Literaturfestivals in Deutschland Ein Pferd trabt aus dem Text heraus

Literaturfestivals

Das gesamte Jahr über finden in kleinen und großen Städten, auf grünen Wiesen und in dunklen Clubs unzählige Literaturfestivals statt. Woher kommt dieser Trend?

Die Literatur ist unter den Künsten die einzige, die traditionell im Privaten stattfindet, das Lesen gilt als einsame Beschäftigung. Doch drängt das Buch immer mehr aus diesem individuellen Raum heraus. Seit Ende der 1970er-Jahre entstehen Veranstaltungen, auf denen mehrere Autoren Texte vortragen, wie die seit 1977 jährlich stattfindenden Klagenfurter Literaturtage. Hier wird nicht nur der Autorenvortrag, sondern auch der Bewertungsprozess der Jury für den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis öffentlich gemacht und im Fernsehen übertragen. Bereits seit 1968 findet in Darmstadt der Literarische März statt, bei dem seit 1979 der Leonce-und-Lena-Preis an junge Lyriker vergeben wird. Lange Lesenachmittage im Schlossgarten stehen bei dem 1980 gegründeten Erlanger Poetenfest im Mittelpunkt. In den 1990er-Jahren kamen dann immer mehr Literaturfestivals hinzu. Auch die Metropolen Berlin, Köln und München haben mittlerweile alle ihr stadtumspannendes, großes Literaturevent.

Vom virtuellen ins reale Leben

Dabei ist diese Entwicklung erstaunlich. Scheint sich der Gedanke doch eingebürgert zu haben, dass durch die Digitalisierung unserer Lebenswelt das „wirkliche“ Leben immer mehr zurücktrete, dass durch Facebook & Co. „echte“ zwischenmenschliche Kommunikation rarer werde. Das Gegenteil zeichnet sich aber als Wahrheit ab. Eine neue Sehnsucht nach realen Begegnungen und nach Erlebnissen, die mit anderen Menschen geteilt und erinnert werden können, ist im Entstehen. Je virtueller die Lebenswelt, desto größer das Bedürfnis, die eigenen vier Wände zu verlassen auf der Suche nach dem besonderen Ereignis. Auch Literatur wird immer mehr als Event präsentiert.

Zwischen Poetrees, Sofas und Wiesenblumen

Typologisch für diese Entwicklung ist das Literaturfestival Prosanova, das 2011 zum dritten Mal von den Absolventen der kreativen Studiengänge in Hildesheim, Niedersachsen, organisiert wurde. Hier soll die Lesung zur eigenen Kunstform werden, soll der Raum auf den Text und der Text auf den Raum wirken. Wenn bei einer Lesung plötzlich eine Reiterin auf einem Schimmel durch das Hallentor getrabt kommt, wird der Text zur Realität. Somit wird nicht nur furchtlos das Konzept der Lesung in sein performatives Extrem geführt, sondern wird auch der Vorführrahmen selbst als öffentliches Kuschelwohnzimmer ausstaffiert, um der Begegnung mit Autoren, Zuhörern und Kritikern Platz zu geben. So trifft man sich unter dem Poetree, einem Skulpturenbaum, an dem mit Schreibmaschine getippte Gedichte hängen und sitzt auf Sofas und Sesseln zwischen Wiesenblumen und ehemaliger Bundeswehrkaserne. Je ausgefallener, desto besser und eindrücklicher. Aber es gibt auch den Mut zur Reduzierung auf das Wesentliche, wenn bei der Dunkellesung das Ohr ganz unabgelenkt dem Text lauschen darf.

Lesung auf 2.000 Meter Höhe

Begonnen hat die Suche nach neuen Formaten für die Präsentation von Literatur nicht mit den Jungliteraten von Hildesheim, sondern in Leukerbad. Das in dem schweizerischen Kurort stattfindende internationale Festival geht seit 1996 neue Wege: Lesungen finden vor großer Alpenkulisse statt, in Hotelbars und an ungewöhnlichen Orten wie dem römisch-irischen Bad. Während der Autor vom Beckenrand aus vorliest, schwimmen die Zuhörer eine leise Bahn. Höhepunkt ist alljährlich die Mitternachtslesung auf dem Gemmipass, 2.350 Meter über dem Meeresspiegel. Die Literatur erobert auch den letzten Alpengipfel.

Für jeden Geschmack das richtige Festival

Aber nicht nur in der Provinz, sondern auch in den großen Städten gibt es eine erstarkende Lesekultur. So bietet in Köln die lit.COLOGNE seit 2001 ein Unterhaltungsprogramm mit Kabarettstars, Musikern und Autoren aller Genres: vom Comedy-Star bis zum Preisträger des Deutschen Buchpreises. Seit 2001 wird jedes Jahr im September das Internationale Literaturfestival Berlin veranstaltet. Über eine Woche lang finden jeden Tag zahllose Lesungen mit Autoren aus aller Welt statt. In Bremen gibt es einen Fokus auf Lyrik mit Poetry on the Road, beim Mainzer Literaturfestival werden vor allem junge, unbekannte Autoren eingeladen. Vor allem aber hat Leipzig liest, das große Lesefest, das parallel zur Leipziger Buchmesse läuft und bei dem 2011 in wenigen Tagen über 2.000 Lesungen stattfanden, diesen Lesetrend befördert, dem kaum eine Stadt mehr standhalten kann.

Ein Text für die Erinnerung

Auch auf den Großveranstaltungen ist die einfache Lesung mittlerweile ein selten gesehenes Format. Texte werden von Schauspielern szenisch vorgetragen und musikalisch begleitet, Podiumsveranstaltungen wollen für tieferes Verständnis werben. Bleibt nur abzuwarten, welche der neuen Formate, die bei Prosanova und anderswo ausprobiert werden, sich letztendlich behaupten. Am Ende zählt immer der Text. Aber unter einem Poetree und zu den Klängen elektronischer Musik hört es sich dann vielleicht doch besser zu – und wird zu einem unvergesslichen Erlebnis.