Theater im Fremdsprachenunterricht Lehren und Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuß

Jugendliche lernen in Theaterworkshops nicht nur einen bewussteren Umgang mit ihrem Körper, sondern erweitern auch ihre sprachlichen Kompetenzen.
Jugendliche lernen in Theaterworkshops nicht nur einen bewussteren Umgang mit ihrem Körper, sondern erweitern auch ihre sprachlichen Kompetenzen. | Foto: © Martin Welker

Theaterspielen hat einen positiven Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung. Das haben sogar schon Schiller und Goethe festgestellt. Durch pantomimische Darstellungen, Standbilder oder komplette Schultheateraufführungen erhält das Theater auch zunehmend Einzug in den Fremdsprachenunterricht.

„Bretter, die die Welt bedeuten“ – Mit diesem geflügelten Wort ist das Theater gemeint, in dem Aspekte der realen oder fiktiven Welt von Schauspielerinnen und Schauspielern vorgeführt und idealerweise von dem Publikum kritisch reflektiert werden. Der Satz befindet sich in dem 1802 entstandenen Gedicht An die Freunde von Friedrich Schiller, in dem der idealistische Dichter der Phantasietätigkeit große Bedeutung zumisst. Hier impliziert das geflügelte Wort, dass mit einfachsten Mitteln die engen Grenzen von Alltagserfahrung imaginativ überwunden werden können.
 
Nicht nur Friedrich Schiller, sondern auch Johann Wolfgang von Goethe erkannte zu seinen Lebzeiten bereits den Mehrwert des Theaters. In seinem im Jahre 1795/96 erschienenen Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre beschreibt er die starke Wirkung, die Theater auf die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Erwachsenen ausüben kann. Durch die Theatererfahrung geht der Protagonist bewusster mit dem eigenen Körper um, überwindet Auftrittsängste, verhält sich gelassener im sozialen Umfeld und erweitert nicht zuletzt seine sprachbezogenen Kompetenzen.
 
Es ist der Verdienst der Dramapädagogik, die sich wissenschaftlich und künstlerisch intensiv mit der produktiven Spannung zwischen Theater und Pädagogik auseinandersetzt, dass in der (Fremdsprachen-)Didaktik zunehmend solche ästhetischen Erfahrungsräume entstanden sind.

Dramapädagogik in der Fachdiskussion

Die Perspektiven, die Schiller und Goethe in ihren literarischen Texten entwarfen, lassen sich unschwer auf pädagogische Kontexte und speziell auch auf den Fremdsprachenunterricht beziehen. Wenn ein paar Bretter genügen, um als Bühne zu fungieren, auf der Aspekte der Welt vorgeführt und kritisch reflektiert werden, so ist das idealerweise ein leerer Raum, der möglichst viel Bewegungsfreiheit für ein „Lehren und Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuß“ zulässt (Schewe 1993: 7-8).
 
Solch eine ganzheitliche Sicht liegt einem dramapädagogischen Konzept von Fremdsprachenunterricht zugrunde. Darin wird die dramatische Kunst, auch im Zusammenspiel mit anderen performativen Künsten wie Performance Art, Storytelling, Tanz und Oper zur Inspirationsquelle für das fremdsprachenpädagogische Handeln (ebd). Da fremdsprachlicher Unterricht grundsätzlich in allen Zielgruppen, auf allen Sprachlernstufen und in allen Teilbereichen dramapädagogisch gestaltet werden kann, ist eine stärkere künstlerische Orientierung in der Fremdsprachendidaktik zu begrüßen (ebd).   
 
Mittlerweile existiert eine große Bandbreite an Publikationen, die sich mit der dramapädagogischen Gestaltung von Fremdsprachenunterricht auseinandersetzen (siehe Überblicksartikel von Schewe 2016). In der 2007 gegründeten Fachzeitschrift SCENARIO sind inzwischen mehr als 200 Artikel von Autorinnen und Autoren aus über 20 Ländern erschienen. An diesen Beiträgen wird gut deutlich, wie sich die Dramapädagogik langsam, aber stetig zu einem eigenen Forschungs- und Praxisfeld in der Fremdsprachendidaktik entwickelt hat. An der Initiative dieser Zeitschrift, in der sich zu dramapädagogischen Aktivitäten im Fremdsprachenunterricht verschiedener Länder ausgetauscht wird, können sich Interessierte gern beteiligen.

Wirkung dramapädagogischer Unterrichtsgestaltung  

In dramapädagogischen Übungen wird zumeist bewegungsgekoppelt gelernt, woraus sich positive Behaltenseffekte ergeben (Sambanis 2016:54). Zuschauen allein reicht hierbei nicht aus; die Schülerinnen und Schüler müssen selbst aktiv sein (ebd). Nach mehrmaliger Wiederholung der Kombination aus Bewegung und Inhalt, muss die Bewegung nicht mehr ausgeführt werden, weil bereits durch die Erinnerung an die Bewegung der Inhalt aktiviert wird (ebd). Besonders deutlich werden die Behaltenseffekte über einen langen Zeitraum (ebd).

Inhalt gekoppelt mit Bewegung fördert den Behaltenseffekt. Inhalt gekoppelt mit Bewegung fördert den Behaltenseffekt. | Foto: © Martin Welker Wenn es schwieriger ist, „etwas zu vergessen, was mit Körper und Geist, also multisensorisch, gelernt wurde, als etwas, das ausschließlich über die akademischen Kanäle des Hörens und Sehens aufgenommen wurde“ (Sambanis 2016: 51), ist es dann nicht an der Zeit nach neuen Wegen der Sprach-, Literatur- und Kulturvermittlung zu suchen?

Performative Lehr- und Lernkultur

Drama in Education, Dramapädagogik, Theaterpädagogik, Jeux dramatiques – In den Bezeichnungen spiegelt sich, dass Disziplinen entstanden sind, die sich mit der produktiven Spannung zwischen Spiel, Theater und Pädagogik auseinandersetzen. All diesen kulturspezifischen Disziplinen sind eine enge Orientierung an den performativen Künsten, speziell an der Kunstform Theater gemein. Aus diesem Grund sollte fortan „performativ“ als internationaler Oberbegriff verwendet werden. Damit wird eine innovative pädagogische Praxis betont, die aus der Begegnung mit den performativen Künsten entsteht (Even & Schewe 2016).
 
Mit Bezug auf deutsch- und englischsprachige Länder ist die Fremdsprachendidaktik im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte in Bewegung gekommen und das pädagogische Potenzial performativer Ansätze wird zusehends erkannt und genutzt. Es ist ein eindrucksvolles Praxisfeld entstanden, wobei zu unterscheiden ist zwischen „performativen Kleinformen“ und „performativen Großformen“. Bei den Kleinformen handelt es sich um Aktivitäten, die in einer Unterrichtseinheit realisierbar sind, wie das Bauen und Präsentieren von Standbildern, eine kurze pantomimische Darstellung oder Stimmencollagen, während die Großformen, zum Beispiel Schultheateraufführungen oder Improtheaterworkshops, den Rahmen des alltäglichen Unterrichts sprengen. Von dieser lebendigen Praxis werden vermutlich weiterhin sehr wichtige Impulse für die Fremdsprachendidaktik ausgehen.

Dramapädagogik als Teil des Studiums

Der Bau eines Standbildes fördert die Körperwahrnehmung.  Der Bau eines Standbildes fördert die Körperwahrnehmung. | Foto: © Manfred Schewe Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, ab wann im Studium einer Fremdsprache performativ orientierte Seminare zum integralen Bestandteil gehören (vgl. zum Ist-Stand die Studie von Fleiner 2016) und in der Lehrerbildung folgende Einsicht geradezu selbstverständlich ist:

„[D]ie Performativität von Lehr-Lern-Situationen ist von zentraler Bedeutung für die Schule. Demgemäß spielt die Körperlichkeit der Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie die der Schülerinnen und Schüler im inszenatorischen Rahmen des Klassenzimmers eine große Rolle. Handlungs- und Wahrnehmungsaspekte sowie der Bereich der Sinne müssen dabei die kognitiven Prozesse ergänzen …“ (Vaßen 2016: 90)
 
Es wird natürlich von den jeweiligen institutionellen und kulturspezifischen Bedingungen abhängen, inwiefern sich im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte eine neue Lehr- und Lernkultur, die die Körperlichkeit stärker akzentuiert, durchsetzen kann.
 
Um nochmals an Schiller anzuknüpfen, der die Bedeutung von Phantasietätigkeit für den Menschen besonders hervorhob: Stellen wir uns doch vor, dass in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht mit Kopf, Herz, Hand und Fuß gestalten, dabei ihrer Spontaneität und schöpferischen Kraft vertrauen und so bewirken, dass auf den einfachen Brettern von Seminar- und Klassenräumen (fremde) Welten immer wieder neu entstehen und faszinieren.
 

Literatur

Even, Susanne/Schewe, Manfred (Hg.) (2016): Performatives Lehren, Lernen, Forschen – Performative Teaching, Learning, Research. Berlin: Schibri.
 
Fleiner, Micha (2016): Performancekünste im Hochschulstudium. Transversale Sprach-, Literatur- und Kulturerfahrungen in der fremdsprachlichen Lehrerbildung. Berlin: Schibri.
 
Sambanis, Michaela (2016): Dramapädagogik im Fremdsprachenunterricht – Überlegungen aus didaktischer und neurowissenschaftlicher Sicht. In: Even, Susanne/Schewe, Manfred (Hg.): Performatives Lehren, Lernen, Forschen – Performative Teaching, Learning, Research. Berlin: Schibri, S. 47-66.
 
Schewe, Manfred (1993): Fremdsprache inszenieren. Zur Fundierung einer dramapädagogischen Lehr und Lernpraxis. Oldenburg: Didaktisches Zentrum.
 
Schewe, Manfred (2016): Dramapädagogische Ansätze. In: Burwitz-Melzer, Eva/Mehlhorn, Brit/Riemer, Claudia/Bausch, Karl-Richard/Krumm, Hans-Jürgen (Hg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. 6., überarb. Aufl. Tübingen: Francke Verlag, S. 354-357.
 
Vaßen, Florian (2016): Die Vielfalt der Theaterpädagogik in der Schule. Theater und theatrale Ausbildung im Kontext des Lehrverhaltens, als Unterrichtsmethode und als künstlerisch-ästhetisches Fach. In: Even,Susanne/Schewe, Manfred (Hg.): Performatives Lehren, Lernen, Forschen – Performative Teaching, Learning, Research. Berlin: Schibri, S. 87-125.