Studium der Geschichte Blütezeit der litauischen Wissenschaftssprache

Prof. Rimvydas Petrauskas
Prof. Rimvydas Petrauskas | © R. Petrauskas

In den meisten Wissenschaften verlieren die nationalen Sprachen an Bedeutung und werden durch die Wissenschaftssprache Englisch zur Seite geschoben. Doch die litauische Wissenschaftssprache erlebt gerade ihre Blütezeit im Fach Geschichte, ist der Dekan der Fakultät für Geschichte der Universität Vilnius, Prof. Rimvydas Petrauskas, überzeugt.

Wie würden Sie die Situation der litauischen Wissenschaftssprache im Fach Geschichte beschreiben?

Jedes Volk muss seine akademische Sprache pflegen. Dies ist nicht nur ein bestimmter Standard der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern eine gleichzeitig tiefergreifende Sache – die akademische Sprache übt langfristig über verschiedene Kanäle eine Wirkung auf die Alltagssprache aus, verändert und bereichert sie. Meiner Meinung nach erlebt die litauische Sprache derzeit ihre Blütezeit, zumindest in den Geisteswissenschaften. Es hat noch nie eine so große Anzahl und Vielfalt von wissenschaftlichen Untersuchungen gegeben. Dazu kommen auch noch Übersetzungen aus anderen Sprachen (sowohl von historischen Quellen, als auch von Werken zeitgenössischer ausländischer Wissenschaftler). All dies hat zweifelsohne zur Entwicklung der litauischen akademischen Sprache beigetragen.

Entwicklung des historischen Wortschatzes

Wie breit ist der litauische historische Wortschatz?

Der historische Wortschatz ist in den letzten Jahrzehnten viel reicher geworden. Dies ist eine direkte Folge von neuen wissenschaftlichen Untersuchungen. Die litauischen Historiker, vor allem diejenigen, die die früheren Zeitalter (für die es keine Quellen in litauischer Sprache gibt) untersuchen, sind darauf angewiesen, neue Wörter und Termini zu schaffen. Insbesondere fehlt uns derzeit ein ausführliches Wörterbuch der historischen Termini – die Gemeinschaft der Historiker sollte sich auf diese Arbeit konzentrieren. Es ist wichtig, dass die Wissenschaftler sich auf eine angemessene Nutzung bestimmter Termini einigen, danach etablieren sich diese auch in der Gesellschaft. Ein gutes Beispiel dafür ist die durch die Bemühungen der Historiker etablierte Benennung des litauisch-polnischen Staates „Respublika“ (auf Deutsch „Republik“), die fast völlig die früher genutzte und fremd klingende „Rzeczpospolita“ verdrängt hat.

Bedeutung der deutschen Sprache für die Geschichtswissenschaften

Welche Fremdsprache hat die Geschichtswissenschaften am meisten beeinflusst?

Es wäre keine Übertreibung zu sagen, die litauische Historiographie wurde auf Deutsch geboren. Die erste Dissertation im Fach Geschichte wurde 1905 in der schweizerischen Stadt Freiburg auf Deutsch geschrieben. Diese Tendenz blieb auch in der Zwischenkriegszeit bestehen – fast alle innovativen litauischen Historiker haben in Deutschland, der Schweiz oder in Österreich promoviert bzw. haben dort längere Zeit studiert. Erstaunlich ist der Umstand, dass sich diese Tendenz auch während der sowjetischen Zeit fortsetzte. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass während der ersten zwei Dekaden des unabhängigen Litauens alle drei Dekane der Historischen Fakultät der Universität Vilnius Deutsch sprachen. In anderen geisteswissenschaftlichen Fächern (vor allem in der Philologie) war die Situation nicht anders. Ich vermute allerdings, dass der vierte Dekan nicht unbedingt eine solche Sprachkompetenz vorweisen wird.

Englisch – für die Kommunikation

Wird in der Geschichtswissenschaft, wie in den meisten anderen Wissenschaften, eine Invasion der englischen Sprache beobachtet?

Der Einfluss der englischen Sprache ist im Kommunikationsbereich am stärksten – auf Konferenzen, bei Projektpräsentationen wie auch im Bereich der Wissenschaftsverwaltung und bei den durch ausländische Gutachter durchgeführten Bewertungen usw. Natürlich erscheinen jedes Jahr auch immer mehr Publikationen auf Englisch. Allerdings besteht die Spezifik der litauischen Geschichte darin, dass die litauischen Historiker oft wegen thematischer Gemeinsamkeiten auf die Bücher von polnischen, deutschen, russischen, ukrainischen und weißrussischen Autoren angewiesen sind, die auch weiterhin meistens in ihren Nationalsprachen publizieren. Übrigens erlernen aus diesem Grund immer mehr ausländische Wissenschaftler die litauische Sprache. Zum Beispiel ist es derzeit nicht möglich, Untersuchungen des Großfürstentums Litauen angemessen durchzuführen, ohne die litauische Historiographie zu nutzen. So gesehen ist dieser Bereich wirklich international und mehrsprachig und das verlangt von den Wissenschaftlern breite sprachliche Kompetenzen (dazu kommen auch noch alte Sprachen).

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach für Wissenschaftler, bestimmte Erscheinungen in ihrer Muttersprache erklären zu können? Vielleicht wird es in der heutigen globalisierten Welt immer weniger wichtig?

Eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaftler besteht darin, Untersuchungsergebnisse in der Gesellschaft zu verbreiten. Natürlich wird dies (schriftlich oder mündlich) auf Litauisch gemacht. Alle geisteswissenschaftlichen Fächer sind gewissermaßen „philologisch“, weil die Sprachkenntnisse sehr viel Wirkung auf die Qualität des Forschens und Publizierens haben. Und meiner Meinung nach ist das gut so. Man kann nicht alles gleich auf Englisch bequem und verständlich vortragen oder schreiben. Sehr oft fehlen hierzu nicht nur spezifische Begriffe, sondern auch die Tradition der Sprache. Andererseits ist die Geschichtswissenschaft, wie jede andere Wissenschaft, international. Deswegen ist man gezwungen, auf internationalen Konferenzen und Foren auch in anderen Sprachen zu sprechen oder zu schreiben, nicht nur auf Englisch. Es ist sehr wichtig, dass die Untersuchungsergebnisse von litauischen Wissenschaftlern auch im Ausland bekannt gemacht werden, deswegen ist das Publizieren in Fremdsprachen für die akademische Gemeinschaft sehr bedeutsam.
 

Prof. Rimvydas Petrauskas, litauischer Historiker, ist Vize-Präsident des Nationalen Ausschusses litauischer Historiker. Er hat 1997 das Studium an der Fakultät für Geschichte der Universität Vilnius abgeschlossen und arbeitet seitdem dort. 2012 wurde Petrauskas zum Dekan der Fakultät gewählt. Er hat an Fortbildungen an den Universitäten in Berlin und Greifswald sowie am Herder-Institut Marburg teilgenommen.