Zeitgenössische Ausstellungen Umgestaltung des Sozialismus?

Umgestaltung des Sozialismus?
Foto: Aleksei Borisionok, Minsk

Ich möchte mich den internationalen Ausstellungen, genauer gesagt den zwei neuesten Beispielen zuwenden, die direkt oder indirekt das sowjetische Erbe zum Thema haben. Das wären die Bergen Assembly (BA) und die 2. Architekturbiennale Tallinn (TAB).

Welche Modalitäten bestimmen heute die Diskussion über die sowjetische Erfahrung im Kontext der zeitgenössischen Kunst? Im Folgenden werde ich versuchen, diese Frage am Beispiel zweier kuratorischer Strategien zu erörtern, die jeweils ein ähnliches Ausstellungsobjekt haben. Im Falle von TAB (Kuratoren: Kaidi Õis, Karin Tõugu, Kadri Klementi, Aet Ader, Mari Hunt) handelt es sich um einen direkten Verweis auf die Hinterlassenschaften der sowjetischen Architektur, derweil beinhaltet die Bergen Assembly (Kuratoren: Ekaterina Degot und David Riff) eher eine indirekte, diskursive Arbeit zu sozialistischen Wissenschaftskomplexen, Forscherlogik und den Phänomenen der sowjetischen Vergangenheit.

Der Sozialismus der Bergen Assembly (ihr Titel lautet „Der Montag fängt am Samstag an“ nach der gleichnamigen Science-Fiction-Erzählung der sowjetischen Schriftstellerbrüder Strugazki) wird als ein kompliziertes diskursives Feld der Kulturpolitik verstanden. Bei der Herstellung von Bedeutungen durch Kunstobjekte und kuratorische Logik selbst versuchen die Kuratoren die Methode des dialektischen Materialismus einzusetzen. Auf diese Weise ist eines der Hauptthemen der BA die künstlerische Untersuchung in der modernen Landschaft des Post-Freudianismus, wobei die Ausstellung selbst sich, laut den Kuratoren, zu einer „Diskussionsmaschine“ umgestaltet, die ihrerseits das Funktionieren der eigenen Mechanismen problematisiert. Diese Perspektive eröffnet in der Tat zahlreiche Fragen über die relevante Logik der künstlerischen Untersuchung, den Expositionsort, die institutionelle Komposition, die sozialistische Kunst und ihre Methode.

Die meisten Arbeiten stehen in direkter Verbindung mit der künstlerischen Praxis der russischen Avantgarde der 1920er-30er oder mit der Kritik des realen Sozialismus. Konstanze Schmitt probt das utopische Stück „Ich will ein Kind haben“ des russischen Poeten und Bühnenautoren Sergei Tretjakow aus den 1930er Jahren und dokumentiert dabei Gespräche mit den Probenteilnehmern zu der heutigen Gender- und Reproduktionssituation. In diesem Teil der Ausstellung werden auch Fotos sowjetischer Wissenschaftsgesellschaften und Science-Fiction-Filme gezeigt, die das moralische Gesicht und die Ästhetik der sowjetischen Wissenschaft repräsentieren.

Die meisten Projekte thematisieren den Ort der Ausstellung selbst, die politische und wirtschaftliche Situation in Norwegen. Dieses Problem erhält viel Aufmerksamkeit seitens der Kuratoren, da Norwegen über ein machtvolles Kunstförderungssystem und eine starke sozialdemokratische Tradition verfügt, die oft auch als „nichtmarxistischer Sozialismus“ bezeichnet wird. Die Arbeit des chinesischen Künstlers Wong Men Hoi ist der nicht mehr existierenden norwegischen Maoisten-Partei (offiziell hieß sie Kommunistische Partei der Arbeiter, Anm. d. Ü.) und deren ehemaligen Mitgliedern gewidmet, die versuchen, ihre ehemaligen politischen Ansichten mit der heutigen Situation in Norwegen zu verbinden.

Das „Institut für Anti-Formalismus“ auf der Biennale soll die dialektische Methode in der Praxis der modernen kritischen Kunst aufdecken und deutlich machen. Auch historische Beispiele der anti-formalistischen Methode werden hier vorgestellt: der politische Film des „Dritten Kinos“, die Arbeiten des DDR-Künstlers Carlfriedrich Claus, die Geschichte der „Gedächtnismauer“ von Ada Rybachuk und Vladimir Melnichenk („Die Mauer“ wurde als Teil des Kiewer Krematoriums gebaut, aber wegen des ideologischen Drucks seitens der Kiewer Stadtverwaltung gleich wieder niedergerissen) und moderne Kunstpraktiken.

Umgestaltung des Sozialismus? Foto: Aleksei Borisionok, Minsk Auf diese Weise funktioniert die Ausstellung als vielschichtiges System der Problematisierung und nutzt dafür auf sehr geordnete Weise das erzählerische Element des Buches "Der Montag fängt am Samstag an" von den Gebrüdern Strugazki ohne es auszubeuten, eher, indem sie es als Sprungbrett benutzt, so, dass die „Magie auch als institutionelle Kritik vorgebracht werden kann“. Bedeutend ist, dass die Erzählung der Brüder Strugazki und die dialektische Struktur der Ausstellung zeigen, dass Wunder und Magie im Materiellen oder in der Immanenz des Lebens selbst stecken und nicht außerhalb des Lebens.

Zum Gegenstand der Architekturbiennale Tallinn (TAB) gehören der Sozialismus und das Architekturerbe des späten Modernismus. Für die Hauptausstellung der Kuratoren wurden bekannte Architekten und Architekturbüros gebeten, mit Objekten der sowjetischen Architektur zu arbeiten, um einige der nicht funktionierenden Teile dieser Kompositionen wiederherzustellen oder „umzugestalten“. Vielleicht steht die Architektur eher in Verbindung mit der Sozialtechnik, die unseren Alltag viel radikaler strukturiert als Objekte der künstlerischen Praxis. Der Architektur- und Bebauungsmarkt ist viel besser in neoliberale Transformationen der urbanen Politik „eingebaut“, daher unterliegt die Arbeit vieler Architekturbüros den Gesetzen des kommerziellen Nutzens und einer positivistischen Logik.

Leider hatten die meisten der auf der TAB vorgestellten Projekte wenig gemein mit der Umgestaltung des Sozialismus: Sie behandelten den Sozialismus eher wie eine architektonische Fläche und ignorierten den Sozialismus als Infrastruktur und urbane Politik. Diese Projekte versenken den Sarg des Sozialismus und seiner Potenziale noch tiefer und bepflanzen sein Grab mit den Blumen des „grünen“ Kapitalismus. Das Projekt, das das Schlafviertel Väike-Õismäe („Blühender Hügel“) zum Thema hatte, war in dieser Hinsicht weit besser gelungen. Die meisten Projekte dieses Teils der Biennale entschieden sich gerade nicht für eine radikale Architekturtransformation, sondern für taktische Lösungen, die eine bereits existierende Infrastruktur und Wirtschaft eines Wohnviertels auffüllen. Gerade dank der sozialistischen Planung aus den 1970ern blieben diesem Wohnviertel viele der Probleme erspart, die dann in der postsowjetischen Bebauungsphase in Tallinn aufkamen, als der Bau von Gebäuden ausschließlich kommerziellen Nutzen bringen sollte. Hierauf sollten sowohl Architekten als auch Kuratoren mehr achten. Auch wenn die kuratorische Strategie selbst vielleicht Mängel aufweist, ist es sehr wichtig, die Hinterlassenschaft der Sowjetzeit in einem Raum, in dem dieses Erbe weitgehend stigmatisiert und dämonisiert wird, zu thematisieren.

Meiner Überzeugung nach wird das Interesse an Kunstprojekten, die mit dem sowjetischen Erbe arbeiten, nur noch zunehmen, daher halte ich es für wichtig, kuratorische Logiken zu rekonstruieren, die sich auf ein ähnliches Objekt beziehen: das Erbe des realen Sozialismus, den utopischen Horizont und die damit verbundenen Potenziale. Das wird sowohl Künstlern als auch der Öffentlichkeit Hilfestellung bei der Gestaltung der Einstellung zur sowjetischen Hinterlassenschaft leisten.