Stadt, Verwaltung und Kultur Die brüchige Vertikale

Stadt, Verwaltung und Kultur
Foto: Olga Sosnovska, Minsk

In diesem Text soll die Beziehung zwischen Stadtraum und kultureller Produktion untersucht und darüber hinaus einige Aspekte der Beziehungen zwischen der städtischen Verwaltung und dem Kulturfeld in Belarus erörtert werden.

Heutzutage, da es verschiedene Formen und Modelle der Mobilität in Hülle und Fülle gibt, ist es kompliziert, jede lokale Kulturgemeinschaft als geschlossen und abgegrenzt zu behandeln. Selbst unter Bedingungen vertikaler und zentralisierter Regierungssysteme bilden sich Strategien heraus, die sich gegen die offizielle Ideologie wehren und versuchen, sie zu umgehen. Es entsteht ein Feld unabhängiger Kulturproduktion, das in seiner Organisation und seinem Inhalt eine Art Opposition zum staatlich gebildeten Feld der offiziellen Kultur bildet. Diese Struktur der Kulturindustrie ist hier als spezifisches Merkmal der postsowjetischen Kulturproduktion zu verstehen, in der staatliche Institutionen ihre starke Position beibehalten (über das staatliche Fernsehen, Zeitungen und andere offizielle Propaganda-Instrumente). Das Sinnfeld, das das System der lokalen Kulturproduktion gestaltet, wird von „unabhängigen“ Agenten destabilisiert. Vereinendes Merkmal aller dieser Personen ist die aus der belarussischen Realität entstehende Notwendigkeit, sich seine eigenen Existenzmöglichkeiten zu schaffen.

Auf diese Weise gestaltet die Kultur, die sowohl von den offiziellen als auch von den „unabhängigen“ Institutionen geschaffen wird, das zeitgenössische urbane Umfeld in Belarus. Wird das urbane „Bild“ zu einer Steuerungstaktik, stößt es auf die soziale Wirklichkeit und enthüllt die Widersprüche der Sinnstrukturen, durchlöchert die herrschende Ideologie, schafft Möglichkeiten für alternative Interpretationen und für die Suche nach Mechanismen der Loslösung. Bei diesen Möglichkeiten handelt es sich meist um informelle Initiativen, (vom Staat) unabhängige kulturelle, soziale und politische Projekte, die so die Strukturen der staatlichen Politik beeinflussen.

David Harvey beschreibt in „From Managerialism to Entrepreneurialism. The Transformation of Urban Governance in Late Capitalism“ als „Führungsmodell“ die Gesetze, Regeln, soziale Institute und unterstützende Praktiken, die die Existenz der belarussischen Stadt regeln. Das Führungsmodell ist als vertikales System bei Entscheidungsprozessen zu verstehen, für das eine Abhängigkeit der Organisatoren und Ausführenden vom „Zentrum“ in hohem Grade charakteristisch ist. Das zweite, „unternehmerische“ Modell, das Harvey einführt, entsteht durch die städtische Unterstützung privater Initiativen, welche die Produktion von Bedeutungen dezentralisieren, was wiederum zur Bildung einer autonomen urbanen „Herde“ führt. Das Führungsmodell kann am Beispiel der Verteilung von Räumen für Kultur erklärt werden: Während staatliche Organisationen Räume für ihre Arbeit zugeteilt bekommen, müssen unabhängige Organisationen nach preisgünstigen Räumen suchen oder Verpflichtungen gegenüber ihren kommerziellen Partnern eingehen, um für die Miete aufzukommen. Die staatliche Kontrolle der kulturellen Produktion führt oft zur Formalisierung der informellen Wirtschaft, in der die Regelungsmechanismen sich von dem offiziellen dominierenden Modell unterscheiden (besser wäre hier beispielsweise die Arbeit nach dem Prinzip der horizontalen Kommunikation zwischen den Agenten, deren Basis freundschaftliche Beziehungen und gegenseitige Hilfe ausmachen; der Umfang der Arbeit könnte dabei oft über den Rahmen einer einzelnen Stadt oder eines einzelnen Staates hinausgehen). Heutzutage, da der Maßstab des Nationalstaates nicht mehr bestimmend ist, erweitern die verschiedenen Formen der Mobilität des Kapitals die Grenzen der Produktion und des Verbrauchs; auch die Modelle der Kulturproduktion erfahren eine grundlegende Veränderung. Eine Eigenschaft der gegenwärtig entstehenden Modelle ist die Bedeutung der jeweiligen Lokalität. Diese Orte weisen eine Reihe spezifischer Eigenschaften auf, durch die wir die Einzigartigkeit der Räume erleben. Das Verständnis der Beziehungen zwischen den Herstellern von Kulturprodukten oder von Netzwerken informeller Initiativen kann dazu beitragen, deren Funktionen unter Bedingungen bestehender ordnungspolitischer Regelungen und sozial-räumlicher Veränderungen Sinn zu verleihen, und dies gilt sowohl in einzelnen Staaten als auch in einem breiteren Kontext.

Die Verteilung der Ressourcen „von oben nach unten“ verleiht denjenigen Agenten, die in staatlichen Instituten arbeiten, zahlreiche Privilegien, die es ihnen ermöglichen, ihre Arbeit im Kulturbereich ohne jedes Hindernis umzusetzen. Kulturagenten, die auf die unabhängige Produktion und Distribution von Kultur setzen, sehen sich gezwungen, zusätzliche Mechanismen und Strategien von Komodifikation zu entwickeln, um zu überleben. Diese „nach außen gerichteten" Taktiken gehen über den Nationalstaat hinaus und beziehen Praktiken der globalen Kulturindustrie mit ein.

Man kann sicher behaupten, dass in Minsk bisher kein Übergang vom Führungsmodell zu einem unternehmerischen Stadtverwaltungsmodell stattgefunden hat. Allerdings findet hier ein Konflikt dieser zwei unterschiedlichen Arten von Kulturproduktion und Kulturkonsum statt. Der zu seiner eigenen Reproduktion verurteilte Block staatlicher Institutionen befindet sich in Opposition zum kulturellen Unternehmertum – einer Praxis, die die strukturellen Möglichkeiten ihrer eigenen Existenz unter Bedingungen einer zentralisierten Stadtverwaltung entwickelt.