Frankfurter Rat der Religionen Parlament der Glaubenden

Pressekonferenz zur Gründung des Rates im April 2009 im Frankfurter Literaturhaus
Pressekonferenz zur Gründung des Rates im April 2009 im Frankfurter Literaturhaus | © Rat der Religionen

Im April 2009 gründete sich in Frankfurt eine in Deutschland einzigartige Organisation: der Rat der Religionen. Er setzt sich für Toleranz und Religionsfreiheit ein und kämpft gegen Diskriminierung. Wie kompliziert das ist, zeigt sich schon bei der Frage, wie viele Religionen eigentlich vertreten sind.

In der Satzung des Frankfurter Rats der Religionen findet sich ein Satz, der für Laien in Glaubensdingen nicht leicht zu verstehen ist: „Religiöse Gemeinschaften, die sich selbst einer Religion zuordnen, aber von dieser mehrheitlich nicht als Teil der Religionsfamilie anerkannt werden, werden durch eine RepräsentantIn vertreten.“ Offensichtlich geht es um den Status von Außenseitern.

Ein Blick in die Mitgliederliste des Rates, der auf ein jetzt dreijähriges Bestehen zurückblicken kann, zeigt worum es geht: Da ist die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ vertreten – die Gemeinde der Mormonen also, die sich selbst als christlich ansieht, von den christlichen Kirchen aber als eine neue Religion betrachtet wird. Der Ahmadiyya-Moschee geht es bei den muslimischen Verbänden ähnlich. So sind beide Gruppen neben den christlichen Kirchen, den Muslimen, Juden, Hindus, Buddhisten, Sikhs und Bahai vertreten – ein Kompromiss, mit dem alle leben können.

„Wir respektieren das Selbstverständnis der Mitglieder“, sagt dazu Ilona Klemens, evangelische Pfarrerin und Geschäftsführerin des Rates: „Der Rat kann keine theologischen Entscheidungen für einzelne Glaubensgemeinschaften treffen.“ An die Mormonen habe man bei der Gründung gar nicht gedacht. Aber die Gemeinschaft, die ihre deutsche Zentrale in Frankfurt hat, sei selbst auf den Rat zugekommen und habe dessen Regeln akzeptiert.

Gegen Führerprinzip und Kritikallergie

Der Rat hat eine Vorgeschichte: Seit 2004 trafen sich Vertreter unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften auf Initiative von Ilona Klemens, der Beauftragten ihrer Kirche für den interreligiösen Dialog. Den Vorsitz im Rat haben heute der griechisch-orthodoxe Pfarrer Athenagoras Ziliaskopoulos und Ünal Kaymakci von der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) inne. Die größte islamische Organisation, die dem türkischen Staat nahestehende Ditib, war dem Rat anfangs nicht beigetreten. Inzwischen macht sie jedoch mit.

Die Frage, wer dem Rat angehören kann, hat das Gremium in einem Zusatz zu seiner Satzung festgelegt, der verhindern soll, dass fundamentalistische Gruppen und Sekten ihre Aufnahme durchsetzen. Als Ausschlusskriterien genannt werden dort: ein autoritäres Führerprinzip in der Gruppe, ein absolutes Wahrheitsmonopol, Kritikallergie, Abschottung, Ausbeutung der Mitglieder und die Tarnung der Organisation. Außerdem verpflichten sich die Mitglieder zum „Verzicht auf ‚Missionierung‘ im Sinne des Drängens auf Religionswechsel“. Bislang mussten die Abgrenzungsregeln nie angewandt werden. Extremisten wie muslimische Salafisten, Sekten wie die Zeugen Jehovas oder eine Organisation wie Scientology klopften beim Rat gar nicht erst an. „Die wissen ja selbst, dass sie keine Chance auf Zulassung hätten“, sagt Ilona Klemens: „Außerdem lehnen Extremisten den Dialog ab. Vielfalt ist nichts für solche Gruppen.“

Von Krankenhausseelsorge bis zu rechtem Terror

In seiner verfassten Form ist der Frankfurter Rat in Deutschland einmalig. Einen wesentlich informelleren Rat – eine Art Kommunikationsplattform auf Grundlage einer gemeinsamen Toleranzerklärung – gibt es seit 2006 auch in Köln. Und schon 2003 hatte sich in Stuttgart ein „Runder Tisch der Religionen“ auf Grundlage eines ähnlichen Manifests gebildet. Eine strukturierte und kontinuierliche Arbeit wie in Frankfurt gibt es in beiden Großstädten jedoch nicht. Der Rat gibt öffentliche Erklärungen ab, er berät die Behörden der Stadt, organisiert interreligiöse Veranstaltungen.

Die Themen, mit denen sich der Rat aktuell befasst, reichen von der Krankenhausseelsorge bis hin zum rechten Terror. Weil nicht mehr nur die christlichen Kirchen Kranke und Pflegebedürftige ansprechen, hat der Rat Qualitätsstandards für die Seelsorge entwickelt. Er gibt den Krankenhäusern und Heimen Empfehlungen an die Hand, wem sie Kontakt zu ihren Patienten und Bewohnern gewähren sollten.

Seit der Terror des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) bekannt wurde, haben Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit für den Rat eine noch größere Dringlichkeit erhalten. Auf den Feindeslisten des NSU seien mehrere Frankfurter Organisationen genannt worden, berichtet Ilona Klemens. Mehr als das jedoch macht ihr die Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts Sorge. „Rechtspopulistische Thesen hört man ja auch in einer liberalen Stadt wie Frankfurt in der Mitte der Gesellschaft“, sagt Klemens.