Milda Ališauskienė im Interview „Der religiöse Individualismus wird zunehmen“

Milda Ališauskienė
Milda Ališauskienė | Foto: privat

Seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit 1990 hat Litauen eine politische und wirtschaftliche Anlehnung an Westeuropa und die USA gesucht. Gleichzeitig wurde damit aber auch die litauische Gesellschaft Trends und Einflüssen aus der westlichen Welt ausgesetzt. Die Soziologin Milda Ališauskienė erläutert die Konsequenzen auf dem Gebiet der Religion.

Wie würden Sie spontan reagieren, wenn jemand Litauen als „katholisches Land“ bezeichnet?

Als Soziologin würde ich sagen, dass man nur auf den ersten Blick von Litauen als „katholischem Land“ sprechen kann, gleichzeitig aber der Einfluss von sozialen Phänomenen wie Globalisierung, Verstädterung und Migration auf die Menschen offensichtlich ist und sich in ihrem Glauben und ihren Bräuchen widerspiegelt. Dabei bestehen deutliche Unterschiede zwischen denen, die angeben zur Römisch-katholischen Kirche zu gehören und denen, die glauben, praktizieren und Werte ihres Glaubens im Alltag leben. Eine Untersuchung aus dem Jahre 2012 zeigte zum Beispiel, dass sich 78% der Befragten als gläubig bezeichnen, 44% an einen Gott glauben, 23% an eine Art höhere Macht glauben, 61% beten, von denen 23% jeden Tag beten und 53% dies in der Kirche tun. Solche Veränderungen auf der persönlichen Ebene sind aber nicht immer deckungsgleich mit den Veränderungen auf der Ebene der Gesellschaft und der Politik. Meiner Meinung nach deuten die aktuellen Entwicklungen in Litauen darauf hin, dass die Römisch-katholische Kirche und andere Religionen sich trotz der Veränderungen der Religiosität auf der individuellen Ebene verstärkt in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und für ihre Anliegen werben.

Die Verortung der Religion in der litauischen Gesellschaft ist also vergleichbar zu den westeuropäischen, größtenteils säkularisierten Ländern?

Unter Soziologen wird derzeit diskutiert, wie die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft zu bewerten ist, was das Konzept „Säkularisierung“ bedeutet und ob es erklärt, was sich im Moment vollzieht. Ich würde sagen, dass es viele verschiedene Rollen gibt, die Religion in modernen westlichen Gesellschaften spielen kann und diese von Land zu Land unterschiedlich ist. Zugleich existieren aber Entwicklungen, die Länder mit einer dominanten Position der Römisch-katholischen Kirche gemeinsam haben und die auf eine verstärkte Partizipation der katholischen Kirche am öffentlichen Leben hinauslaufen. In Litauen wird die katholische Kirche direkt und durch verschiedene NRO ein Teil der Zivilgesellschaft, wo sie für ihre Anliegen und deren Umsetzung in Gesetzen und dem alltäglichen Leben eintritt. Eine weitere Entwicklung, die in Litauen offensichtlich ist, ist die zunehmende Bedeutung der individualisierten Religiosität, bei der jeder einzelne seinen eigenen Glauben in sogenannter „bricolage“ schafft.

Wie groß ist in Bezug auf die beschriebenen Phänomene der Unterschied zwischen Stadt und Land?

Es besteht ein sichtbarer Unterschied zwischen Stadt und Land in Litauen. Viele verschiedene religiöse Gemeinschaften sind in den Städten tätig, vor allem in der Hauptstadt Vilnius sowie Klaipėda. Der Zensus von 2011 zeigt, dass sich die Anzahl religiöser Gemeinschaften im vergangenen Jahrzehnt fast verdoppelt hat. In diesem Zeitraum sind einige Religionsgruppen sogar um das Vierfache gewachsen. Die Anzahl der Mitglieder der wiederbelebten baltischen Religion „Romuva“ wuchs von 1270 auf über 5000. Die ländlichen Regionen Litauens werden dagegen von der Römisch-katholischen Kirche dominiert.

Lassen sich gewisse Trends der Religiosität in der Zeit nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit identifizieren? Inwiefern sind diese Entwicklungen mit Erwartungen, die es nach dem Ende der sowjetischen Besetzung gab, übereinstimmend?

Der Fall des Eisernen Vorhangs hat das religiöse Leben aller post-kommunistischen Gesellschaften beeinflusst. Die Wiederbelebung des religiösen Lebens nach den langen Jahren der Beschränkung der Religionsfreiheit war absehbar. Der stärkere Aufstieg des religiösen Individualismus innerhalb dieser Gesellschaften kann ebenfalls erklärt werden: durch Veränderungen der sozialen Struktur unter dem Einfluss von Modernisierung, Verstädterung, Reform der Bildung, Gleichheit zwischen den Geschlechtern usw. Die öffentliche Sichtbarkeit der großen Kirchen in den post-kommunistischen Gesellschaften unterscheidet sie von vielen westlichen Gesellschaften, aber wenn man die Rolle der sogenannten „Nationalkirchen“ in den Unabhängigkeitsbewegungen bedenkt, sollte man nicht sehr überrascht von solchen Entwicklungen sein.

Wird die litauische Gesellschaft Ihrer Ansicht nach eher einer Art religiöser Indifferenz zuwenden oder werden „neue“ Religionen, zum Beispiel aus Fernost, eine Rolle spielen?

Ich bevorzuge es nicht, die Zukunft vorauszusagen, aber unter Berücksichtigung der Tendenzen der religiösen Entwicklung in westlichen Gesellschaften kann davon ausgegangen werden, dass der religiöse Individualismus der Menschen zunehmen, gleichzeitig aber der Einfluss der römisch-katholischen Kirche in der Öffentlichkeit weiter bestehen wird.
 

Milda Ališauskienė ist Professorin für Soziologie an der Vytautas-Magnus-Universität Kaunas. Ihre Forschungen konzentrieren sich auf das Phänomen der „Neuen Religionen“ und die damit verbundenen Verschiebungen der religiösen Landschaft. In diesem Zusammenhang leitet sie auch das Forschungs- und Informationszentrum zu neuen Religionen in Vilnius.