Kunst versus Aktivismus Über die spezifische Nische für öffentliche Kunst

Berliner Kunstbiennale
Berliner Kunstbiennale | Foto: Giedrius Gulbinas

Die Soziologen Vita Petrušauskaitė (Institut für ethnische Studien), Siarhei Liubimou (Europäische Humanistische Universität) sowie die Ausstellungskuratoren Giedrius Gulbinas (Nationale Kunstgalerie) und Ūla Tornau (Zentrum für zeitgenössische Kunst) unterhielten sich in Vilnius über Kunst im öffentlichen Raum.

An dem Treffen nahmen Vertreter verschiedener Disziplinen teil, die sich in den letzten Jahren aktiv mit Fragen der zeitgenössischen Stadt beschäftigt haben, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven. Daher war es interessant zu erfahren, was sie in der Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum für wichtig halten. Es folgen Auszüge aus dem Gespräch, in denen die Rede von Kunst und Aktivismus ist und die auf ihre eigene Art die Rubrik der modernen Diskurse über den öffentlichen Raum abschließen. Die Autoren der Rubrik über den öffentlichen Raum befassten sich mit dessen verschiedenen Aspekten, angefangen bei der sozialen Rolle der Architektur, über die administrative Kontrolle, moderne Monumente und Ortsspezifik bis hin zur Streetart und zum Graffiti – das Thema ist wahrhaftig weit, dabei sollte die Vielfalt der zeitgenössischen Debatten kurz vorgestellt werden.

Auf diese Weise wird dem Leser Raum gelassen, sich einen eigenen Eindruck über die wichtigsten Fragen zeitgenössischer Kunst und Raum zu verschaffen und sich selbst in die ihm relevanten Themen zu vertiefen.

Ūla Tornau: Mit den Kunstwissenschaftlern Lena Prentz und Aleksej Borisionok unterhielt ich mich kürzlich über Kunst und Aktivismus. In der letzten Berlin Biennale wurden Versuche unternommen, diese beiden Phänomene direkt zu verbinden. Ich hatte nicht die Möglichkeit, diese Ausstellung zu besuchen, doch kam die Frage auf, inwieweit der Aktivismus in eine Kunstinstitution einbezogen werden kann, wie viele seiner Ziele dabei erhalten bleiben, oder ob nur zur Schau gestellt und dabei didaktisch vorgeführt wird, dass „es auch so geht“ und der Aktivismus dabei zu einem gewissen Accessoire umgewandelt wird. Denn oft unterscheiden sich ja die Ziele der Kunsteinrichtungen und die der Aktivisten enorm. Eben diesen Versuch der Berlin Biennale, den Aktivismus und die Kunst einander näher zu bringen, wertet Lena Prents positiv. Ihrer Meinung nach hat genau diese kuratorische Strategie der Institution eine Chance gegeben, ihre eigenen sozialen Standpunkte zu finden, und den Aktivisten neue Handlungsformen ermöglicht. Giedrius, Du hast diese Ausstellung besucht. Wie sind Deine Eindrücke?

Giedrius Gulbinas: Ich denke, es ist das Schlimmste, was dem Aktivismus passieren konnte. Am Beispiel der Berlin Biennale wurde nur nochmals sichtbar, dass das Bestreben, den Protest aus dem öffentlichen Raum in einen „Salon“ umzusiedeln (wie offen dieser auch sein mag) nicht mit der Übertragung der künstlerischen Praxis in den öffentlichen Raum und dem Protest identisch ist. Denn der Museumsraum ist ja eine Art Mausoleum: Die Ausstellung von Gegenständen unterbindet deren täglichen Fluss, sie büßen ihren Kontext ein und interagieren nicht mit dem sozialen Umfeld, in dem sie funktionieren sollten. Bezüglich des aktuellen Aktivismus: Ganz generell vermisse ich einen echten Aktivismus, der einem inneren Drang und nicht einer Mode entspringt. Oft nehmen künstliche Dinge aktivistische Formen an. Da wird zwar eine Frage aufgeworfen, aber Forderungen oder Vorschläge bleiben unklar. Zum Beispiel die Aktion „occupy Wallstreet!“. Auf die Frage nach einer Erklärung für die Protestaktion erhielt ein Journalist von einer Teilnehmerin anstelle der Forderungen der Protestierenden die Bitte nach mehr Lebensmitteln, Decken etc. In Wirklichkeit mangelt es hier doch an einer Idee. Klar ist nur „occupy!“, aber was weiter? Dann löste sich einfach alles auf. Dort war ja eine Menge Energie akkumuliert, mit der man viel hätte machen können, aber es mangelte an intellektueller Motivation, der die Menschen hätten folgen können.

Vita Petrušauskaitė: Meiner Meinung nach sind Aktivismus und Kunst zwei von Natur aus völlig unterschiedliche Prozesse. Aktivismus ist ein soziales Phänomen, ein Versuch, eine konkrete Botschaft zu übermitteln, um eine deutliche Veränderung der aktuellen Realität zu bewirken. Ziel des Aktivismus ist die Verwandlung der Realität. Dadurch, dass ein Aktivist künstlerische Mittel zur Hilfe nimmt, wird er noch nicht zum Künstler. Er leiht sich nur die Werkzeuge, um sein soziales Ziel zu erreichen. Ich denke, dass auch die Kunst imstande ist, die Realität zu transformieren, doch in den meisten Fällen ist das nicht die bewusste Intention des Künstlers. Er trägt einfach eine verschlüsselte Nachricht vor, die nicht als eindeutige Aussage irgendwie direkt manifestiert werden sollte. Zwischen dem Kunstwerk und dem Publikum muss dann ein gewisser kreativer Verständnisprozess stattfinden. Der Aktivismus dagegen verlangt nach unbedingter Direktheit, denn man will ja, dass jeder versteht, wovon die Rede ist. In der Kunst weiß man nie, wie das Kunstwerk verstanden wird. Eine unmittelbare Koppelung von Kunst und Aktivismus lässt die Kunst verarmen und hüllt das Kunstwerk oft in eine sehr grobe Form. Das Kunstwerk schrumpft zu einem Gefäß oder Werkzeug für bestimmte soziale Ideen und verliert dabei die Möglichkeit der künstlerischen Wahrnehmung und eines Prozesses der Veränderung. Für Aktivisten kann es sich allerdings sehr lohnen, Kunststrategien einzusetzen.

Ūla Tornau: Was halten Sie von Kunst im öffentlichen Raum? Inwieweit ist sie notwendig, und wie sehr sind Sie selbst an dieser Debatte interessiert?

Vita Petrušauskaitė: Kommt darauf an, was mit „öffentlichem Raum“ gemeint ist. Ich denke, es ist ein Ort, wo widersprüchliche Positionen aufeinandertreffen. Kunst im öffentlichen Raum ist nicht neutral, um sie zu beurteilen, ist es immer wichtig zu wissen, warum und von wem sie geschaffen wurde.

Giedrius Gulbinas: Da muss ich an Banksy denken, der als anonymer Straßensprüher anfing, heute aber einer der bestverkauften institutionellen Künstler ist.

Siarhei Liubimou: Wie wichtig ist die ästhetische Seite für Graffiti? Meistens beschäftigen sie sich ja nur mit ihrem einzigen Schriftzug.

Ūla Tornau: Es ist ihnen aber wichtig, in welchem Kontext sie das tun, in welchem physischen und sozialen Kontext.

Giedrius Gulbinas: Außerdem steht die Geschichte des Graffito ja nicht mit ästhetischen, sondern eher mit aktivistischen Ideen in Verbindung.

Siarhei Liubimou: Wenn wir die Graffiti nicht von der theoretischen Seite, sondern aus den inneren Positionen dieser Subkultur betrachten, sehen wir, dass die Erfindung einer neuen Schrift wirklich von Bedeutung ist und wahrscheinlich das wichtigste ästhetische Problem dieser Bewegung darstellt. Und dann hinterlässt man in dieser Schriftart eine Botschaft, die im inneren System nicht anonym ist. Selbst die Wahl des Pseudonyms ist eine ästhetische Wahl, denn die Buchstaben in diesem Schriftzug müssen sich gut verbinden lassen, und das tun nicht alle. Daher verwenden die Sprüher auch keine Namen, sondern Pseudonyme. Denn im Prinzip tun das alle Künstler, nur nicht so direkt – sie wollen ihre Signatur hinterlassen.
Was jedoch die Debatte um Kunst im öffentlichen Raum betrifft, denke ich, dass der Begriff „öffentlich“ in diesem Fall nicht passt. Denn wie soll man zwischen öffentlich und nicht öffentlich unterscheiden? Es gibt ja unterschiedliche Abstufungen des öffentlichen Raumes. Es gibt z.B. auch halb-öffentliche Räume. Wir können doch nicht auf den Friedhof gehen und da tun, was wir wollen. Wir können dort auch nicht anfangen, mit Leuten zu verhandeln, dass wir hier nun das oder jenes machen. Nein. Nichtsdestotrotz ist es ein öffentlicher Raum.

Ūla Tornau: Wahrscheinlich existiert dieser utopische öffentliche Raum, in dem man friedlich um verschiedene Interessen verhandelt, nur in unserem Bewusstsein. Die reellen Orte bringen immer mehr Bedingungen mit sich. Selbst die griechische Agora, das historische Ideal des öffentlichen Raumes, hatte ihre eigenen Regeln und traf eine Auswahl bei den potenziellen Spielern.

Siarhei Liubimou: Aber betrachten wir mal die Geschichte der Bildhauerei. Warum ist da der Begriff „öffentlich“ erst unlängst so wichtig geworden? Weil es eine weitere politisch konstruierte Kunstnische ist. Denn die Bildhauerei war doch wirklich die am stärksten politisierte Kunstnische der letzten Jahrzehnte. Und das funktionierte nur deshalb, weil keiner von uns wirklich sagen kann, was „öffentlich“ ist. Was für Kunst ist dann eigentlich nicht öffentlich? Denn obwohl die Geschichte der Kunst im öffentlichen Raum im Zusammenhang mit der Kritik der Kunstinstitutionen steht, wurde doch diese Bewegung zum großen Teil von diesen Institutionen selbst geschaffen. Irgendwelche selbst organisierten Bewegungen wurden von Institutionen, staatlichen oder anderen Institutionen, in Nischen geschoben, damit sie effektiv funktionieren können. Dort, wo die staatlichen Institutionen nicht mehr hinkamen, gründeten sie halbstaatliche Institutionen und waren in dieser Hinsicht mit ihrer staatlichen Strategie erfolgreich.

Ūla Tornau: Aber die intensivsten Zeiten erlebte die Kunst im öffentlichen Raum und der dazugehörende Diskurs doch in Momenten großer politischer und sozialer Veränderungen, erst mit der 1968er Revolte in Frankreich und später in den 1990ern mit den Umstürzen in Osteuropa u.Ä. In diesen Momenten kam die neue Definition von Öffentlichkeit doch wohl allem Anschein nach nicht aus dem staatlichen Kontext, sondern aus Kontexten anderer Interessengruppen.

Siarhei Liubimou: Jedoch nannte man dies damals nicht „Kunst im öffentlichen Raum“. Da können wir auch über die Arbeiten von Fernand Léger reden, doch benutzte damals niemand den Begriff des „Öffentlichen“. Umso mehr in dem Sinne, wie dieser Begriff innerhalb der EU im Umlauf ist: als Raum, der verschiedene Interessen in sich vereint. In diesem Zusammenhang fällt es auch schwer, von Aktivismus zu reden. So wie die meisten ihn sich in der Theorie vorstellen, klingt ja alles sehr gut. Wer sich als Kunstaktivist bezeichnet, verringert im Wesentlichen seine Verantwortung als politischer Aktivist. Man stellt eine Behauptung auf, die nicht unbedingt an jemanden adressiert sein muss. Heute leben die Menschen in einer immer mehr ästhetisierten Umgebung, das gewöhnliche Leben, das Stadtleben wird immer ästhetischer. Und das steht in Konkurrenz mit dem, was politisch als Kunst im öffentlichen Raum definiert wird. Somit wird es schwierig zu begründen, wozu wir eine spezifische Nische für öffentliche Kunst brauchen. Daher finde ich hier die Graffiti wichtig, die von ihren Autoren in deren eigenem Stil unterzeichnet werden. Natürlich gibt es gute und schlechte Graffiti-Sprüher, das aber ist schon eine Frage des Stils. Mit der Handlung selbst jedoch ästhetisieren sie einfach nur ihre Umgebung.