Streetart Das erste Festival „Vilnius Street Art“ in Litauen

Am 8. September 2013 konnten Einwohner und Gäste der Stadt Vilnius fünf Arbeiten von Künstlern des zum ersten Mal in Litauen stattfindenden „Vilnius Street Art“-Festivals kennenlernen. Das Festival soll ein fortlaufendes Projekt werden, zu dem die Veranstalter schon im ersten Jahr renommierte Künstler aus dem In- und Ausland geladen haben.

Das Werk von Ernesto Zacharevich an der Wand des alten Kinos „Lietuva“ Das Werk von Ernesto Zacharevich an der Wand des alten Kinos „Lietuva“ | Foto: Festival „Vilnius Street Art“ Streetart mag so manchem Stadtbewohner problematisch erscheinen: beschmierte Hauswände, unverständliche Inschriften (Graffiti), verschlissene Plakate ... In Wirklichkeit aber ist die Streetart zweifellos ein wesentliches Element des öffentlichen Raumes, das hier und jetzt stattfindet und die Vitalität der Stadt anregt. Eben deswegen brauchen Werke der Streetart nicht ewig zu sein. Sie sind nicht wie eine Monumentalskulptur, die sich auf keinen Dialog mit dem Publikum einlässt und auch keine Interaktivität verlangt.

In den USA und in Europa hat die Straßenkultur schon vor mehr als sechzig Jahren ihren Anfang genommen und sich inzwischen zu einer zeitgemäßen und sozial aktiven Kunst entwickelt. In Litauen entstanden die ersten Zeichnungen der Streetart, die Graffiti, etwa 1993, wurden aber erst um etwa 1997 intensiver. Für die Entstehung der Arten und Stile der Streetart gibt es zahlreiche und verschiedene Ursachen und künstlerische Ziele. Zu diesem Thema wurde schon viel geschrieben – nicht nur Zeitschriftenartikel, sondern auch wissenschaftliche Publikationen. Mit dem Beginn umfassender Untersuchungen der Streetart wurden spezifische Begriffe entwickelt und Grenzen gezogen zwischen Kunst und bloßem Geschreibe und Gekritzel auf Wänden im öffentlichen Raum.

Für ihre Zeichnungen wählen Vertreter der Streetart meist gut sichtbare und publikumswirksame Lokalitäten aus. Denn diese Zeichnungen sollen als Mitteilungen bestimmten Inhalts an die Öffentlichkeit und somit als Form und Mittel der Kommunikation verstanden werden. Dabei sind die Streetart-Arbeiten selbst nicht so sehr Kunstprojekte als soziale, politische oder andere Kommentare, die den aktuellen Kontext konzeptuell erweitern.

Die Tatsache, dass die Zeichnungen voller sozio-politischer Inhalte sind, hängt mit der Entstehung und Entwicklung der Streetart, um genauer zu sein, der Schablonenarbeit zusammen. Das Schablonengraffito wurde als Hilfsmittel bei politischen Ereignissen in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten des 20. Jahrhunderts eingesetzt. Meist stellten die Sprühzeichnungen ideologisch gefärbte Attribute dar, die die herrschenden politischen oder sozialen Verhältnisse kommentieren und/oder agitieren sollten. So wird die Streetart (direkt oder indirekt) von konkreten sozio-politischen Ereignissen angeregt; in letzter Zeit betonen die Künstler allerdings zunehmend den konzeptionellen Ansatz sowie die Intervention in den Raum, in dem sich die Zeichnung befindet.

So ist die Straße eine offene Bühne für den Ausdruck, auf der Künstler dem Publikum ihre Visionen offenbaren können. Dieser Bewegung ist es zu verdanken, dass die Kunst in die breite Öffentlichkeit integriert wird und eine Kommunikation nicht nur mit dem Kunstliebhaber stattfindet. Die Zeichnungen der Straßenkünstler erreichen ein viel breiteres Publikum als Werke, die in Kunstausstellungen gezeigt werden. Im Übrigen ist die Straße für die einen einfach ein interessanter Ort für die Umsetzung ihrer künstlerischen Ideen, andere Künstler aber nutzen diesen Raum, um ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Kunstmarkt und den Standards der Kunstwirtschaft zu betonen: Sie kritisieren die Prinzipien der „hohen“ Kunst und den sterilen Raum des „White Cube“. Für diese Künstler sind Straßenzeichnungen ein markantes Mittel für den Widerstand gegen das geschlossene System der Kunstinstitutionen und der Demonstration von Kunst, die nicht vom Kunstmarkt oder von institutionellen Konventionen eingeschränkt wird.

Andererseits begann sich die Einstellung zum traditionellen „White Cube“ bereits in den 1960er Jahren zu verändern: Seine Grenzen wurden erweitert und die „Agenten“ der Kunsteinrichtungen begannen selbst nach einer engeren Zusammenarbeit mit Straßenkünstlern zu suchen und deren Ausstellungen zu organisieren. Litauen ist dabei keine Ausnahme. 2004 zum Beispiel gab es in Klaipėdas Ausstellungshalle eine Ausstellung von Graffiti-Künstlern (Kurator: Darius Vaičekauskas). An der Ausstellung nahmen acht Graffiti-Kunst-Teams aus Klaipėda teil. Eines der Ziele dabei war, Klaipėdas Sprühkunst-Aktivisten sowie die Charakteristika dieser Art des künstlerischen Ausdrucks unter Hervorhebung seiner professionellen Seiten einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Laut der Verfasserin des Einführungstextes im Ausstellungskatalog, der Kunstwissenschaftlerin Goda Giedraitytė, erzeugt allein schon „das Versetzen dieses Kunstzweiges in eine Ausstellungshalle, einen für diese Kunst unkonventionellen Raum, erzeugt ein Spannungsverhältnis, ermöglicht verschiedene Interpretationen und eine originelle Interaktion zwischen der professionellen Kunst und der Streetart. Dieses Projekt ist das erste dieser Art in Litauen, bei dem die Graffiti direkt an den Wänden der Galerie angebracht wurden“.

Das Ausstellen von Streetart in institutionellen Räumen ist selbst für die Vertreter dieser Kunst eine heikle Sache. Denn die Bedeutung des in der Straße entstandenen Graffito ist ja die Umgebung und der riskante Prozess ihrer Umsetzung. Es ist eine freie und anonyme Kunst, voller Herausforderungen. In Anbetracht der konzeptuellen Wandlungen der Streetart hängt die Legalität oder Illegalität der Zeichnung, die Zusammenarbeit mit Kunstinstitutionen oder das „Verbleiben“ auf der Straße nur von der Entscheidung und Einstellung des Künstlers ab. Allerdings hält sich weiterhin die Einstellung, dass Graffiti im institutionellen Raum mit der erworbenen „Legalität“ auch einen Teil ihres essenziellen Wesens, d.h. Authentizität, Risiko und Anonymität einbüßen.

Die Anonymität ist fester Bestandteil der Streetart, die nach wie vor als gesetzeswidrig und als Vandalismus angesehen wird. Zudem fordert die Arbeit an einer anspruchsvollen großformatigen Zeichnung ihre Zeit. Daher ist das Format des Festivals „Vilnius Street Art“, wo Künstler ihre Ideen legal umsetzen, sich die nötige Zeit dazu nehmen, dabei aber gleichzeitig auf den Straßen bleiben können, wahrscheinlich am besten geeignet. Diese Art von Format hat bereits weltweite Popularität errungen, in Litauen findet eine solche Veranstaltung zum ersten Mal statt.

Am ersten Festival der Streetart „Vilnius Street Art“ nahmen teil: Ernesto Zacharevič mit einer Arbeit an der Wand des ehemaligen Kinos „Lietuva“, Mark Jenkins und Sandra Fernandez mit einer Skulptur-Installation auf dem Rand des Daches des Zentrums für zeitgenössische Kunst (diese Arbeit ist vom 6. September bis 16. Oktober zu sehen). Der litauische Künstler Jurgis Tarabilda brachte seine Zeichnung an die Hauswand Nr.6 in der Odminių-Straße an und Antanas Dubra verwirklichte seine künstlerische Idee an der Wand des ehemaligen St.-Jakob-Krankenhauses auf der Seite der J.-Tumo-Vaižganto-Straße. Das symbolische Highlight des Festivals ist die kurzfristige Installation des internationalen Teams „Upperstudio“ (Ivane Ksnelashvili aus Georgien und Sebastiano Maiolino aus Italien) an einer der Säulen des Alten Rathauses.
 

Aušra Trakšelytė ist Kunstwissenschaftlerin und Kunstkuratorin. 2012 schrieb sie ihre Doktorarbeit an der Kunstakademie Vilnius. Aušra interessiert sich für die ortsspezifische Kunst und ihre Theorie und untersucht dieses Thema sowohl an Ausstellungen zeitgenössischer Kunst als auch mit öffentlichen Diskussionen und Publikationen. Seit 2003 nimmt sie mit Artikeln, Essays und Ausstellungsrezensionen intensiv auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst als Kritikerin teil. Seit 2004 kuriert sie Ausstellungen sowohl innerhalb als auch außerhalb Litauens. Auf der 53. Kunstbiennale in Venedig arbeitete sie als stellvertretende Kuratorin und bei der Organisation des „Manifesta 7“ als Praktikantin im Büro der Europäischen Biennale der Zeitgenössischen Kunst. Sie ist auch die Kuratorin des „Vilnius Street Art“ Festivals.