Nobelpreis für Literatur 2009 Herta Müller: Die Autorin und ihre Bücher

Nobelpreisträgerin für Literatur 2009 Herta Müller in Vilnius
Nobelpreisträgerin für Literatur 2009 Herta Müller in Vilnius | Foto: Goethe-Institut/Miglė Narbutaitė

Ach, wenn man es doch so fügen könnte, dass jemand wie durch ein Wunder auf das Buch – dein Buch – aufmerksam wird, das als achtzehntes von links im Regal Nr. 21 steht. Dass er oder sie schon beim ersten Aufschlagen Vertrauen zu ihm fasst, es bezahlt und mit nach Hause nimmt. Dass dieser Mensch, der so beschäftigt ist und nie Zeit hat, einen Abend mit deinem Buch verbringt. Dass er sich lange daran erinnert und es immer wieder zur Hand nimmt...

Aber man kann es nicht so fügen, und das ist auch gut so.

Wenn man es könnte, gäbe es nicht diesen Lesegenuss, den gute Literatur uns schenkt. Und die Schriftsteller würden durch die vergebliche Anspannung um den Verstand gebracht.

Allerdings liegt die Magie des Geschäfts bei den Verlegern. Welche Farbe soll der Koffer haben, auf dem die junge Frau des Umschlagbildes sitzt? Es ist Frühling, also wurde der Koffer rosa – so die Entscheidung des Verlags, der soeben Herta Müllers Roman Heute wär ich mir lieber nicht begegnet herausgebracht hat. Es ist das zweite Buch von Herta Müller, das auf Litauisch erscheint.

Herta Müllers Wohlbefinden hängt nicht an einem rosafarbenen Koffer. Sie fühlt sich wohl, wenn ihr das Schreiben gelingt. Und unwohl, wenn die Worte sich nicht einstellen oder nicht zusammenfügen wollen. Als Schriftsteller kann man nicht aufhören zu schreiben. Man schreibt weiter, auch wenn die Regale vor Büchern überquellen. Man schreibt, weil man ebenso ist, und nichts und niemand kann einen ändern.

Seit dem Nobelpreis für Literatur 2009 wurden Herta Müllers Bücher den Buchhändlern aus den Händen gerissen. Die Schriftstellerin ist ständig von Menschen umgeben. Google verzeichnet unter ihrem Namen fast zwei Millionen Treffer. Sie wird überallhin eingeladen. Im April 2011 kam sie auch nach Vilnius.

Nobelpreisträgerin für Literatur 2009 Herta Müller in Vilnius
Nobelpreisträgerin für Literatur 2009 Herta Müller in Vilnius

Aber, wie sie selbst sagt, Herta Müller produziert keine Literatur. Sie belastet sich nicht mit dem Verkauf der Bücher; sie versucht nicht, ihre Leser mit rosa Koffern zu locken. Sie schreibt einfach. Und das genügt ihr.

Eigentlich ist ihr das sogar schon zu viel. Ihre Bücher, genauer gesagt, ihr in Bücher gepacktes Dasein, wiegen tonnenschwer. Wer die einmal in der Hand gehabt hat, kann sie beim besten Willen nicht mehr vergessen.

„Ich bin kein Star, ich bin eine Schriftstellerin“, - lässt sie ihren litauischen Übersetzer Antanas Gailius und ihre Verleger in Vilnius wissen. Bei der Begegnung mit Journalisten wirkt sie von all den Mikrofonen und Objektiven fast wie in die Ecke gedrängt. Sitzt man ihr gegenüber, ist es fast unmöglich, ihren Blick zu erhaschen. Sie wirkt in sich gekehrt. Die gelegentlichen Lichtblitze aus ihren müden Augen gelten, da bin ich sicher, nicht einem der Anwesenden, sondern ihrem 2006 verstorbenen Freund Oskar Pastior.

Der rumänische Dichter Oskar Pastior war das Vorbild für den Protagonisten des 2009 entstandenen Romans Atemschaukel, einen jungen Häftling in einem sowjetischen Arbeitslager. Auf Litauisch erschien Atemschaukel im Jahr 2010. Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller wurde auch Pastior berühmt. Nach Vilnius sind sie sozusagen zusammen gereist.

„Es war wichtig, dass Oskar Pastior und ich zusammen das ehemalige Lager besucht haben und dass ich dort einiges auf besondere Art erlebt habe. Sonst hätte ich die Umgebung, die Landschaft nicht beschreiben können“, erklärt die Schriftstellerin mit monotoner Stimme. Dann ein plötzliches Lächeln, ein Strahlen. „Pastior selbst konnte mir nicht viel darüber sagen. Er hatte keine Ahnung von den Pflanzen, brachte alles durcheinander, erkannte nicht einmal das Meldekraut, von dem sich die Häftlinge im Lager ernährt hatten. Er erzählte mir von Bergen, aber ich sah nur Hügel und Senken. Er hatte einen anderen Begriff von der Wirklichkeit. Das Äußere bedeutete ihm nichts. Wenn ich nur seine Erzählungen gehört hätte, hätte ich statt über eine Ebene über Berge geschrieben. Von Pflanzen verstehen Männer gar nichts, wenn sie nicht Botanik studiert haben. Das habe ich ihm auch so gesagt, dass er nicht einmal eine Rose von einem Löwenzahn unterscheiden konnte, denn ihm war es gleich. Haha.“
 
  • Buchcover der in Litauen im Verlag Versus aureus erschienenen Romane von Herta Müller „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“ und „Atemschaukel“ Foto: Goethe-Institut/Miglė Narbutaitė
    Buchcover der in Litauen im Verlag Versus aureus erschienenen Romane von Herta Müller „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“ und „Atemschaukel“
  • Herta Müller liest im Kleinen Theater Vilnius Auszüge aus ihrem Roman „Atemschaukel“ Foto: Goethe-Institut/Miglė Narbutaitė
    Herta Müller liest im Kleinen Theater Vilnius Auszüge aus ihrem Roman „Atemschaukel“
  • Herta Müller liest im Kleinen Theater Vilnius Auszüge aus ihrem Roman „Atemschaukel“ Foto: Goethe-Institut/Miglė Narbutaitė
    Herta Müller liest im Kleinen Theater Vilnius Auszüge aus ihrem Roman „Atemschaukel“
  • Signierstunde Foto: Goethe-Institut/Miglė Narbutaitė
    Signierstunde
  • Signierstunde Foto: Goethe-Institut/Miglė Narbutaitė
    Signierstunde
Der Roman Atemschaukel wurzelt in gemeinsamen Gesprächen und Reisen der beiden. Beide verband die Erfahrung von Diktatur: Oskar Pastior hatte die sowjetische Lagerhaft erlitten, Herta Müller die Verfolgung durch die rumänische Geheimpolizei Securitate schmerzlich erfahren. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie bei ihrer Auswanderung aus Rumänien nach Westberlin 1987 völlig zerstört, psychisch und nervlich am Ende war.

Nach dem Tod des Dichters arbeitete Herta Müller allein an ihrem Roman. Aber Pastior war gleichsam immer bei ihr. Dann gelangte seine Geheimakte an die Öffentlichkeit, und die Schriftstellerin musste sich ihm von neuem annähern, diesmal als einem Informanten der so gehassten Securitate (Pastior wurde nach seiner Freilassung angeworben und stand zehn Jahre lang in deren Dienst). Wie viel Kraft hat dies die Schriftstellerin gekostet? Gleichzeitig musste sie sich Pastior noch annähern, sich mit ihm identifizieren wie mit dem Erzähler Leo, der sich zusammen mit den anderen Figuren des Romans in ihrer Vorstellungskraft eingenistet hatte und zu ihr flüsterte über die Geschichte des Lagers, die grausige, nicht über die Erde erhobene, sondern eher mit deren Schmutz vermengte Geschichte in all ihrer abstoßenden Wirklichkeit.

„Die niedergeschriebenen Erinnerungen waren meine Kladde. Um ein Buch daraus zu machen, ein literarisches Werk, musste ich viel erschaffen und erfinden“, so Herta Müller. „Ich war nicht gespalten, so à la „Pastior und ich“.

Ich schrieb allein, entschied selbst, obwohl das Buch, wie ich meine, seinen Vorstellungen entspricht. Ihm ist es zu verdanken, dass ein Teil des Textes – die Beschreibung der Zwangsarbeit, die Sehnsucht nach der Heimat, einige Figuren – eine reale Grundlage besitzt. Aber die Beziehungen zwischen den Figuren, die Geschichten – das ist etwas ganz anderes, das ist literarische Wirklichkeit.“

Beim Lesen der Beschreibungen, die detailgenau sind bis auf die letzte Borste, den letzten Schleim, die letzte Laus, stellt sich unwillkürlich das Gefühl ein, dass Herta Müller die Gabe hat, mit den Augen eines anderen Menschen zu sehen. Es ist, als wäre sie verwandelt, als wäre sie in die Haut ihres männlichen Erzählers geschlüpft.

Der Text ist lyrisch und zugleich dokumentarisch. Er überzeugt ohne jede Sentimentalität, ohne Überschwang. Die handelnden Figuren sind aus recht grobem Holz geschnitzt, nichts erweicht sie, kein kleines Kind, kein Henker und kein Gott. Sie sind weder Engel noch Dämonen, sondern Menschen, die auf der Erde wandeln oder ihre Knochen herumschleppen, die vor Hunger schwer sind oder vor Anspannung klappern. Und... sie sind ganz allein.

Auch wenn man beim Lesen der Atemschaukel noch so sehr hofft, eine Gemeinsamkeit oder Solidarität der Lagerhäftlinge untereinander zu erleben, sieht man doch nur einzelne seelenlose Geschöpfe, die sich ans Leben klammern, in einer Horde anderer, ebensolcher Geschöpfe.

Wie dem auch sei, wenn man das Buch mit dem rosa Koffer auf dem Umschlag aufschlägt, in der Erwartung, von den romantischen Leidenschaften einer jungen Frau zu lesen, wird man hineingezogen in eine Psychose von Verwirrung, nervlicher Anspannung und Panik, hin- und hergeworfen in der Vorstellung der von den Verhören bei der Geheimpolizei fast zum Wahnsinn getriebenen Protagonistin.

„Eine ganze Menge“, - antwortet Herta Müller auf die Frage, wie viel von ihr selbst in dem Bild dieser Figur steckt. Und lacht noch einmal. Mit einem kurzen, verhaltenen Lachen, das nur für eine Sekunde ihre Augen erhellt.

Die Bücher von Herta Müller – das ist Herta Müller selbst. Es ist das Erbe ihrer Mutter, die die Verbannung durch die Sowjets am eigenen Leib erlebt hat. Es sind ihre Erfahrungen unter dem Regime von Nicolae Ceauşescu in Rumänien. Es ist das, was sie abzuschütteln suchte, was sie aber mit sich nach Berlin genommen hat.

„Alles, was ich habe, trage ich bei mir.
Oder: Alles Meinige trage ich mit mir.“ (Atemschaukel)

Wenn einmal eine Biografie von Herta Müller erscheint, wird sie ebenfalls tonnenschwer werden. Ein solches Buch wird, gleich in welcher Buchhandlung, jedem auffallen.
 
Herta Müller: Amo sūpuoklės (übers. Antanas Gailius),Vilnius: Versus aureus, 2010, ISBN 978-9955-34-280-9, Originaltitel: Atemschaukel

Herta Müller: Šiandien būčiau geriau savęs nesutikus (übers. Antanas Gailius), Vilnius: Versus aureus, 2011, ISBN 978-9955-34-307-3, Originaltitel: Heute wär ich mir lieber nicht begegnet