Wissenschaftssprache Wo das Englische die Nationalsprache einholt

Innenhof der Philologische Fakultät
Innenhof der Philologische Fakultät | © Universität Vilnius, Foto: Liudmila Januškevičienė

Wenn die Wissenschaftskommunikation in einer Sprache ablaufen würde – zum Beispiel auf Englisch –, wäre alles viel einfacher und der wissenschaftliche Betrieb würde dadurch effektiver, was heute so bedeutend erscheint. Welche Rolle spielt die Nationalsprache in der Wissenschaft und Forschung, welche Bedeutung hat sie für die Verbreitung und Vermittlung von Wissen – diese Fragen behandelte die an der Universität Vilnius veranstaltete Podiumsdiskussion „Wissenschaftssprache und Mehrsprachigkeit“, die vom Lehrstuhl für Deutsche Philologie gemeinsam mit dem Goethe-Institut in Litauen organisiert wurde. Die Diskussion bildete zugleich die Abschlussveranstaltung der internationalen wissenschaftlichen Tagung „Sprache in der Wissenschaft: Germanistische Einblicke“, die am 24.-26. September 2014 an der Universität Vilnius stattfand.

Kein Sonderstatus erforderlich

Das Gespräch eröffnete Prof. Dr. Jürgen Schiewe, Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Sprachwissenschaft der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, zu dessen langjährigen Forschungsinteressen auch die Verwendung von Sprachen, vor allem der deutschen Sprache, in der Wissenschaft gehört. Herr Schiewe ging in seinen Eingangsüberlegungen der Frage nach, welche Implikationen für die deutsche Sprache der Verlust des Status als internationale Wissenschaftssprache und die damit einhergehende Ausbreitung des Englischen in der Wissenschaftskommunikation haben können. Heißt das, dass keine neuen wissenschaftlichen Fachbegriffe in deutscher Sprache entstehen werden und die Wissenschaftssprache Deutsch als eine stilistische Varietät des Deutschen langfristig obsolet wird? Der Erhalt der deutschen Wissenschaftssprache muss laut Herrn Schiewe zu den prioritären Aufgaben gehören. Das bedeute aber nicht, dass man dem Deutschen einen Sonderstatus verleihen und es besonders bevorzugen soll. Die wissenschaftliche Tätigkeit solle in allen nationalen Sprachen möglich sein, denn der Muttersprache komme im Erkenntnis- und im Lernprozess eine besondere Bedeutung zu.

Der Status des Deutschen als Wissenschaftssprache wurde in Deutschland bereits mehrere Male von Wissenschaftlern, Vertretern der öffentlichen Institutionen und Nichtregierungsorganisationen diskutiert. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat im Jahre 2010 ein Memorandum zur Förderung von Deutsch als Wissenschaftssprache veröffentlicht. In einer Konferenz, die im Jahre 2011 auf Initiative des Goethe-Instituts, des DAAD und des Instituts für Deutsche Sprache stattfand, wurde die Rolle und die Bedeutung der deutschen Wissenschaftssprache im wissenschaftlichen Diskurs der Gegenwart analysiert. Die Hochschulrektorenkonferenz legte im gleichen Jahr eine Resolution mit konkreten Vorschlägen zur Förderung des Gebrauchs der deutschen Sprache in der Wissenschaft vor.

Eine weitere Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, die stellvertretende Vorsitzende der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache, Frau Jūratė Palionytė, berichtete über den Stand des Litauischen als Wissenschaftssprache und brachte einige erfreuliche Tatsachen zur Sprache. Zum Beispiel werden an den Hochschulen in Litauen zahlreiche Studienprogramme in litauischer Sprache angeboten, auch werden viele Dissertationen auf Litauisch abgefasst. Allerdings sieht Frau Palionytė der künftigen Entwicklung mit Besorgnis entgegen, denn auch die litauische Sprache laufe Gefahr, als Wissenschaftssprache zu verkümmern, ähnlich wie die Nationalsprachen in skandinavischen Ländern (besonders in Schweden), wo in der Wissenschaftskommunikation fast ausschließlich Englisch verwendet wird. Soweit es nur möglich ist, sollte man die Fehler der anderen Länder nicht wiederholen. Auf diesem Gebiet komme es stark auf die politische Einstellung der Regierenden an, denn weder der Markt noch irgendwelche Stiftungen oder Fonds sind an der Förderung der Wissenschaftssprache eines kleinen Landes wirklich interessiert. Frau Palionytė berichtete zudem über die erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet der litauischen Fachterminologie, deren herausragendes Ergebnis die Schaffung einer terminologischen Datenbank der Republik Litauen ist. Die Datenbank enthält sprachliches Material, das sowohl aus Fachlexika als auch aus wissenschaftlichen und fachlichen Publikationen entnommen wurde. Hervorzuheben sei, dass neue litauische Fachtermini nicht, wie häufig fälschlicherweise angenommen, von den Sprachwissenschaftlern ausgedacht, sondern von den Experten verschiedener Fachdisziplinen vorgeschlagen werden. Die Sprachwissenschaftler sorgen in diesem Prozess lediglich für die Korrektheit der neuen Termini.

Als weiteres Problem sieht Frau Palionytė die Tatsache, dass die Beschäftigung mit der Terminologie zum Anliegen ausschließlich der älteren Generation von Wissenschaftlern wird. Der wissenschaftliche Nachwuchs verschreibt sich der englischen Sprache und ist an der Prägung neuer litauischer Termini, die dem wissenschaftlichen Fortschritt Rechnung tragen, anscheinend wenig interessiert.

Disputationen – auf Englisch

Mit dem Thema des Fachsprachenunterrichts schnitt Frau Palionytė eine weitere wichtige Frage der Sprachpolitik an. Die Staatliche Kommission für die litauische Sprache hat ein Programm für den Fachsprachenunterricht an den Hochschulen ausgearbeitet. Allerdings sinke das Niveau der Sprachbeherrschung, insbesondere der Schreibfähigkeit, unter den Schulabsolventen immer tiefer, so dass an den Hochschulen statt Fachsprachenkenntnissen das Grundlagenwissen vermittelt werden müsse. Dieses Problem wird laut Frau Palionytė mit der immer kürzer werdenden Regelstudienzeit immer akuter spürbar sein.

Frau Prof. Dr. Dzintra Lele-Rozentāle (Hochschule Ventspils/Universität Lettlands) unterstrich in ihrem Eingangsstatement, dass in Lettland, ähnlich wie in Litauen, die Sprachpolitik eine wichtige Rolle spielt. Mit ihrer Durchsetzung sind etliche eigens dafür gegründete Einrichtungen beauftragt, darunter das Staatssprachenzentrum, die Agentur für die lettische Sprache und die Expertenkommission für die lettische Sprache. Das Lettische wird als Wissenschaftssprache bewusst gepflegt, davon zeugt unter anderem ein kürzlich publiziertes lettisches Buch über das Verfassen wissenschaftlicher Texte in lettischer Sprache. Gemäß dem Beschluss des lettischen Bildungsministeriums ist es den Hochschulen freigestellt, Studienprogramme in allen offiziellen Sprachen der EU anzubieten. Eine besondere Rolle kommt dem Lettischen neben anderen Sprachen in den Geisteswissenschaften zu. Wissenschaftliche Publikationen erscheinen in Lettland in fünf Sprachen (auf Lettisch, Englisch, Deutsch, Russisch und Litauisch), die Zusammenfassungen der Beiträge werden in englischer Sprache angeboten.

Der Professor des Lehrstuhls für Halbleiterphysik der Universität Vilnius, Dr. Vaidotas Kažukauskas, sprach in der Podiumsdiskussion im Namen der Natur- und exakten Wissenschaften. Wie dort die Sprachen verwendet werden, veranschaulichte er mit einem Beispiel aus dem Physikstudium: Zur Sowjetzeit standen den Studierenden zahlreiche gute Lehrbücher in russischer Sprache zur Verfügung, die im Studium vielfach und problemlos herangezogen wurden. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit hat sich die sprachliche Situation geändert. Als kleines Land konnte es sich Litauen nicht leisten, neue Lehrbücher für alle Teildisziplinen einer Wissenschaft zu schreiben oder übersetzen zu lassen. Den Studierenden wurde weiterhin empfohlen, fremdsprachliche Literatur heranzuziehen. Es hat sich aber paradoxerweise herausgestellt, dass die jüngere Generation das Russische nicht mehr beherrscht, das Niveau des Englischen aber für das Studium auch noch nicht ausreicht. Als ein besonders markantes Beispiel schlechter Sprachpraxis hat Herr Kažukauskas die zurzeit gültige Promotionsordnung angeprangert, gemäß der alle Promotionsarbeiten zwar in der Amtssprache, also auf Litauisch, geschrieben werden müssen, an der Sitzung des Promotionsausschusses aber unbedingt ein ausländischer Wissenschaftler teilnehmen soll. In so einem Fall, selbst wenn nur ein oder zwei Mitglieder des Ausschusses ausländische Kollegen sind, ist eine sinnvolle Disputation nur auf Englisch möglich.

Manche Forschungen belegen, dass die Studienleistungen um 10% geringer sind, wenn das Studium in einer Fremdsprache erfolgt. Trotzdem meint Herr Kažukauskas, dass das Englische die weltweit dominante Wissenschaftssprache ist und ihre Beherrschung eine Voraussetzung für die Teilnahme am wissenschaftlichen Markt darstellt. Je schneller die Studierenden das Englische lernen, desto schneller werden sie im Ausland wettbewerbsfähig, so der Physiker. Aus diesem Grund müssen die Hochschulen in Litauen dem Beispiel der Gediminas Technischen Universität Vilnius folgen, Studiengänge auch in englischer Sprache anbieten und sich damit bessere Chancen im weltweiten Wettbewerb sichern.

Der Germanist Jürgen Schiewe vertrat im weiteren Verlauf der Diskussion die Meinung, dass die Zweisprachigkeit in der Wissenschaft, besonders in kleinen Staaten, künftig eine Unabdingbarkeit darstellen wird. Trotzdem dürfe die Rolle der jeweiligen National- oder Muttersprache für die Entwicklung der Wissenschaft nicht unterschätzt werden. Seine Forschungen haben gezeigt, dass die deutsche Sprache, die sich im Laufe des 18. Jh. zu einer internationalen Wissenschaftssprache entwickelt hat, zugleich auch die Sprache der Kultur geworden ist. Die Nationalsprachen verdrängten in der Epoche der Aufklärung das Lateinische allmählich aus dem Wissenschaftsbetrieb. Somit ist das Wissen breiteren Schichten der Gesellschaft zugänglich geworden, was die Entwicklung der Wissenschaft weiter angeregt hat. Herr Schiewe hob die Bedeutung der Muttersprache für den Erkenntnisprozess hervor: Die Grundlagen jeder Wissenschaft müssen in der Muttersprache vermittelt werden, unabhängig davon, in welcher Sprache die weitere Vertiefung stattfinde. Herr Schiewe berichtete von einer Biologin, die ihre wissenschaftlichen Aufsätze stets in englischer Sprache abfasst, obwohl sie eine in Deutschland lebende Deutsche ist. Allerdings lehrt sie auf Deutsch und übersetzt dafür ihre Aufsätze selbst ins Deutsche, weil die Rolle der Muttersprache für die Erkenntnis sehr wichtig ist.

In der abschließenden Diskussionsrunde tauschten die Teilnehmer zusammenfassend noch einige Einblicke aus. Frau J. Palionytė von der Staatskommission für die litauische Sprache machte noch einmal auf die Bedeutung der Nationalsprache aufmerksam, indem sie eine hypothetische Überlegung darüber anstellte, dass die gegenwärtige weltweite Dominanz des Englischen irgendwann von einer anderen Sprache, zum Beispiel von der chinesischen, aufgehoben werden könnte. Frau Lele-Rozentāle aus Lettland wies darauf hin, dass der Gebrauch der Muttersprache, weil er einen besonders nuancierten und differenzierten Zugang zum wissenschaftlichen Objekt erlaubt, die Kreativität fördert, die für die Wissenschaft unentbehrlich ist. Herr Kažukauskas meinte, dass für die exakten Wissenschaften eine möglichst rasche und einfache Informationsübermittlung das Wichtigste ist. Das Englische eigne sich insofern sehr gut dafür, als es exakt, kurz und für viele verständlich sei. Außerdem müsse man bedenken, dass an der Wissenschaftskommunikation Experten der jeweiligen Fachdisziplin beteiligt sind, die sich auf einem kleinen Gebiet spezialisieren. Der einfache Zuhörer würde eine Fachdiskussion nicht verstehen, selbst wenn sie in seiner Muttersprache, zum Beispiel auf Litauisch, und nicht auf Englisch, abläuft. Laut Herrn Kažukauskas darf man nicht vergessen, dass die Bildung von heute in vielfacher Hinsicht von wirtschaftlichen Faktoren abhängig ist. Das Wissen muss zu einem wirtschaftlichen Nutzen führen und es ist wichtig, dass das Wissen gewinnbringend verwertbar ist. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Kommunikation auf Englisch billiger und schneller.

Im Dienste der Gesellschaft

Prof. Schiewe, der über das Deutsche als Wissenschaftssprache forscht, meinte, dass die wissenschaftliche Kommunikation prinzipiell mit nur einer Sprache auskommen könnte. Allerdings brauchen alle Sprachgemeinschaften eine Varietät der Nationalsprache, die der Wissensvermittlung und Wissenschaftspopularisierung dienen kann. Sowohl Wissenschaftler als auch Wissenschaftsjournalisten müssen diese Varietät beherrschen. Herr Schiewe stimmte mit Herrn Kažukauskas insofern überein, als die wirtschaftlichen Faktoren die Bildung von heute teilweise mitbestimmen. Allerdings darf man deswegen eine weitere, die kommerzielle Verwertung des Wissens überragende Funktion der Bildung und besonders der universitären Bildung nicht vernachlässigen: der Gesellschaft zu dienen und gebildete sowie denkende Persönlichkeiten zu erziehen. In diesem Prozess komme der Muttersprache eine entscheidende Rolle zu.