Dr. Daiva Vaišnienė im Interview Die Amtssprache soll der internationalen Verkehrssprache nicht entgegengesetzt werden

Dr. Daiva Vaišnienė
Dr. Daiva Vaišnienė | © D. Vaišnienė

„Die Kapazitäten jeder Sprache reichen völlig aus, um sie in allen Wissenschaften zu nutzen. Und wenn bestimmte Termini oder Begriffe noch fehlen, dann nur aus dem Grund, weil sie noch nicht geschaffen wurden“, so die Vorsitzende der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache, Dr. Daiva Vaišnienė.

Frau Vaišnienė, sind Sie der Meinung, dass der litauische Wortschatz und die Terminologie ausreichend sind, um die Kommunikation in allen Wissenschaften sicherzustellen?

Ich denke, dass jede zeitgenössische Sprache, die gepflegt und ständig erneuert wird, für die Kommunikation in allen Lebensbereichen genügt. Wenn es bestimmte Termini oder Wörter nicht gibt, können sie immer geschaffen werden. Auch internationale oder englische Termini sowie Fachbegriffe einer anderen Sprache, in der neue Wissenschaftsbereiche entwickelt werden, können an das litauische Sprachsystem angepasst werden. Daher irren sich diejenigen, die behaupten, dass es in der litauischen Sprache keine Wörter gibt, um diese oder jene Erscheinung oder diesen oder jenen Gegenstand zu benennen. Wenn diese Erscheinungen oder Gegenstände bisher nicht existiert haben, hat auch niemand ihre Benennungen vermisst.

Verantwortung für die Sprachentwicklung

Welche Tendenzen von Wissenschaftssprachen sind Ihnen in Litauen aufgefallen? Welche Vorwürfe hätten Sie an die Wissenschaftler?

Wir müssen verstehen, dass nicht nur die Sprachwissenschaftler, sondern vor allem die Eliten der Wissenschaft wie auch der Wirtschaft, der Politik oder der Kultur die Sprache entwickeln. Jeder trägt Verantwortung für seinen Bereich und dafür, wie die in diesem Bereich tätigen Wissenschaftler untereinander und mit der Gesellschaft kommunizieren. Heutzutage, wo die Wissenschaft und unser Alltag einander so nahe gerückt sind, kann man nicht mehr behaupten, dass die Wissenschaftssprache ein völlig getrennter und isolierter Bereich des Sprachgebrauchs ist. Die Wissenschaft hat das Leben der modernen Wissensgesellschaft so stark durchdrungen, dass man über die Wissenschaft und die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen, z.B. im Bereich von smarten Technologien, nicht nur auf den Konferenzen und in den Foren diskutiert, sondern auch am Abendbrottisch. Allerdings wird manchmal behauptet „Ihr könnt ja unter euch Litauisch sprechen, wir werden aber die Wissenschaft in globalem Englisch entwickeln.“, das hört man insbesondere in den Bereichen der Wissenschaft, die in Litauen gerade am Anfang ihrer Entwicklung sind. Irgendwann kommt aber mal der Tag, an dem diese Bereiche nicht mehr neu, sondern etabliert sein werden und unser Leben beeinflussen. Und dann werden wir begreifen, dass wir keine Termini haben, um über den einen oder anderen Bereich verständlich sprechen zu können.

Passendes Verhältnis zwischen den Sprachen

Was soll man Ihrer Meinung nach dagegen tun?

Meines Erachtens ist es sehr wichtig, dass ein passendes Verhältnis zwischen den Sprachen entsteht. Die Amtssprache sollte der internationalen Verkehrssprache nicht entgegengesetzt werden. Sie schließt das Lernen der englischen Sprache oder einer anderen Sprache nicht aus. Die Wissenschaft ist international und wir werden nicht ohne eine gemeinsame Sprache auskommen, die alle in einem bestimmten Bereich der Wissenschaft tätigen Wissenschaftler verstehen. Dies bedeutet jedoch, dass wir die Übersetzungen, die Bekanntmachung der Wissenschaft sowie die Verbreitung von wissenschaftlichen Ergebnissen in nationalen Sprachen fördern müssen. Heute ist die Gefahr so groß wie nie zuvor, dass die nationalen Sprachen zu Sprachen des alltäglichen Bereichs werden.

Litauisch als Wissenschaftssprache

Sogar die deutsche Sprache, die eine lange Tradition als Wissenschaftssprache hat, gibt dem Englischen gegenüber oft nach. Wie soll also die litauische Sprache der Invasion des Englischen standhalten?

Ich habe die Resolution der Hochschulrektorenkonferenz 2011 gelesen, die verschiedene Vorschläge zur Stärkung der deutschen Sprache in der Wissenschaft und im Studium enthält. Ich glaube, es ist auch für unsere Universitäten die Zeit gekommen, sich dieser Frage anzunehmen. Vor allem sind die Zusammenarbeit und das Verantwortungsbewusstsein der akademischen Gemeinschaft notwendig. Es ist wichtig zu verstehen, dass Mediziner, Physiker, Informatiker wie auch Fachleute aus anderen Bereichen als Bürger Litauens für die Zukunft der litauischen Sprache Verantwortung tragen. Es freut mich sehr, dass die Wissenschaftler, die Wörterbücher für ihre Bereiche zusammenstellen, dieser Arbeit viel Zeit und Mühe widmen. Wir laden auch herzlich die Vertreter von neuen Wissenschaften dazu ein, diese Arbeit fortzusetzen. Wir brauchen neue Leute und moderne Einstellungen, um die Stellung des Litauischen als Wissenschaftssprache zu erhalten. Dies ist keine leichte Aufgabe und sie hat eng mit Identität und Selbstauffassung zu tun.

Die Rolle der Sprache ist in den Geisteswissenschaften viel wichtiger als in den Naturwissenschaften, wo Formeln und Zahlen sehr viel Bedeutung haben. Vielleicht könnte man also unterschiedliche sprachliche Anforderungen für die Wissenschaften stellen?

Ich denke, dass die litauische Sprache in allen Bereichen der Wissenschaft genutzt werden sollte. Wir brauchen Termini für alle Bereiche, damit keine Lücken in unserem Wissen entstehen. Heutzutage schreiben allerdings sogar Lituanisten nicht unbedingt auf Litauisch. Publikationen werden in verschiedenen Sprachen geschrieben und dies können wir nicht verhindern. Wir möchten jedoch vorschlagen, bei der Bewertung von wissenschaftlichen Arbeiten, und insbesondere der Wissenschaftler, Rücksicht darauf zu nehmen, inwieweit sie ihre Errungenschaften mit der Gesellschaft teilen, also wie stark sie ihre Wissenschaft auf Litauisch bekannt machen. Und die Bekanntmachung der Wissenschaft wird ohne Termini und ohne Wissenschaftssprache nicht auskommen. Ein anderer Vorschlag von uns ist: Die Veröffentlichungen in anderen Sprachen sollten über ausführliche Zusammenfassungen auf Litauisch verfügen, denn auch darin werden Termini genutzt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch. Am Ende möchte ich Sie noch bitten, Ratschläge für einen jungen Wissenschaftler zu formulieren. Wie soll er das Gleichgewicht finden, seine internationale Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen nicht zu erschweren und gleichzeitig die litauische Wissenschaftssprache zu pflegen?

Ich möchte einem jungen Wissenschaftler raten, sich an die Geschichte zu erinnern. Die internationalen Wissenschaftssprachen haben sich geändert: Im Mittelalter dominierte die lateinische Sprache, im 19 Jh. Deutsch, heute Englisch. Nach 50 Jahren wird vielleicht Chinesisch oder Indisch kommen, wer weiß. Die jungen Wissenschaftler sollten entscheiden, wo die litauische Sprache in diesem Puzzle hingehört.
 

Dr. Daiva Vaišnienė ist seit 2007 Mitglied der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache. Sie war in den Unterkommissionen für Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion sowie für Aussprache und Betonung tätig und wurde 2012 zur Vorsitzenden der Kommission bestimmt. Außerdem arbeitet sie in der Bildungswissenschaftlichen Universität Vilnius und im Institut für Litauische Sprache. 2014 wurde Daiva Vaišnienė mit dem Ehrenzeichen für ihre Verdienste um Litauen ausgezeichnet.