Litauische Sprache Eine unwichtige Marginalie in den Naturwissenschaften?

Von links: Kristijonas, Dominykas und Augustinas Vizbaras
Von links: Kristijonas, Dominykas und Augustinas Vizbaras | © Invest Lithuania

Ein Physiker, der sein Studium in Deutschland abgeschlossen und in Vilnius mit seinen zwei Brüdern ein zukunftsträchtiges Halbleiterlaser-Unternehmen gegründet hat, ist der festen Überzeugung, dass die Pflege der litauischen Sprache in den Naturwissenschaften eine Marginalie ist, die aber viel Geld und Aufwand kostet. Ein Gespräch mit Augustinas Vizbaras, einem der Gründer des Unternehmens „Brolis Semiconductors“, das 2013 mit dem Preis der Deutschen Wirtschaft ausgezeichnet wurde.

Welche Sprache dominiert in Ihrem Labor während der Arbeit?

Unsere alltägliche Sprache ist ein Slang, voll von englischen Wörtern und Termini. Von unseren Ingenieuren verlangen wir, dass sie ihre Berichte auf Englisch schreiben. Wir brauchen das, damit wir den Bericht sofort einem Kunden vorlegen könnten, wenn dieser ihn verlangt, damit wir nichts übersetzen müssen und somit keine doppelte Arbeit haben. Unsere ganze Kundschaft befindet sich im Westen, in den USA und in den EU-Ländern. Mit dem Osten arbeiten wir gar nicht zusammen, deswegen brauchen wir nur Englisch. Wir nehmen unsere Ingenieure auch auf wissenschaftliche Konferenzen und auf Messen im Ausland mit, sie müssen also die englische Sprache perfekt beherrschen.

Litauisch im Geschäft – von geringer Bedeutung

Ist es nicht schade, dass die litauische Sprache somit in den Hintergrund rückt?

In meinem persönlichen Leben kommuniziere ich auf Litauisch und versuche, keinen Slang zu verwenden. Ich verspüre das Bedürfnis, unsere Sprache zu erhalten. Bei der Arbeit ist das aber unmöglich. Das Geschäft fußt doch auf Pragmatismus. Klar, vieles hängt davon ab, wo man arbeitet – wie ich bereits erwähnt habe, arbeiten wir mit den westlichen Märkten zusammen und sind daher gezwungen, nach ihren Regeln zu spielen. Für ein Unternehmen ist Effizienz am wichtigsten. Ich glaube, wenn wir in unserem Unternehmen versuchen würden, künstlich einen „Sprachzirkel“ zu gründen, würden wir dadurch an Effizienz einbüßen. Ich denke, unsere Ingenieure müssen sowohl Litauisch als auch eine Fremdsprache gut können. Am wichtigsten ist es jedoch, dass die Sprachverwendung der Arbeit des Unternehmens nicht schadet und erlaubt, die maximale Effizienz zu erreichen.

Englisch fördert Konkurrenz

Was können Sie über die Rolle der litauischen Sprache in der Wissenschaft sagen, wenn Sie an Ihr Physik-Studium in Litauen zurückdenken?

Ich denke, unsere Universitäten sind in dieser Hinsicht verbesserungswürdig. Bereits vor 10 Jahren sollte es bestimmte Studiengänge auf Englisch geben. Wenn sie es nicht sehr bald schaffen, sich an die sich ändernden Bedingungen anzupassen und Studenten aus anderen EU-Ländern das Studium zugänglich zu machen, dann werden sie völlig wettbewerbsunfähig. Auch für die Litauer wäre es ein Vorteil, das Masterstudium auf Englisch abzuschließen, denn damit wären sie auf dem gesamteuropäischen Arbeitsmarkt wettbewerbsfähiger. Und die Tatsache, dass bei uns sogar bestimmte Masterstudiengänge den „Sprachzirkeln“ ähneln, ist ein Zeichen von Provinzialismus.

War das im Ausland anders?

Ich habe in Schweden und in Deutschland studiert und mir wurden alle Bedingungen geschaffen, um Wissen zu erwerben. Als ich in Deutschland promoviert habe, hatte ich es nicht mal nötig, Deutsch zu sprechen. Jetzt kann ich mich ein bisschen auf Deutsch verständigen, aber damals, als ich nach Deutschland ging, hatte ich nicht mal Grundkenntnisse. Ich machte dort meine Arbeit, war wissenschaftlicher Mitarbeiter – ein Teil des wissenschaftlichen Teams. Ich war mit meinem eigenen Thema beschäftigt, war in meine Untersuchungen auf Englisch vertieft. Deutsch habe ich nur etwas gelernt, um mit Ingenieuren und den technischen Mitarbeitern kommunizieren zu können, denn diese waren meistens etwas älter und sprachen kein Englisch. Aber grundsätzlich findet alles auf Englisch statt und es wird sogar sehr gefördert, dass alle Präsentationen auf Englisch sind und dass alle Wissenschaftsenglisch beherrschen. Mein Professor sagte immer, dass die Realität einfach so ist – heute findet alles auf Englisch statt und wir müssen fähig sein, unsere Wissenschaft auf Englisch zu präsentieren. Von der Qualität dieser Präsentation hängt es ab, ob die Menschen sich für deine Ergebnisse interessieren, ob sie sie verstehen oder nicht.

Sie bewerten also die Bemühungen, die litauische Terminologie in der Wissenschaft zu erhalten oder neu zu schaffen, als unnötige Belastung für die Wissenschaft und die Wirtschaft?

In Litauen werden sehr viele verschiedene technische Wörterbücher herausgegeben. Aber wer liest und nutzt sie? Sicher, gewisse Terminologien werden benötigt, oft wird bei uns aber einfach übertrieben. Wir schenken heute in Litauen verschiedenen unwichtigen Details sehr viel Aufmerksamkeit; das Niveau unserer Wissenschaft ist sogar sehr durchschnittlich. Für geisteswissenschaftliche Fächer gelten vielleicht andere Anforderungen – da muss man schon dazu fähig sein, sich in einer bestimmten akademischen Sprache auszudrücken. In den Naturwissenschaften sind jedoch die Ergebnisse selbst am wichtigsten. Sie müssen gut beschrieben sein, aber die Sprache spielt in diesem Fall eine eher zweitrangige Rolle.
 

Augustinas Vizbaras ist kaufmännischer Leiter des Halbleiterlaser produzierenden Unternehmens „UAB Brolis Semiconductors“, das er im Jahr 2011 mit seinen zwei Brüdern, Dominykas und Kristijonas, gegründet hat. Im Jahr 2013 wurde das Unternehmen mit dem Preis der Deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Augustinas Vizbaras hat das Bachelor-Studium in Elektronischen Ingenieurwissenschaften an der Universität Vilnius abgeschlossen, den Master-Titel in Physik an der Königlich Technischen Hochschule in Schweden erworben und an der TU München in Physik promoviert. Der Physiker ist Mitglied von internationalen Verbänden wie IEEE Photonics society und SPIE.