Valdemaras Lisovskis im Interview „Die katholische Kirche in Norwegen ist multinational und multikulturell“

Valdemaras Lisovskis
Valdemaras Lisovskis | © privat

Wenige Themen haben die litauische Gesellschaft in den vergangenen Jahren so aufgewühlt wie die Emigration. Besonders im Zuge der Wirtschaftskrise beschleunigte sich die Abwanderung zumeist junger, gut ausgebildeter Menschen in westeuropäische Länder enorm – allein den offiziellen Zahlen zufolge hat Litauen seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit etwa eine halbe Millionen Einwohner verloren.

Nach Großbritannien und Irland ist Norwegen das beliebteste Ziel der Auswanderer, wo sie die fünftgrößte Gruppe von Immigranten stellen. Eine der am stärksten von der Immigration aus Osteuropa beeinflussten Institutionen ist die katholische Kirche Norwegens – noch bis vor wenigen Jahren eine kleine Diaspora in einem traditionell lutherischen Land, hat sie sich inzwischen um ein vielfaches vergrößert: Von gut 26.000 Mitgliedern im Jahre 1990 auf inzwischen über 100.000 Gläubige. Valdemaras Lisovskis, einer von zwei litauischen katholischen Priestern des Landes, spricht im Interview über seine Arbeit.

Wie viele litauische Gemeinden betreuen Sie in Norwegen? Wie ist die Reichweite dieser Gemeinden innerhalb der litauischen Emigranten?

Bis Oktober 2013 war ich als einziger katholischer Pfarrer aus Litauen für die litauischen Katholiken in Norwegen zuständig und betreute acht Gemeinden in verschiedenen norwegischen Städten. Im vergangenen Monat ist ein weiterer Priester hinzugekommen, so dass wir nun für neun Gemeinden verantwortlich sein können. Die Zahl der in Norwegen lebenden Litauer ist allerdings unklar und hängt ganz von der zu Rate gezogenen Statistik ab. Man nimmt an, dass es etwa 50.000 im ganzen Land sein könnten. Wenn man allerdings die Ausdehnung des Landes sowie die Tatsache bedenkt, dass wir nur zu zweit sind, sind unsere Möglichkeiten, die Gläubigen zu erreichen, natürlich ziemlich eingeschränkt. Ich hatte innerhalb meines ersten Jahres hier mit etwa 1.000 Katholiken Kontakt.

Wie sieht ihre Arbeit typischerweise aus? Sie feiern die Messe, spenden Sakramente – besteht auch Zeit für Seelsorge zum Beispiel in Gesprächen?

Der wichtigste Zeitpunkt ist die Feier der Messe, die ich in den acht Gemeinden regelmäßig halte. Nach dem Gottesdienst treffen wir uns dann meistens zum „Kirkekaffe“, bei dem Gelegenheit zum Gespräch besteht. Ein anderer wichtiger Bestandteil ist die Katechese für Kinder und Erwachsene – besonders die Vorbereitung auf die Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Trauung. Ich habe einige Taufen gespendet und einige wenige Trauungen gefeiert, wobei die meisten jungen Paare es vorziehen, in Litauen zu heiraten.

Wichtig ist für mich auch das Flugzeug – als Transportmittel, denn es ist die schnellste und günstigste Art, in Norwegen zu reisen. Ich komme auf gut sieben Flüge pro Monat…

Vor welchen Herausforderungen stehen denn die Litauer in Norwegen in der Regel?

Die größte Herausforderung ist einfach das Leben in einem neuen Land und einer neuen und von der Heimat verschiedenen Gesellschaft. Die Sprache, die Mentalität der Norweger, die Arbeit, die Unterbringung – all dies sind anfangs Herausforderungen.

Wie sehr sind die Litauer Ihrer Ansicht nach daran interessiert, sich in die norwegische Gesellschaft zu integrieren?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Die Litauer, die hier leben, haben sehr unterschiedliche Ziele und Erwartungen. Diejenigen, die Norwegen als neue Heimat betrachten, integrieren sich mit weniger Schwierigkeiten und sind sehr motiviert dabei. Andere, die sich nur zeitweise hier aufhalten und eine Rückkehr nach Litauen planen, sind nicht sehr daran interessiert, sich zu integrieren. Sie ziehen es vor, im Kreise ihrer Familie zu bleiben; manche schließen sich auch den litauischen Gemeinschaften im Land an.

Wie sehen denn die norwegischen Katholiken die Einwanderung aus Osteuropa? Viele Gemeinden haben sich ja durch die Immigranten sehr stark vergrößert.

Die katholische Kirche in Norwegen erlebt einen Prozess enormer Expansion und verjüngt sich zugleich durch den Zustrom der katholischen Einwanderer aus der ganzen Welt. Diese stellen inzwischen die Mehrheit der Katholiken. Daher ist die katholische Kirche hier sehr multikulturell und multinational. Es stimmt, dass manche norwegische Katholiken Schwierigkeiten mit der Anpassung an die neue Situation haben. Gleichzeitig werden aber außerordentliche Anstrengungen unternommen, gemeinsam nach der neuen Identität der katholischen Kirche Norwegens zu suchen, so dass sich jeder Katholik hier zuhause fühlen kann.
 

Valdemaras Lisovskis stammt aus Vilnius und wurde dort 2005 zum Priester geweiht. Nach Stationen in verschiedenen Pfarrgemeinden in Litauen sowie dem Abschluss eines Lizentiats an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom wurde er im Sommer 2012 als Seelsorger für die litauischen Katholiken nach Norwegen entsandt.