Dr. Hans-Friedrich Fischer im Gespräch „Ich vermisse ein klares Wort der Kirche!“

Hans-Friedrich Fischer
Hans-Friedrich Fischer | © Goethe-Institut/Shäm Philipp Sieger

Der aus der ehemaligen DDR stammende katholische Geistliche unterhält seit den 70er-Jahren persönliche Kontakte nach Litauen und lebt seit 1997 dauerhaft hier. Er leitete unter anderem die Priesterausbildung für die Diözese Vilnius. Im Interview berichtet er über die Probleme und Hoffnungen der Katholischen Kirche Litauens.

In einem Artikel über die litauische Kirche aus dem Jahre 2005 beschreiben sie zum einen die Verdienste der Kirche in der Zeit der sowjetischen Besetzung, aber zum anderen auch ein großes Misstrauen gegenüber den Entwicklungen, die die Weltkirche in derselben Zeit durchgemacht hat. Wie bewerten Sie die Situation heute?

Die Probleme bestehen eigentlich bis heute. Das wirklich Verhängnisvolle war die Situation einer ständigen Kirchenverfolgung, gegen die sich die Kirche in der Sowjetzeit abschotten musste. So war man abgeschnitten von allen Entwicklungen, die sich in derweil in der Weltkirche vollzogen haben. Vom Zweiten Vatikanischen Konzil haben viele Katholiken in Litauen erst 25 Jahre nach dem Konzil erfahren.

Hinzu kommt: Bei den entscheidenden politischen Weichenstellungen in den 90ern war die Kirche fast nur durch Leute vertreten, die gedanklich noch im 19. Jahrhundert gelebt haben und die eher auf Wiederherstellung der alten, politisch einflussreichen Position der Kirche gehofft hatten. Die neuen politischen Kräfte hatten aber kein Interesse daran. Ein Zeichen dafür ist, dass Verträge zu einem modus vivendi zwischen Kirche und Staat erst Mitte der 90er-Jahre geschlossen wurden.

Wie in vielen anderen Ländern Osteuropas hat es sich nicht nur positiv für die Kirche ausgewirkt, auf die Wiedererlangung des alten Besitzes zu pochen. Man muss wirklich sagen: In Litauen war die unterdrückte Kirche zu Sowjetzeiten Sprachrohr der Sprachlosen. Das ist sie nicht inzwischen mehr. Dort, wo sich zum Beispiel der litauische Staat völlig unsozial verhält, vermisse ich ein klares Wort der Kirche.

Andererseits versucht die Kirche auf Feldern wie zum Beispiel der Familienpolitik sich sehr dezidiert in den politischen Diskurs einzumischen. Wie ernst werden diese Interventionen genommen?

Mir wäre es wesentlich wohler, wenn sich die Kirche nicht nur da einmischen würde, wo es um Definitionen von Ehe geht, sondern wenn sie sich da einmischen würde, wo es um Fragen geht wie: Warum machen wir solche Gesetze, dass junge Leute gezwungen sind ins Ausland zu gehen, wenn sie sich eine Existenz aufbauen wollen? Weshalb leben so viele Rentner unter dem Existenzminimum? Da müsste sich Kirche einmischen. Es ist scharf gesagt natürlich einfacher, hehre Prinzipien zu verkündigen, die nichts kosten, als sich mit dem Staat dann anzulegen, wenn es um Geld geht.

In der Katholischen Kirche Deutschlands haben in den vergangenen Jahren viele Katholiken ihre Unzufriedenheit mit den innerkirchlichen Zuständen sehr dezidiert ausgedrückt. Die Kirche hat darauf mit Gesprächsforen und Dialogprozessen reagiert. Wie drücken die Litauer ihre Unzufriedenheit mit der Kirche aus?

Ich denke, sie drücken es vor allem dadurch aus, dass sie einfach nicht mehr kommen, denn es gibt in Litauen im Prinzip keine Ebene für Gespräche zwischen Klerus und Laien. Die in Deutschland sehr erfolgreichen katholischen Akademien sind hier nicht existent. Auch Pfarrgemeinderäte bestehen in den meisten Gemeinden nur auf dem Papier. Von dem, was wir in Deutschland seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil an innerkirchlicher Demokratie und Dialog entwickelt haben, ist man hier noch weit entfernt. Wir erleben nach wie vor eine sehr klerus-bestimmte Kirche. Das ist aber nicht nur deswegen so, weil Priester und Bischöfe das wollen, sondern weil es vielen Gläubigen fremd wäre, in dieser Form Verantwortung zu übernehmen. Katholisch sein ist an erster Stelle meinem Eindruck nach eine liturgische oder spirituelle Angelegenheit, aber nicht so sehr eine Sache, die das Leben als Ganzes bestimmt.

Wie ist dieser Rückzug auf Äußerlichkeiten zu erklären?

Speziell in Vilnius gibt ein ganz einfaches Phänomen: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Vilnius vor allem eine polnische und jüdische Stadt. Im Zuge der Sowjetisierung sind dann Litauer aus anderen Regionen nach Vilnius gekommen. Diese Menschen sind ohne die Traditionen ihrer gewohnten Umgebung aufgewachsen, aber es gab ja keine hiesigen Traditionen. Somit sind sie sind traditions- und geschichtslos aufgewachsen. Das ist vergleichbar mit dem, was ich in der ehemaligen DDR erlebt habe oder heute noch erlebe. Wenn man den üblichen Ostdeutschen nach seinem Glauben fragt, antwortet er mit einem ganz schlimmen Satz: „Ich bin nichts“. Dabei merkt er gar nicht, was er damit über sich selber sagt.

Das Problem ist daher das Folgende: Etwa 85% der Menschen sind zwar katholisch getauft, das religiöse Wissen aber tendiert gegen 0. In der sowjetischen Zeit durfte es weder Religionsunterricht noch religiöse Erziehung geben, so dass viele Litauer das bisschen, was sie wissen, von ihren Großmüttern erfahren haben. Deswegen werden Äußerlichkeiten so wichtig. Dass man an Heiligabend nach wie vor seine 12 Fastenspeisen isst, dass man an Ostern Ostereier bemalt; verhüte Gott, dass man sich über eine Türschwelle hinweg begrüßt – solche und andere Dinge sind für mich ganz eindeutig ein Beleg dafür, dass gerade sich intellektuell und nationalbewusst gebende Litauer fast in das alte Heidentum zurückgefallen sind.

Neben der Politik und den innerkirchlichen Zuständen bliebe noch die Frage nach dem Verhältnis zur Öffentlichkeit. Wie würden Sie dieses beschreiben?

Im Prinzip spielt Kirche im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle, denn es fehlt an organisierten und institutionalisierten Orten der Begegnung zwischen Kirche und Staat. In Deutschland gibt dafür die katholischen Büros der Bistümer. Es gibt in Litauen zudem auch bis auf das „Kleine Studio“ von Pater Sasnauskas und das mehr an ein innerkirchliches Publikum gerichtete Radio Maria kaum eine ernsthafte kirchliche Stimme in den Medien. Das Verhältnis der Kirche zu den Massenmedien ist katastrophal. Der einzige, der sich äußert und damit auch gehört wird, ist Erzbischof Tamkevičius aus Kaunas. Von allen anderen Bischöfen und sonstigen kirchlichen Autoritäten vermisse ich das. Viele Menschen setzen allerdings ganz aktuell ihre Hoffnungen auf Papst Franziskus, und auch ich denke, dass man da noch einiges erwarten kann, wobei ich sehr hoffe, dass sich seine Impulse auch für uns hier auswirken. Auch von den jungen, in den vergangenen Jahren neu geweihten Bischöfen und dem neuen Erzbischof von Vilnius erwarte ich neue Ideen.

Neben der polnischen Kirche zählt auch die Katholische Kirche in Deutschland zu den wichtigsten Partnern der litauischen Katholiken. Wie ist die Beziehung zwischen den Kirchen beider Länder heute?

Ein großes Verdienst der deutschen Kirche liegt auf dem Gebiet der Jugendseelsorge. Vor allem die Erzbistümer Köln und Freiburg sowie das Bistum Dresden haben in fast allen Bistümern Litauens die Jugendseelsorge aufgebaut, was sich sehr positiv ausgewirkt hat. Vieles von dem, was es hier an kirchlichen Strukturen und Einrichtungen gibt, würde es ohne die Hilfsaktionen Renovabis und Kirche in Not nicht geben. Andererseits hat man aber auch Angst vor der deutschen Theologie, jedoch ohne sie richtig zu kennen. So wurde mir immer wieder der Name Eugen Drewermann vorgehalten, wenn ich genauer nach den Vorbehalten fragte.

Eines ist aber ähnlich: Die Zahl der tatsächlich aktiven Christen. Die scheinbar immer vollen Kirchen am Sonntag täuschen die Priester in Litauen darüber, wie groß ihre Herde tatsächlich ist. Die Gemeinde Sankt Peter und Paul, in der ich arbeite, hat 47.000 Katholiken im Einzugsgebiet. Wenn man alle unsere Gottesdienste zusammenzählt, kommen optimistisch geschätzt 7.000. Das macht 15%. Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger liegt insgesamt kaum höher als in Deutschland.

Ihre ersten Kontakte nach Litauen bildeten sich über die Künstlerszene. Positioniert sich die Kirche in Litauen gegenüber der Kunst? Ich denke dabei an Initiativen wie die Künstlerseelsorge deutscher Bistümer, aber auch lokale Projekte, in denen sich Kirchen zum Beispiel als Ausstellungsflächen und Kunstraum anbieten.

Wenn ich zu Ausstellungseröffnungen erscheine, sind die Anwesenden häufig überrascht, dass ein Priester auftaucht. Denn: Das Interesse von Seiten vieler Künstler besteht durchaus. Bisher scheint es aber kein Interesse seitens der Kirchenleitung an Initiativen wie dem „Aschermittwoch der Künstler“, der in Köln stattfindet, zu geben. Das ist vor allem vor dem Hintergrund des blanken Nichtwissens vieler Priester um die Kunst und die Kunstgeschichte bedauerlich.

In diesem Punkt kann tatsächlich Kardinal Meisner (Erzbischof von Köln) ein Vorbild sein, von dem das manche seiner Kritiker wohl nicht vermutet hätten. Das Diözesan-Museum des Erzbistums Köln zeigt unter anderem auch Werke von Warhol. Darauf angesprochen, meinte Kardinal Meisner : „Gefällt mir überhaupt nicht. Aber in so einem Museum kann nicht nur das hängen, was mir gefällt, sondern alles, was wirklich Kunst ist.“
 

Dr. theol. Hans-Friedrich Fischer CO gehört der Kongregation vom Oratorium des Heiligen Philip Neri an, einer katholischen Priestergemeinschaft, die seit dem 16. Jahrhundert besteht. In der ehemaligen DDR war er unter anderem Jugendseelsorger in Leipzig und erlebte die von dieser Stadt maßgeblich ausgehende friedliche Revolution mit.
Von 1997-2001 leitete er das Priesterseminar der Diözese Vilnius als Rektor, wo er bis heute als Professor für Theologie und Kirchengeschichte tätig ist. Er wirkt darüber hinaus in der Seelsorge an der Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Vilnius mit.