Wissenschaftssprache Dümmer auf Englisch?

Dr. Stefan Klein
Dr. Stefan Klein | Foto: Andreas Labes

„Ob die Nationalsprachen Wissenschaftssprachen bleiben, ist keine Frage des Nationalstolzes. Es geht um viel mehr: um die Demokratie“, behauptet Dr. Stefan Klein, einer der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren deutscher Sprache. Mit seinem Vortrag „Dümmer auf Englisch?“ hat der deutsche Physiker und Philosoph im September 2014 auf Einladung des Goethe-Instituts an der Universität Vilnius die internationale Tagung „Sprache in der Wissenschaft: germanistische Einblicke“ eröffnet.

In seinem Essay behandelt Dr. Stefan Klein die Frage, warum Englisch als einheitliche Sprache für die wirkungsvolle Wissensverbreitung und eine erfolgreiche Entwicklung von Demokratie und Wohlstand nicht ausreichend ist.

Vor einiger Zeit besuchte ich in Berlin eine Konferenz mit dem schönen Titel „Gedankenforscher“. Es ging um die Frage, ob und wie man mit Hirnscannern Gedanken und Gefühle künftig direkt aus dem Gehirn herauslesen kann. Im Auditorium saßen Wissenschaftler, Vertreter von Stiftungen und des Nationalen Ethikrats, auch das Bundeskriminalamt hatte eine Abordnung entsandt. Alle Referenten – sechs Deutsche, drei aus den Vereinigten Staaten, ein Brite – waren hervorragend. Und alle sprachen Englisch oder, im Fall der deutschen Redner, so etwas Ähnliches. Seltsam gewählte Worte und verschlungene Sätze ließen manchen Vortrag weniger brillant wirken, als er inhaltlich war.

Wer aber sprach im Publikum Englisch? Niemand. Die einzigen auf der Liste der 250 Teilnehmer, die von einer nichtdeutschen Organisation kamen, waren die vier ausländischen Redner selbst. Und für sie lagen Kopfhörer für die Simultanübersetzung bereit.

Selbstverständlich hätte man es sich gewünscht, dass möglichst viele Redner Deutsch sprächen, erklärte mir die finanzierende Stiftung. So wäre die Resonanz in der Öffentlichkeit stärker gewesen. Aber die Berliner Professoren, die ihre Kollegen eingeladen hatten, wollten es anders. Ihr Argument: Nur eine Konferenz auf Englisch nehme man ernst. Nun könnte man grübeln über das Selbstbewusstsein von Forschern, die meinen, ihre Glaubwürdigkeit hänge an einer Fremdsprache. Oder sich über eine Missachtung des Publikums ärgern.

Wissenschaftler verhalten sich wie die Mitglieder von Stämmen. Und jeder Stamm pflegt Riten, die, um des Gruppenzusammehalts willen, nicht hinterfragt werden dürfen, selbst wenn sie offenkundig unsinnig sind. Dazu gehört seit knapp zwei Jahrzehnten unabdingbar der Gebrauch einer Stammessprache, Englisch. Das ist viel mehr als nur ein Kuriosum. Denn die Frage ist, ob wir schon sehr bald in unseren Nationalsprachen überhaupt nicht mehr über Wissenschaft und Medizin sprechen können, weil uns die Worte fehlen.

Vor fast fünf Jahrhunderten verabschiedete sich Galileo Galilei von der damaligen Wissenschaftssprache Latein. Er schrieb auf Italienisch, denn der Zugang zum Wissen sollte jedem offenstehen. Heute sind die Wissenschaftler dabei, diese Revolution rückgängig zu machen. Aber wie wollen sie Verständnis in einer Öffentlichkeit finden, mit der sie nicht einmal mehr die Sprache verbindet? Die Gesellschaft droht sich zu spalten zwischen den Nutzern einer Elitesprache und all den anderen, an denen die aktuellen Entwicklungen vorübergehen. Ob die Nationalsprachen Wissenschaftssprachen bleiben, ist darum keine Frage des Nationalstolzes. Es geht um viel mehr: um die Demokratie.

Der Einwand, Forschung sei heute ohnedies zu komplex, um noch von allen begriffen zu werden, geht fehl. Wenn er zuträfe, hätte er schon zu Galileos Zeiten gegolten, denn das Neue mutet immer erst abstrakt und fremdartig an. Trotzdem fanden Galileo Werke weite Verbreitung im Volk. Auch Charles Darwins Entstehung der Arten war ein Bestseller. Und wer ein Beispiel sucht, wie elegant und anschaulich man auf Deutsch die kompliziertesten Zusammenhänge der Wissenschaft ausdrücken kann, greife zu Einsteins frühen Schriften über die allgemeine Relativitätstheorie. Sie sind jedem Abiturienten verständlich. Wenn wir die Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen verkümmern lassen, opfern wir diese Zugänglichkeit.

Wer Wissenschaft nur in einer Fremdsprache begegnet, bezahlt selbst dann mit Verlusten, wenn er dieses Idiom hervorragend beherrscht. „We are dumber in English“, zu diesem Schluss kamen Untersuchungen in Schweden und den Niederlanden, wo Kinder von ihrem ersten Schultag an mit dem Englischen vertraut gemacht werden. Weder Studenten noch Lehrern ist das Problem gewöhnlich bewusst, weil alle ihre Gewandtheit im Englischen überschätzen. Nicht nur Verständigungsschwierigkeiten machen Studenten und Hochschullehrern zu schaffen. Sprache vermittelt auch eine emotionale Bindung an einen Gegenstand. Und umso abstrakter eine Disziplin ist, desto mehr lebt sie von dieser Beziehung. Ich erinnere mich gut an meine Begeisterung, als ich in Mathematikvorlesungen zum ersten Mal die wunderbar griffigen Namen der Algebra hörte. Da gibt es Kerne (Mengen, die auf die Null abgebildet werden) und Ringe (Mengen von Zahlen mit bestimmten Verknüpfungen). Sofort hatte ich für diese Konzepte ein Bild.

Wissenschaft lebt von diesem Bewusstsein für die Sprache als Instrument des eigenen Denkens und Mitteilens. Dabei können Veröffentlichungen aus dem täglichen Forschungsbetrieb ruhig weiter auf Englisch erscheinen. Solche Artikel behandeln fast immer winzige Erkenntnisfortschritte. Sie richten sich an ein kleines Publikum, und sind, selbst wenn sie von Muttersprachlern stammen, sprachlich meist so herausragend wie die Gebrauchsanweisung eines DVD-Spielers.

Aber ein Haufen Puzzleteile ist noch keine Wissenschaft. Jede Disziplin braucht auch Veröffentlichungen, die Zusammenhänge aufzeigen, Ideen vermitteln und neue Konzepte umreißen. Diese Arbeiten sind an die Kollegen jenseits der engsten Grenzen der eigenen Fachwelt gerichtet. Sie leben vom sprachlichen Ausdruck, weil der Autor das Publikum durch ein weites, fremdes Terrain führen und es dafür begeistern möchte. Um diese Art von Veröffentlichungen sollten wir uns bemühen.

Ob und wie wir die Sprache in der Wissenschaft pflegen, hängt letztlich davon ab, wie wir das Unternehmen Wissenschaft insgesamt begreifen. Zu oft gerät in Vergessenheit, dass Forschung viel mehr ist als das nur das tägliche Aufstellen von Hypothesen, das Sammeln von Daten und das Falsifizieren von Theorien: Wissenschaft ist auch eine Erzählung von Menschen, die auszogen, die Welt zu begreifen und zu verbessern. Deshalb sind die Werke von Darwin, Galileo und Einstein bis heute so faszinierend. Nur wenn wir wieder lernen, Wissenschaft zu erzählen, haben die Nationalsprachen als Sprachen der Wissenschaft eine Zukunft.
 

Dr. Stefan Klein, geboren 1965 in München, ist Physiker, Philosoph und einer der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren deutscher Sprache. Sein Buch Die Glücksformel (2002) stand über ein Jahr auf allen deutschen Bestsellerlisten und machte den Autor auch international bekannt. „Die Glücksformel“ wurde auch ins Litauische übersetzt. Kleins Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in 25 Sprachen übersetzt.