Zwischen Kunst und Politik Das Pro-Test-Labor als stiftendes Element des öffentlichen Raums

Modekollektion „Ruta Remake“, Juli 2005
Modekollektion „Ruta Remake“, Juli 2005 | Foto: Pro-test Labor Archiv

Das „Pro-Test-Labor“ nimmt im Kontext der zeitgenössischen litauischen Kunst einen spezifischen Platz ein. Einerseits ist es ein symbolhaftes Projekt der das Publikum einbeziehenden Kunst, andererseits ein Werk, das sich wohl als einziges so nachdrücklich mit der Frage nach der Beziehung zwischen Kunst und Politik beschäftigt.

Das Projekt entstand als vielschichtige Bewegung für die Erhaltung öffentlicher Räume in der Stadt Vilnius. Es hinterfragt die in dieser Stadt wie auch in allen postkommunistischen Ländern rasche und heftige Privatisierung, die sowohl einen Übergang vieler staatlicher Objekte und Räume in Privatbesitz als auch eine Änderung ihrer Funktion mit sich brachte.

In Vilnius erfasste der Strudel der Privatisierung viele schlecht verwaltete Kultur- und Freizeiteinrichtungen, die der Stadtverwaltung zur Last geworden waren, darunter das „Žalgiris“-Hallenbad im Stadtzentrum, der Kultur- und Sportpalast und mehr als ein Dutzend Kinos aus der sowjetischen Zeit. Die meisten ehemaligen Lichtspielhäuser wurden sehr schnell in Läden, Einkaufszentren und kommerzielle Freizeiteinrichtungen umgewandelt. Zu Beginn des „Pro-Test-Labors“ im Jahre 2005 waren gerade noch zwei der alten städtischen Kinotheater in Betrieb. Eines davon, das größte in Vilnius, war bereits ein paar Jahre zuvor an einen Investor verkauft worden, obwohl es kurz zuvor erneuert und mit neuer Ausrüstung versehen worden war. Dieses Unternehmen erhielt die Auflage, den Betrieb des Kinos bis zum Sommer 2005 aufrechtzuerhalten. Nach der Schließung sollte das Gebäude abgerissen und ein Wohnkomplex mit ein paar kleinen Kinosälen gebaut werden, wobei auch der Platz vor dem Kino, der zum Grundstück gehört, zugebaut werden sollte.

Diese Privatisierung des Kinos mit dem symbolischen Namen „Lietuva“ wurde zu einem Impuls für das „Pro-Test-Labor“. Das Projekt, das später so manche Bewegung inspirieren sollte, nahm seinen Anfang im Frühjahr 2005, als die Medienkünstler Nomeda und Gediminas Urbonas in den ehemaligen Kinokassen ein „Labor“ einrichteten, das zur Untersuchung, Archivierung und Planung möglicher und unmöglicher Formen des Protests dienen sollte. An dem Projekt teilnehmen und eigene Protestvorschläge einreichen konnten alle Gruppen oder Einzelpersonen, die mit der herrschenden Situation der öffentlichen Räume unzufrieden waren. Unter den Teilnehmern fanden sich Studenten und Lehrkräfte der Musik- und Theaterakademie sowie der Kunstakademie, der Klub der Architekturstudenten, die Bürgerbewegung „Räume der Stadt“, grün- und linksorientierte Bewegungen, verschiedene Kulturschaffende, Intellektuelle u.a.

Projektteilnehmer im TV-Talkshow, April 2005 Projektteilnehmer im TV-Talkshow, April 2005 | Foto: Pro-Test-Labor Archiv In dem Labor wurden mehrere „Protestzonen“ eingerichtet, wo Film- und Videomaterial demonstriert wurde, Architekturprojekte, Konzerte, kulinarische Abende, öffentliche Diskussionen, TV-Brücken, Exkursionen und andere unregelmäßige Aktionen stattfanden, unter denen die Teilnehmer diejenige Form der Beteiligung am Projekt wählen konnten, die ihnen am meisten zusagte. Während des Projekts entstand die Petition „Das Schicksal des ehemaligen Kinos „Lietuva“ und die damit verbundene Kulturpolitik der Hauptstadt“, die mit etwa siebentausend Unterschriften an die litauische Regierung überreicht wurde. Neben konkreten Forderungen bezüglich des Kinos „Lietuva“ enthielt die Petition auch die Bitte, „die demokratische Teilnahme der Öffentlichkeit bei wichtigen, die Hauptstadt betreffenden kulturpolitischen Entscheidungen sicherzustellen“.

Laut Rudi Laermans ist Grundlage und Bedingung der künstlerischen Zusammenarbeit eine bestimmte Art von Gemeinschaftlichkeit, die sich aus den ganz grundlegenden menschlichen Fähigkeiten wie Denken, Fühlen, Sprechen und Bewegen zusammensetzt. Gemeinschaftlich ist daher nicht die Zusammenarbeit selbst, sondern das, was bereits gegeben ist, was die Zusammenarbeit an sich ermöglicht und schon vor dem konkreten Zusammenarbeitsprojekt existiert. Anders als bei der traditionellen Arbeitsteilung, wo konkrete spezialisierte Fertigkeiten des Individuums ausgenutzt werden und das Ergebnis schon zu Beginn mehr oder weniger definiert ist, stützt sich die Kunstkollaboration auf universelle Fähigkeiten des Intellekts, die während der konkreten, hier und jetzt stattfindenden Zusammenarbeit einen eigenen Ausdruck finden. Eben diese Fähigkeiten und nicht die von vornherein bzw. von außen definierte gemeinschaftliche Identität wurden im „Pro-Test-Labor“ als „Kunst-Stoff“ eingesetzt – nicht so sehr die konkreten Äußerungen oder Handlungen der Teilnehmer, sondern vielmehr ihr eigentliches Potenzial (Ziel des Projekts war ja die Erforschung der Protest-Möglichkeiten). Daher ist es weniger wichtig, welche Protestformen die Labor-Teilnehmer wählten, als vielmehr die Tatsache, dass sie mit Reden, Denken, Bewegung und Handeln in Anwesenheit anderer und zusammen mit anderen aus diesem Potenzial ein politisches Potenzial gemacht und einen öffentlichen Raum geschaffen haben, der zum Inhalt und zur Form des Kunstprojekts wurde.

Ziel des Projekts war es nicht so sehr, mithilfe des Dialogs die Einsprüche der Allgemeinheit zu beschwichtigen, sondern im Gegenteil, diese herauszufordern, Polemik oder sogar Unwillen zu initiieren. Das Künstlerpaar Urbonas hatte sich nach eigenen Worten „die größte Sorge [...] um das allgemeine „Verzuckern“ (Konsens) und das Fehlen jeglichen Protests“ gemacht. Der Konflikt war, abgesehen von der freudigen Koexistenz (sowohl unter den Projektteilnehmern als auch zwischen diesen und ihren juristischen Gegnern) in den meisten Fällen Antrieb des Labors und Grundstock der Ästhetik. Zur wichtigsten Geste des „Pro-Test-Labors“ gehört dabei die Gründung eines polemischen Feldes dort, wo bisher eine nicht hinterfragte Übereinkunft (ein „Ein-System-Szenario“) herrschte. Daher kann der Begriff „öffentlicher Raum“ als wichtigstes Schlüsselwort des Projekts gelten, nicht nur wegen der damit verbundenen Probleme, die das Projekt initiierten, sondern auch wegen der Funktionsart des Projekts selbst. Die Bedeutung und der Grund für die daraus entstandene Resonanz des „Pro-Test-Labors“ hängen weniger mit der Verteidigung des funktionellen Verständnisses des öffentlichen Raumes zusammen (bei der man sich auf die Verletzung der Bestimmung eines Grundstücks für öffentlichen Bedarf konzentriert), als vielmehr mit der Schaffung nicht staatlichen öffentlichen Raumes hier und jetzt durch Menschen, die an ihm beteiligt sind. Dass in dem ungenutzten, aber noch funktionierenden Teil des Kinotheaters die „Zentrale“ für alle Aktivitäten und Untersuchungen eingerichtet und diese zum lebendigen und viel besuchten Ort wurde, dass Menschen anfingen, den Platz vor dem Kino (der zuvor ungeachtet der vorgesehenen öffentlichen Funktion höchstens von wartenden Trolleybusfahrgästen bevölkert wurde) als Treffpunkt, Aktions- und Freizeitort zu nutzen, und dass das Projekt auch andere Bewegungen oder thematisch unabhängige Ausdrucksformen der öffentlichen Meinung inspirierte (z.B. den Protest gegen die Ausnutzung der Arbeitskräfte eines Supermarktes): All das führte sehr wahrscheinlich zur Inspiration eines Begriffes der Möglichkeit einer öffentlichen Meinung, die sich aus mehr als nur der Summe privater Interessen zusammensetzt. Das „Pro-Test-Labor“ gab offensichtlich den Anstoß zur Schaffung von Bedingungen und Prozeduren für den Ausdruck öffentlicher Meinung, auch wenn dieser Anstoß in vielen Fällen als Akt zur „Bewahrung“ (des Kinos als Gebäude oder als Einrichtung) getarnt war.

Pro-Test-Labor, „Villa Lituania“ Venedig Biennale, 2007 Pro-Test-Labor, „Villa Lituania“ Venedig Biennale, 2007 | Foto: Pro-Test-Labor Archiv In jedem Fall aber vermittelt das „Pro-Test-Labor“ eine bestimmte Spannung zwischen der kollektiven Arbeit und der Planung durch seine Urheber. Die Galerie-Version der Projektpräsentation wurde in verschiedenen Kunstinstitutionen gezeigt, das Archivmaterial wurde in andere künstlerische Projekte einbezogen, z.B. 2007 in die „Villa Lituania“ auf der Kunstbiennale in Venedig. Diese Präsentationen bestanden meist aus Foto- und Videomaterial ausgewählter Aktionen des Projekts, Design-Objekten (Pack-Klebeband und Schals mit den Symbolen des Projekts) sowie einem Dokumentarfilm mit einer anonymen Stimme im Hintergrund, die die „persönliche“ Geschichte des Kinotheaters „Lietuva“ und des Protests erzählt (der Text entstand nach Berichten aus dem Internetforum des Projekts). Eine solche Geste der Rückwendung bedeutet die Wiederherstellung der Urheberschaft, die sich während des Projekts zerstreut hatte. Auf der Internetseite des „Pro-Test-Labors“ finden sich weder Andeutungen zu einem Kunstprojekt noch die Namen der Künstler als Urheber – die in der Beschreibung fungierende „Wir“-Rhetorik macht dieses Projekt zu einer Sache aller (d.h. aller litauischen Bürger).

In den Ausstellungsdokumentationen wird dieses implizit vielschichtige „Wir“ zu einer, den Dokumentarfilm begleitenden einheitlichen „fiktiven“ Stimme, die die goldene Mitte zwischen dem politischen und dem unterhaltenden Standpunkt vertritt. Die Wiederherstellung der Urheberschaft geschieht weniger durch die Übernahme des Projekts in den künstlerischen Lebenslauf des Künstlers (die Prozedur der Namensgebung), sondern vielmehr durch die Wiederherstellung dieser „einheitlichen Stimme“ (sowohl der bildlichen und als auch der wörtlichen). Doch die Einstimmigkeit wird meiner Meinung nach nicht von der Präsentationsform des Projekts ausgedrückt (die, wie bereits erwähnt, eine normale Zuordnung der Urheberschaft ist), sondern am stärksten dadurch, dass das „Pro-Test-Labor“ sowohl im Kontext der modernen litauischen Kunst als auch im Kontext der Bürgerinitiative das einzige Projekt seiner Art ist und daher die „Normen“ der Zusammenarbeit, des öffentlichen Raums, des Protests usw. vorschreibt. Daher ist die Wiederherstellung der Vielstimmigkeit höchstwahrscheinlich nur mit neuen Projekten und einer neuen Nutzung des öffentlichen Raums möglich, bei der die eingebrachten Bemühungen in eigene, störende kreative oder politische Handlungen umgewandelt werden.
 

Lina Michelkevičė ist Übersetzerin und Kulturforschende. Derzeit schreibt sie an der Kunstakademie Vilnius ihre Doktorarbeit über die Aspekte der Teilnahme an der modernen Kunst. 2007-2008 kurierte sie zusammen mit Agne Narušytė und Vytautas Michelkevičius das Projekt „Foto-Karto-Historiografie“ und stellte das Buch „Landkarten der Fotografiegeschichte“ zusammen. Von 2005 bis 2009 arbeitete sie an verschiedenen von der elektronischen Zeitschrift balsas.cc organisierten Projekten über die Kultur der Neuen Medien. Zu ihrem Forschungsgebiet gehören Themen wie Zusammenarbeit, die Rolle des Zuschauers und Zwischenformen von Kunst und Forschung.