Faina Kukliansky im Gespräch „Eine Gemeinschaft, die die Vielfalt ihrer Mitglieder respektiert“

Wenige Aspekte der litauischen Geschichte sind von einer solchen Dramatik geprägt wie die Geschichte des Judentums. Begünstigt durch relative Toleranz im Mittelalter, wurde es durch eine fruchtbare Verbindung von Religiosität und Intellektualität zunächst zur Blüte geführt, bevor schließlich die Verbrechen des Nationalsozialismus dem brutal ein Ende setzten.

Heute leben etwa 5.000 Menschen jüdischen Glaubens in Litauen. Die Vorsitzende der 1989 gegründeten Jüdischen Gemeinde Litauens, Faina Kukliansky, beschreibt die Umstände ihrer Arbeit.

Woher stammen die heute in Litauen lebenden Juden? Gab es – ähnlich wie in Deutschland –einen Zustrom jüdischer Einwanderer nach dem Zerfall der Sowjetunion?

Die Situation ist nicht ganz mit der Lage in Deutschland zu vergleichen. In der Tat sind Juden nach dem Ende des Kommunismus nach Litauen eingewandert und, ähnlich wie in Deutschland, kamen sie hauptsächlich aus Russland, Weißrussland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Ein möglicher Unterschied zu anderen Ländern liegt aber darin, dass wir nicht zwischen den eingewanderten und den von hier stammenden Juden, den sogenannten Litwaks, unterscheiden. Wir sind eine jüdische Gemeinschaft, die die Vielfalt ihrer Mitglieder respektiert.

Wie intensiv sind denn die Verbindungen zwischen ihrer Gemeinschaft und den Litwaks, die im sich im Laufe der Jahrzehnte in die Diaspora weltweit verstreut haben? Wie ist der kürzlich abgehaltene Litwak-Kongress in Vilnius in diesem Zusammenhang einzuordnen?

Während der sowjetischen Besetzung konnten wir nicht einmal zu unseren Verwandten in anderen Ländern Kontakt aufnehmen. Dies hat natürlich die Beziehungen zwischen den litauischen Juden und denen in anderen Ländern beeinflusst. Heutzutage leben wir aber in einer kosmopolitischen Welt, in der die Menschen viel reisen und Kontakte knüpfen. Unsere Gemeinschaft versucht, die Verbindungen zu stärken, indem wir jüdische Gemeinden aus der ganzen Welt einladen und eng mit vielen internationalen jüdischen Organisationen zusammenarbeiten. Der Kongress der Litwaks sollte die Öffentlichkeit daran erinnern, dass unsere winzige, aber vielseitige Gemeinde lebendig und aktiv ist.

Die jüdische Gemeinde Litauens weist als eines ihrer Ziele aus, das Jüdisch-Sein – die sogenannte „Yiddishkait” – zu erhalten. Was ist unter „Yiddishkait“ zu verstehen?

An erster Stelle eine starke intellektuelle Prägung der Religion, aber auch Unabhängigkeit und Toleranz und nicht zuletzt ein „jüdischer Geist“ – „yiddisher neshome”.

Wie sind Ihre Beziehungen mit den anderen traditionellen Religionen Litauens?

In Litauen leben etwa 2000 einheimische Muslime, mit denen wir extrem gute Beziehungen pflegen. Auch zur katholischen Kirche besteht eine gute Verbindung, die wir gerne noch weiter entwickeln möchten.

Und wie ist ihr Verhältnis zum Staat und der Gesellschaft?

Der Staat respektiert uns und hört uns zu. Das bedeutet nicht, dass er uns hörig wäre, sondern dass er in unsere Angelegenheiten involviert ist, unsere Probleme versteht und versucht, uns bei ihrer Lösung zu helfen. Das Verhältnis zur Öffentlichkeit wird fortwährend weiterentwickelt. Das tun wir durch viele Initiativen zum Schutz von Menschenrechten; außerdem versuchen wir, uns so offen wie möglich zu präsentieren und unsere Traditionen zu erklären. Diese Arbeit zeigt Ergebnisse. Als kleine jüdische Gemeinde sollten wir nicht vergessen, sondern in der Gesellschaft bekannt und respektiert werden.
 

Faina Kukliansky stammt aus einer Litwak-Familie, die den Holocaust überlebte, und arbeitet als Rechtsanwältin in Vilnius. Im April 2013 wurde sie zur Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Litauens gewählt.