, was besonders bei der Frage nach der Stellung der Homosexuellen immer wieder für erbitterte Auseinandersetzungen sorgt. Andererseits ist die Zahl zum Beispiel der Kirchgänger kaum höher als in Deutschland; etwa 15% der Mitglieder finden sich regelmäßig zum Gottesdienst ein. Zudem: Wenngleich die prozentuale Verteilung der Religionszugehörigkeit im Vergleich zum Zensus, der 2011 durchgeführt wurde, stabil geblieben ist, fiel im Zensus 2011 eine weitaus höhere Anzahl von angegebenen Religionsgemeinschaften auf. Es ist daher anzunehmen, dass sich die religiöse Landschaft in Zukunft noch weiter ausdifferenzieren und somit die bisher unangefochtene Stellung der katholischen Kirche in der Gesellschaft abgeschwächt werden wird.