Jonas Morkus im Interview „Sprachen lernen für das eigene Vergnügen. Der Nutzen kommt später – unerwartet.“

Jonas Morkus
Jonas Morkus | © privat

Jonas Morkus, Übersetzer, Journalist und Leiter zahlreicher Bildungsprojekte, leitet den Bereich Mehrsprachigkeit der Vertretung der Europäischen Kommission in Litauen.

Welche Sprachen sprechen Sie?

Ich spreche Englisch, Französisch und Russisch; meine Kenntnisse in Hebräisch, Latein und Polnisch könnte ich in kurzer Zeit auffrischen. In Kürze hoffe ich auch Deutsch zu sprechen. Und ich fühle mich sowohl in der litauischen Standardsprache als auch in meinem niederlitauischen Dialekt zu Hause.

Wie haben Sie diese Sprachen gelernt?

Russisch zu lernen war eine Notwendigkeit: Filme wurden bei uns nur auf Russisch gezeigt, beim Einkaufen wurde man vielfach nur auf Russisch bedient, und in der Schule wurde ab der zweiten Klasse Russisch unterrichtet. Russisch sprachen auch die Sommergäste, mit denen ich mich immer so gern unterhalten wollte, wenn ich in den Ferien auf dem Land war.

Mit acht Jahren fing ich an, experimentellen Englischunterricht für Kinder zu besuchen; die Sprache Amerikas zu lernen – das war schon fast so gut wie selbst hinzufahren. Als Jugendlicher saß ich einmal an einem Tisch mit einer französischsprachigen Berühmtheit, und dass ich diesen Menschen nicht verstehen konnte, hat mich angestachelt, auch noch Französisch zu lernen. Einige Jahre später öffneten sich die Grenzen ins Ausland, und weil ich die Sprache konnte, hatte ich die Möglichkeit, anderthalb Jahre in Frankreich zu leben.

Später studierte ich in Jerusalem, um ein Verständnis von der Vielfalt und Dynamik der israelischen Gesellschaft zu gewinnen; dabei habe ich ganz gut Hebräisch gelernt. Mit dem Polnischen habe ich mich durch das Lesen von Büchern und Zeitschriften vertraut gemacht und mit dem Weißrussischen über die Sendungen von Radio Free Europe. An der Universität habe ich mich mit lateinischen Texten beschäftigt – damit hatte ich einen Zugang zu allen romanischen Sprachen.

Wie lernen Sie am liebsten? Was ist Ihre Empfehlung für das Fremdsprachenlernen?

Mir hilft es, wenn ich ein konkretes Ziel für mein Lernen, interessante Texte und einen wohlwollenden Gesprächspartner habe.

Wofür nutzen Sie Ihre Fremdsprachenkenntnisse?

In meinem Berufsleben habe ich alle Sprachen gebraucht: die, die ich gut beherrsche, und auch die, in denen ich nur Grundkenntnisse habe. Gute Kenntnisse in zwei Fremdsprachen – das ist heute das Minimum. Ohne meine Fremdsprachenkenntnisse hätte ich nicht erreicht, was mir wichtig ist; sie waren die Voraussetzung für meine Karriere.

Was bedeutet Mehrsprachigkeit für Sie?

Mehrsprachigkeit – also die Fähigkeit, viele Sprachen zu gebrauchen – ist für mich eine Voraussetzung dafür, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen, und sie hilft mir auch bei der Überwindung mancher eigener Schwächen.

Haben Sie Lieblingswörter in anderen Sprachen?

Das sind Wörter mit einem riesigen emotionalen und kulturellen Gewicht. Wenn ich sie höre, versetze ich mich gedanklich sofort unwillkürlich in ein anderes Land.

Welche Sprachen mögen Sie am liebsten? Warum?

Alle Sprachen rufen verschiedene Stimmungen hervor, die ich nur schwer vergleichen kann. Am zugänglichsten fand ich das Hebräische, das eine einfache Grammatik hat und dem Sprecher viele Möglichkeiten zum Improvisieren lässt. Und ich mag den weichen Klang des Neugriechischen.

Verbinden sich Ihre Fremdsprachen für Sie mit bestimmten Empfindungen?

Ja, jede Sprache ist für mich wie eine Reise in die Umgebung, in der ich sie gelernt und gesprochen habe. Belletristik kann ich nur auf Russisch flüssig lesen, philosophische Gedankengänge am besten auf Französisch verfolgen, technische und Sachtexte am leichtesten auf Englisch verstehen. Jede Sprache erinnert mich außerdem an die Spannungen und die Werte einer anderen Gesellschaft. Und natürlich an die Begeisterung und die Mühe, die es brauchte, um sie zu lernen...

Welche Sprachen möchten Sie noch lernen?

Ich möchte mich mit dem Deutschen vollständig anfreunden. Und danach? Ich habe gehört, dass es für Litauer nicht schwer ist, Portugiesisch zu lernen. Das finde ich einleuchtend.

Finden Sie eine bestimmte Sprache schwieriger als andere?

Eine Sprache ist dann schwierig, wenn Lehrer oder Gesprächspartner nicht genug Geduld aufbringen, um mit einem zu reden. Außerdem wird das Lernen erschwert, wenn die Sprache über ein anderes Schrift- oder Lautinventar verfügt, an denen man seine sprachlichen Werkzeuge lange schleifen muss. Jede Sprache hat ihre eigenen „Verteidigungsgräben“ (also schwer nachvollziehbaren Regeln) und ihre „Schlösser“, die man nur aufzuschließen braucht, um sich mühelos in die Gemeinschaft ihrer Sprecher einzufügen.

Was empfehlen Sie der jungen Generation?

Nicht darauf warten, bis die Notwendigkeit entsteht. Wenn Du eine Sprache interessant findest, fange schon heute an, sie zu lernen. Für dein eigenes Vergnügen. Der Nutzen kommt später – unerwartet.