Anthropologie des Raums „Architektur ist kein Selbstzweck“

Ole Bouman
Ole Bouman | Foto: Architektur [Diskussion] Fond

Im Herbst 2012 fand in der Nationalgalerie im Rahmen des Projekts „Architektur [Diskussion] Fonds“ ein Gesprächszyklus unter dem Titel „Der Ort. Die Anthropologie des Raums“ statt (Kuratoren: Ūla Tornau und Vita Petrušauskaitė). Eines der Gespräche war mit Ole Bouman, dem ehemaligen Direktor des Niederländischen Architekturinstituts (NAI), der größten Institution dieser Art weltweit.

In Ihrem Gespräch haben Sie dazu aufgerufen, den Versuch zu wagen, in der Architektur auf die Trennung zwischen dem Ästhetischen und dem Schaffen sozialer Räume zu verzichten und einen Mittelweg zu finden. Diese Trennung kann man mit einiger Anstrengung auf unserer Denk- und Gesprächsebene vermeiden, aber wie funktioniert dies in der Designpraxis? Müssen die Architekten sich bewusst sein, dass sie eine Ästhetik des kreativen Konflikts entwerfen?

Auf dem Gebiet des Designs sehe ich oft, dass Konflikte vermieden werden, denn sie werden als etwas Schlechtes an sich begriffen, auch wenn sie künstlich erzeugt werden. Um einen kreativen Konflikt nutzen zu lernen, muss man bereit sein, Risiken einzugehen. Allgemein betrachtet leben wir heute in einer Welt, in der Risiken immer mehr mit negativen Folgen assoziiert werden. Man kann es an der Maslowschen Bedürfnispyramide erkennen: Menschen, die an Selbstverwirklichung und höhere Bestrebungen denken, welche größer als sie selbst oder ihre eigenen persönlichen Interessen sind, gehen Risiken ein, da Höhen ohne Risiken nicht erreichbar sind. Je tiefer wir hinuntersteigen, desto mehr hat Architektur mit Obdach und Funktionalität zu tun, und Menschen wollen immer weniger Risiken eingehen. Bezüglich der existenziellen Werte heißt es, je weniger Risiko, desto besser. Auf dem kulturellen Gebiet jedoch verhält es sich umgekehrt, je mehr Risiko, desto besser. Ich denke, es existiert ein Gleichgewicht, das die Auftraggeber und die Architekten finden können. Dabei sollten sie nicht zu viel riskieren, um sich nicht zu sehr von der Gesellschaft zu entfremden. Ganz ohne Risiko werden sie aber zu Populisten. Der Konflikt ist nicht Selbstzweck, er muss mit dem kulturellen Risiko und mit der kulturellen Sicherheit in Verbindung stehen. Zurzeit herrscht ein hohes Kostenbewusstsein, was dazu führt, dass die Leute keine Risiken eingehen wollen. Alles übrige Geld muss für sichere Sachen ausgegeben werden.

So sieht es momentan auch in der Architektur aus. Sie ist eine sehr teure Kunst. Doch Ideen kosten nichts. Unlängst organisierten wir ein Event in Amsterdam: Für eine Stunde richteten wir uns in einem „Apple“-Laden ein. Das ist ein riesiges Kaufhaus, voller glänzender Geräte, überall laufen diese hippen Leute mit ihren Ohrstöpseln herum und lauschen dem Sound. Wir aber brachten unsere eigenen großen orangefarbenen Kopfhörer mit einem eingebauten Infrarot-System mit und unterhielten uns über das Verhältnis zwischen der physischen und der psychischen Öffentlichkeit. Man konnte also beobachten, wie all die Leute mit den orangefarbenen Kopfhörern im Kaufhaus herumliefen und mit ihrem Design eine eigene Gemeinschaft geschaffen haben, in der sie über die apple-isierte Welt diskutieren.


In Ihrer eigenen kuratorischen Tätigkeit schenken Sie sowohl mündlichen als auch schriftlichen Texten, Gesprächen, Diskussionen und Zeitschriften eine Menge Aufmerksamkeit. Denken Sie dabei an den Informationsempfänger und die Wirkung des Wortes auf ihn, oder geht es dabei mehr um die Schaffung eines sehr weiten Diskurses, der anschließend ein Eigenleben entwickelt?

Wer sollte dieser Informationsempfänger sein? Wahrscheinlich nur ich. Ich bin studierter Historiker, daher betrachte ich das, was ich tue, für gewöhnlich aus einer Langzeitperspektive. Ich weiß, dass manche Menschen dem, was ich tue, aus einer kürzeren Perspektive begegnen, und das ist normal. Wenn es heute, wo die Architektur harte Zeiten durchmacht, zu einem Kampf für die Architektur kommt, möchte ich für sie kämpfen, denn ich weiß, dass die Architektur 3.000 oder 5.000 Jahre lang der wichtigste Kultur- und Zivilisationsträger war. Denken wir an die Kultur Ägyptens, Mesopotamiens, Griechenlands, Chinas oder der Mayas, dann fällt uns als erstes deren Architektur ein, Artefakte, Gebäude, Mauern und Denkmäler. Daher meine ich, dass wir heute für die Verteidigung der Architektur die gleiche Art von Tiefe, die gleiche Art von tiefem Verständnis unseres Lebens brauchen, um all dies weiterhin in die Architektur übersetzen zu können.
 

Ole Bouman ist ehemaliger Direktor des Niederländischen Architekturinstituts (NAI), der größten Institution dieser Art weltweit. Vor seiner Tätigkeit als Direktor des NAI arbeitete Ole Bouman als Chefredakteur der unabhängigen Architekturzeitschrift „Volume“, die sich die Erweiterung der Architektur und die Suche nach deren neuen Rollen in der Gesellschaft zum Ziel gesetzt hat. Er war außerdem Leiter der „Archis Foundation“, einer Nichtregierungsorganisation, die auf dem Gebiet des Verlagswesens und der Architektenberatung arbeitet, indem sie Verbindungen zwischen den lokalen Designgemeinschaften, die auf der Suche nach hoch qualifizierten Fachkräften sind, und dem globalen Knowledge-Netz „Archis“, herstellt. Ole Bouman ist ein erfahrener Autor, Kurator und Dozent verschiedener Fachbereiche. Zurzeit ist er Kreativdirektor der Biennale von Shenzhen (China).

Eglė Juocevičiūtė ist Kuratorin, Kunstwissenschaftlerin auf dem Gebiet der modernen und zeitgenössischen Architektur und aktive Kunstkritikerin mit regelmäßigen Publikationen. Als Kuratorin verantwortete sie den umfangreichen Ausstellungszyklus „Thursday Review“ zur Arbeit junger litauischer Künstler in der Galerie „Vartai“. Aktuell ist sie im Bildungszentrum der Nationalgalerie tätig.