Andreas Dresen „Die wesentlichen Dinge des Lebens“

Andreas Dresen
Andreas Dresen | Foto: Klaus Dieter Fahlbusch © Pandora Film

Mit „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ brachte der Regisseur Andreas Dresen 2012 einen tragikomischen Dokumentarfilm auf die Leinwand, in dem er sich mit dem Alltag eines Lokalpolitikers befasst. Und erneut begeistert er mit seiner Fähigkeit, sich ohne Scheu auch heiklen Themen zu widmen.

Andreas Dresen schaut immer ganz genau hin. Dennoch ist er niemand, der seine Protagonisten aus sicherer Distanz seziert. Er spürt ihnen nach und versucht nachzuvollziehen, was sie bewegt. Seine Art zu betrachten ist immer geprägt von einem ehrlichen Interesse und einer nahezu liebevollen Sympathie. „Man muss Figuren nicht mögen“, sagte er einmal, aber man müsse sie wenigstens „ein bisschen verstehen können“.

Der Alltag und seine Geschichten

Es gibt keinen Regisseur in Deutschland, der sich so intensiv dem Alltag und seinen Geschichten verschrieben hat wie Andreas Dresen. Und es gibt keinen, dem es damit so erfolgreich gelingt, das Publikum vor der Leinwand zu fesseln. Für ihn ist „Kino der Ort für existenzielle Themen und die wesentlichen Dinge des Lebens“, erklärte er dem Hamburger Abendblatt. Und die Intensität, mit der er an diese Themen herangeht, macht ihn für die Neue Züricher Zeitung zu dem „vielleicht wichtigsten unter den jüngeren deutschen Filmemachern“.

Für Halt auf freier Strecke gab es wie so oft in der Arbeit von Dresen kein Skript. Das Thema wurde nach aufwendiger Recherche gemeinsam mit Laien und professionellen Schauspielern erarbeitet und vor der Kamera improvisiert. Ein Mann erhält von einem Arzt eine todbringende Diagnose, seine Familie erlebt mit ihm die letzte Phase seines Lebens in allen Facetten. 

Für Herr Wichmann aus der dritten Reihe begleitete Andreas Dresen den CDU-Politiker Henryk-Wichmann ein Jahr lang bei seiner Tätigkeit als Abgeordneter des Brandenburger Landtags. Der Dokumentarfilm schließt an den 2003 erschienenen ersten Teil, Herr Wichmann von der CDU, an. Unkommentiert zeigt der Regisseur Themen wie politische Bildung in Schulen, Überlegungen im Umweltschutz und andere Alltäglichkeiten, mit denen ein Lokalpolitiker zu kämpfen hat. „Ich wollte einen Kandidaten einer Partei nehmen, die ich selbst nicht unbedingt wähle“, begründet Dresen in einem Interview mit dem Goethe-Institut Brüssel die Wahl seines Protagonisten. Trotz allem, so Dresen, seien beide während der Dreharbeiten schnell ein eingespieltes Paar geworden. Kritiker schätzen vor allem die aufklärerische Rolle, die der Dokumentarfilm einnimmt. „Am Ende versteht man, wie kompliziert Demokratie ist“, schrieb die Leipziger Volkszeitung. „Dieser Film verrät mehr über Politik als jeder Politreport“, meinte die Deutsche Film- und Medienbewertung, die Dresens Film mit dem Prädikat wertvoll auszeichnete.

Präzision und Improvisation

Mit der Mischung von Präzision und Improvisation zieht der 1963 in Gera geborene Regisseur seit mehr als einem Jahrzehnt das Publikum in den Bann. Der Sohn des Theaterregisseurs Adolf Dresen und der Schauspielerin Barbara Bachmann arbeitete nach dem Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf für das Fernsehen. Doch seit dem Film Nachtgestalten (1999), einer Geschichte mit lose verwobenen Handlungssträngen, die sechs Menschen im nächtlichen Berlin begleitet, ist er vor allem auf den großen Leinwänden zu Hause.

Es sind die Themen und der besondere Fokus, mit dem Dresen das Alltägliche betrachtet, was die Zuschauer fesselt und sie mitnimmt in seine Geschichten. Seit Nachtgestalten, in dem sie die Gelegenheit hatten, das obdachlose Paar Hanna und Victor, die heroinabhängige Prostituierte Patty und ihren Freier vom Land sowie den Geschäftsmann Peschke zu begleiten, der auf dem Flughafen auf einen jungen Flüchtling aus Angola trifft, folgen sie ihm nur zu gern. Zum Beispiel in das von der Wiedervereinigung geprägte Frankfurt/Oder, in dem zwei Ehepaare durch die Untreue der Partner in eine Krise geraten, die den bisher eingefahrenen Alltag völlig durcheinander bringt (Halbe Treppe, 2002). Oder nach Berlin, wo zwei Freundinnen mit Liebe, Freundschaft, Solidarität, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit zu kämpfen haben (Sommer vorm Balkon, 2004).

„Man macht einen Film, um etwas herauszufinden.“

Immer wieder erhalten intensive Darstellung und überzeugende Darsteller großes Lob. Immer wieder überrascht Andreas Dresen mit der Wahl seiner Themen. Schon 1991, in Stilles Land, widmete er sich der Wechselwirkung von Politischem und Privatem und schilderte die Auswirkungen des Mauerfalls aus der Sicht von Schauspielern und Regisseur in einem Provinztheater in der DDR. 2008 befasste er sich in Wolke 9 für viele verblüffend offen mit Liebe und Sex im Alter. „Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, aber es nicht die dazugehörigen Bilder gibt“, sagte er dazu der Deutschen Presseagentur. „Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren.“

Um das Älterwerden, aber auch um Lebenslügen und letztlich um die Liebe zum Filmemachen geht es 2009 in Whisky mit Wodka. Die Hauptfigur ist ein alternder Star, der sich zunehmend im Alkohol ertränkt. Deshalb werden alle seine Szenen zur Sicherheit noch einmal mit einem jüngeren Darsteller gedreht. Es war Dresens bisher aufwendigster Film – und das was er den Regisseur zur Botschaft eines Films sagen lässt, zeigt viel von seinem eigenen Arbeitsansatz: „Die Botschaft gibt es vielleicht gar nicht. Man macht einen Film nämlich nicht, weil man Bescheid weiß, sondern um etwas herauszufinden.“

Andreas Dresen, Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg und der Deutschen Filmakademie, ist zwar hauptsächlich in Sachen Kino aktiv, dennoch zieht es ihn immer mal wieder zum Fernsehen (Herr Wichmann von der CDU, 2003, oder 20 Mal Brandenburg, 2010), aber auch zur Bühne wie an das Schauspiel Leipzig oder das Deutsche Theater Berlin. 2006 inszenierte er an der Baseler Oper Don Giovanni.

Der Regisseur, der nie einen Sinn für den üblichen Glamour seiner Branche entwickelt hat, wurde national wie international mit Auszeichnungen überhäuft. Neben dem Deutschen Filmpreis in Silber für Halbe Treppe und für die beste Regie in Wolke 9 stehen unter vielen anderen der Silberne Bär der Berlinale für Halbe Treppe sowie der Coup de coeur du Jury für Wolke 9 und der Prix Un Certain Regard des Internationalen Filmfestivals in Cannes für Halt auf freier Strecke im Regal. Auf dem 60. Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2011 erhielt Andreas Dresen den Master Cinema Award.