Going Public „Sich vom Bekannten abstoßen, das Neue generieren“

Lena Prents, Auftaktworkshop Going public
Lena Prents, Auftaktworkshop Going public | © Goethe-Institut/Dima Belush

Ula Tornau und Alexei Borisionok unterhielten sich mit Lena Prents, Leiterin des Contemporary Art Study Center an der Europäischen Humanistischen Universität und künstlerischen Leiterin des Projektes „Going Public. Über die Schwierigkeit einer öffentlichen Aussage“ über die Kunstpraxis im öffentlichen Raum.

Ūla Tornau: Danke, Lena, für Deine Zusage zu diesem Gespräch. Diskussionen über den öffentlichen Raum kulminierten – international gesehen – um 1990. Sie hingen mit politischen Transformationen in Staaten des ehemaligen Ostblocks und mit der Herausbildung der neuen Identitäten in Osteuropa zusammen. Heute wird diese Problematik auch in Belarus aktuell. Wie haben sich aus Deiner Sicht Diskussionen über den öffentlichen Raum verändert? Welche Probleme und Initiativen sind besonders aktuell in unseren Bedingungen?

Aleksei Borisionok: Ich füge einige Worte hinzu, um zu unterstreichen, warum ich diese Diskussionen für wichtig halte. Meiner Meinung nach fällt Belarus, verglichen mit ihren Nachbarn, aus der Gesamtentwicklung der postsowjetischen Länder heraus. Das, was wir in den letzten 20 Jahren beobachtet und erlebt haben, veränderte unser Verständnis und den Gebrauch des „Öffentlichen“. Ich möchte über diesen neuen Status des Öffentlichen diskutieren, über die Möglichkeit einer künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Aussage und über die Reaktion der Machthaber und der Bürger darauf. Darüber hinaus interessiere ich mich für die Entwicklung der partizipativen Kunst und der Public Art in Belarus. Einige Forschungstexte sind dazu vor kurzem erschienen, leider erst jetzt. Obwohl performative Praktiken und das Agieren im öffentlichen Raum zu den wichtigen Komponenten der belarussischen Kunst in den 1980er und 1990er Jahren gehörten.

Auch frage ich mich nach dem Zusammenhang der aktivistischen und künstlerischen Praxis. Sind bei uns solche Projekte möglich wie Tania Brugueras „Immigrant Movement International“ oder Thomas Hirschhorns „Gramsci Monument“ oder das „Pro-Test-Labor“ von Nomeda und Gediminas Urbonas in Vilnius, die aus kleinen künstlerischen, politischen und Bildungs- Mikroprojekten bestehen? Ich denke, in Belarus gelingt das zum Teil nur Marina Naprushkina. Aber es wäre gut zu verstehen, ob und in welchen Kontexten solche Projekte gelungen sind, welche kulturellen Effekte sie produzieren.

Lena Prents: Vielen Dank für die Einladung zum Gespräch. Ich vermute, Du hast diese vier KünstlerInnen als Beispiele für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen in der künstlerischen Praxis genannt. Und auch diese Beispiele zeigen bereits, wie verschieden Herangehensweisen an das Agieren im öffentlichen Raum und die Arbeit der Künstler_Innen mit der Öffentlichkeit sein können. Einen gemeinsamen Nenner haben vielleicht nur Urbonas‘ Pro_test Lab und Projekte von Marina Naprushkina. Sie besitzen rein künstlerische Komponenten, aber gleichzeitig gehen sie über das Kunstsystem hinaus, sie suchen nach Verbündeten in anderen, kunstfernen Bereichen und kooperieren mit ihnen. Gerade deswegen erlangte das Pro_test Lab eine hohe internationale Resonanz; und deswegen kann Marina Naprushkina an verschiedenen schwierigen Orten ihre Projekte realisieren, ohne dort physisch präsent zu sein: Sie stützt sich auf die lokalen Netzwerke.

Darum ging es auch im Projekt „Going Public. Über die Schwierigkeit einer öffentlichen Aussage“. „Das Hinausgehen in den öffentlichen Raum“, wie man den ersten Teil des Projekttitels übersetzen könnte, gibt es oft genug. Wichtig ist die Spezifizierung „Über die Schwierigkeit einer öffentlichen Aussage“. Jede Praxis im Public Space kann als ein öffentlicher Ausdruck der eigenen Ideen, als eine Aussage definiert werden. Und als solche hat sie mit Fragen der Sichtbarkeit, Wirksamkeit und Qualität zu tun. Der heutige (mancherorts sogenannte) öffentliche Raum ist durch kommerzielle Interessen, Bilder und/oder Machtstrukturen bestimmt. Wie können sich künstlerische Projekte im öffentlichen Raum bewusst, formal und inhaltlich, behaupten? Sind bedeutsame unabhängige Projekte möglich? Wie könnte im Idealfall die Kommunikation zwischen Künstler und seinem Publikum aussehen? Kann Kunst im öffentlichen Raum überhaupt ihr Publikum generieren?

Dass wir in einem Projektlaufjahr all diese Fragen nicht lösen werden können, war uns klar. Aber wir wollten eine Diskussion darüber initiieren und in Gang setzen, unter Beteiligung von Künstlern, Kuratoren und Theoretikern. Ūla Tornau: Du lebst in Berlin und bist mit der dortigen Kunstszene vertraut. Welchen Stellenwert haben in Berlin Diskussionen über den Umgang mit dem öffentlichen Raum – innerhalb der großen nichtkommerziellen Kunstszene und in der langen Geschichte des öffentlichen Aktivismus? Welche Praktiken können als aktuell im Sinne ihrer Nachhaltigkeit betrachtet werden?

Lena Prents: Aus meiner Sicht hat in Berlin die Annäherung jenes Teils der Art Community, der sich bewusst als nichtkommerziell positioniert, einerseits, und der aktivistischen, selbstorganisierten politischen und bildungsorientierten Gruppen, andererseits, leider nicht stattgefunden. Die ersten agieren oft lediglich im Rahmen des Kunstsystems und beschweren sich über die Dominanz eines politischen und die Abwesenheit eines breiten kulturellen Backgrounds bei letzteren. Letztere staunen über die Belanglosigkeit der künstlerischen Gesten vor dem Hintergrund einer naiven apolitischen Haltung.

Jedoch sind Verschiebungen in den für den öffentlichen Raum konzipierten Projekten festzustellen. Die Euphorie des Kunstsystems der späten 1990er Jahre, als es schien, dass die Kunst im Allgemeinen die Welt im Allgemeinen verändern kann, ist vorbei. Die heutigen Ansätze zielen auf einen konkreten Ort, ein konkretes Problem. Gepaart mit einem durchdachten Konzept der Zusammenarbeit mit dem Publikum und mit verschiedenen Netzwerken, könnten diese zu einer Strategie mit einem nachhaltigen Effekt werden. Wenn man als Beispiel Berliner Proteste gegen die Gentrifizierung des öffentlichen Raumes nimmt, werden an jedem konkreten Ort Diskussionen geführt, welche Verflechtung von künstlerischen, technischen und kommunikativen Mitteln am ehesten zu einer Mobilisierung der Öffentlichkeit führen könnte. Wie die Erfahrungen aus den Protesten gegen die Vermarktung und die Eventisierung der öffentlichen Räume in Berlin und vielleicht noch mehr in Hamburg gezeigt haben, werden Impulse, die von der Kunst ausgehen, besonders wichtig, um die Protestideen in die Bevölkerung zu tragen und eine Akzeptanz und Unterstützung dafür in verschiedenen Gesellschaftsschichten zu erreichen. Das Manifest bekannter Künstler und Musiker in Hamburg in 2009 NOT IN OUR NAME, MARKE HAMBURG! („Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.”) ging durch die ganze Presse und löste eine Welle von verschiedenen Aktivitäten aus.

Aber auch dort, wo die Kunst im öffentlichen Raum keine vordergründigen politischen Ziele setzt, sucht sie einen Dialog mit dem Publikum. Projekte der auch bei uns gut bekannten Gruppe „Raumlabor“ oder der weniger bekannten, aus drei Architektinnen bestehenden après-nous (siehe hier zum Beispiel ihre jam session) sind visuell beeindruckend und bleiben in Erinnerung. Ihr Credo klingt ähnlich: „Raum, Stadt und Stadtbau als kulturelles Projekt und als Prozess“ betrachten, in kleinen Dimensionen und lokal arbeiten, „ein soziales Potential“ in der Bemächtigung des Raumes entdecken.