Bubble Vision

Was passiert, wenn der Horizont der Zentralperspektive sich zur Filterblase krümmt? Über virtuelle Realitäten, künstliche Dummheiten und das Ende des Anthropozäns.

Als im letzten November ein durch Restauratoren verunstalteter „Salvator Mundi“ mit 450 Millionen US-Dollar zum teuersten Kunstwerk aller Zeiten wurde, war viel zu lesen über eine mögliche Spekulationsblase im Kunstmarkt. Handelte es sich überhaupt, wie behauptet, um einen Leonardo da Vinci? Welche Rolle spielten Saudi-Mittelsmänner beim Erwerb des Bildes für den Louvre Abu Dhabi?

Eine andere Frage aber wurde kaum diskutiert: Warum ist die Kristallkugel, die der Weltenretter in der Hand hält, durchsichtig? Wäre sie nach den Gesetzen der Physik gemalt, müsste sie eigentlich das Spiegelbild des Malers verzerrt zurückwerfen – oder zumindest das der Betrachter. Doch sie ist leer, obwohl Leonardo die Gesetze der optischen Refraktion nachweislich kannte.
Moderne Architektur Joel Filipe © unsplash Die leere Kristallkugel erinnert an 360-Grad-Technologie, wie sie neuerdings in Fotografie, Video und Virtual Reality eingezogen ist: Hier befindet sich die Betrachterin auch innerhalb einer Kugel, im Zentrum einer künstlich um sie herumgebogenen Welt, aber sie hat ihren Körper nicht dabei, außer als Leerstelle. „Das Magische an Virtual Reality ist, dass sie einem das Gefühl gibt, man sei wirklich vor Ort“, erklärte Mark Zuckerberg, als er Facebooks VR-Anwendung ausgerechnet anhand einer virtuellen Reise ins vom Hurrikan Maria verwüstete Puerto Rico demonstrierte.

Dieses Paradigma könnte man bubble vision nennen: Blasensicht.

Was passiert, wenn die optische Zentralperspektive einer Kugelperspektive weicht? Wenn alle Perspektivlinien strahlenförmig auf einen Betrachter zulaufen, der überdies weitgehend abwesend ist? Was hat das mit einer Gegenwart zu tun, in der Selfies das Subjekt ersetzen und die gute alte bürgerliche Öffentlichkeit zur Filterblase zurechtgebogen wird? Welche politische Gravitation erzeugt diese Krümmung der visuellen Sphäre?
Die Blase ist ein Wahrzeichen neoliberaler Globalisierung, das sich auch in deren Kunst niederschlug, man denke an Anish Kapoors riesige, spiegelnde, als Selfie-Hintergrund beliebte Blasenskulptur „Cloud Gate“ in Chicago. Sogenannte bubble economies sprudeln mal jäh auf, mal vernichten sie blitzartig Welten und Lebensentwürfe.

Virtual-Reality-Vordenker Jaron Lanier beschreibt VR als Heraustrennen eines menschenförmigen Ausschnitts aus der Textur des Universums. Ein VR-Universum muss man sich demnach als unzählige Blasen mit menschenförmigen Löchern vorstellen.

Alte Luft

In den Tiefen des antarktischen Eises sind kleine Blasen uralter Luft eingeschlossen. Sie dienen Geologen zur Entwicklung einer Archäologie des Klimas. Proben dieser Luft führten Simon Lewis und Mark Maslin zu der These, dass sich der größte Kohlendioxidrückgang der letzten 2000 Jahre um 1610 ereignete und tatsächlich menschengemacht war. Infolge der kolonialen Invasion Lateinamerikas, die zum Tod von 49 Millionen Ureinwohnern führte, sei auf den landwirtschaftlichen Flächen der Wald zurückgewachsen, schreiben sie in ihrem jüngst erschienenen Buch „The Human Planet: How We Created the Anthropocene“ (Pelican). Die Bäume bauten mehr Kohlendioxid ab, und weltweit fielen die Temperaturen.

So auch in den Niederlanden, wo während der „Kleinen Eiszeit“ nicht nur Spekulationsblasen die Wirtschaft aufmischten, sondern Blasen auch in die Malerei des Goldenen Zeitalters einzogen. In Vanitas-Stillleben mit frisch angehäuftem kolonialem Beutegut, inklusive schwarzen Dienern, wimmelt es von Glaskugeln und Seifenblasen.

Simon Lewis’ und Mark Maslins Theorie wird „Orbis-Hypothese“ genannt, nach dem lateinischen Wort für Welt. Die Geologen schlagen vor, 1610 als Beginn des Anthropozäns anzusetzen, in dem der Mensch zum entscheidenden Klimafaktor wird. Im Anthropozän sieht sich der Mensch im Zentrum der Natur, genau so wie VR-Nutzer sich im Zentrum einer 360-Grad-Welt erleben. Alle Perspektivlinien laufen im Betrachter zusammen, er ist Zentrum, Ground Zero und Fluchtpunkt der ihn umgebenden Welt. Aber genau in diesem Moment ist er vielleicht bereits dabei, aus dem Bild zu verschwinden. Er gestaltet die Umwelt bis zu einem Punkt um, an dem sie dem Überleben physisch abträglich wird. Laut dem „Guardian“ könnte die Kommunikationsindustrie 2025 zwanzig Prozent des weltweiten Stroms verbrauchen. Achtzig Prozent davon dürften auf Videostreaming entfallen, wobei VR – neben Überwachungstechnik – einen besonders hohen Datenverbrauch hat. Klimaauswirkungen sind im Downloadvolumen inklusive.
Moderne Architektur Joel Filipe © unsplash Die unsichtbare Hand In seiner berühmten Zeichnung des vitruvianischen Menschen, dessen ausgestreckte Gliedmaßen einen perfekten Kreis ergeben, entwarf Leonardo das Verhältnis des menschlichen Körpers zur Welt als Ausdruck mathematischer Harmonie. Eine neuere Darstellung dieser Beziehung findet sich in der Patentzeichnung für ein Armband, das Mitarbeiter in Amazon-Lagern durch Vibration anleiten soll, ins richtige Regalfach zu greifen, um die bestellte Ware zu finden – ein neuer Zwischenschritt in der fortschreitenden Automatisierung.

In dem Moment, in dem der Mensch sich der Macht bewusst wird, mit der er als Zentrum des Universums wirkt, ist er bereits damit beschäftigt, diese Macht an opake digitale Plattformen und Black-Box-Algorithmen weiterzureichen, an Systeme, die genauso unsichtbar sind wie die berühmte unsichtbare Hand der Märkte, die angeblich alles weiß und regelt: an künstliche Dummheiten und automatisierte Orakel. Ist Virtual Reality also eine Trainingsroutine, die Menschen an eine Welt gewöhnen soll, in der sie zunehmend von unsichtbaren Systemen ersetzt werden?

Dabei werden nicht alle ersetzt. Die neue Amazon-Firmenzentrale in Seattle besteht aus gläsernen „Biosphären“, sie propagiert das zur Welt hin abgeschirmte Gewächshaus als „Arbeitsplatz der Zukunft“. Führungskräfte arbeiten in „Konferenzräumen, die Vogelnestern in hohen Bäumen gleichen“. In dieser Konzernutopie ist die Konstellation des Anthropozäns umgestülpt: Begann das Anthropozän mit dem Verschwinden von Menschen aus dem Amazonas, so ist der Amazonas jetzt im Inneren der Blase, konserviert als Chefetage, als automatisierte Biosphäre, geschützt vor einer durch den Menschen vergifteten Umwelt.

Grausamkeit

Der Begriff der virtuellen Realität stammt von Antonin Artaud, dem Erfinder des „Theaters der Grausamkeit“. Als dieser 1931 auf der Pariser Kolonialausstellung eine balinesische Tanzperformance sah, war er tief beeindruckt von der „unmittelbaren Gewalt des Geschehens“. Das Publikum saß im Zentrum und war komplett vom Spiel der Darsteller umgeben. Für Artaud bedeutete Grausamkeit nicht menschliche Gewalt, „sondern die viel schrecklichere, unumgänglichere Gewalt, die Dinge gegen uns ausüben können“. Ein solches Theater der Grausamkeit findet sich heute im Amazon-Lager, wo Dinge, Roboter und ferngesteuerte Menschen eine chaotische Kakophonie erzeugen. Das Gegenstück sind die in „Biosphären“ verwandelten Chefetagen als real existierende Filterblasen. Die Grenze zwischen innen und außen wird eingefaltet und verdeckt die zwischen oben und unten.

In Ungarn propagieren Rechte Automatisierung und künstliche Intelligenz als Ersatz für Zuwanderung. In Deutschland steigt die Gewalt gegen Flüchtlinge proportional zum Facebook-Gebrauch. Digitale Technologie potenziert autoritären Nativismus: Der Blasenblick mit seinen privatisierten Paralleluniversen passt zu isolationistischen Weltanschauungen wie ein Hagel von Fäusten aufs Auge.

Populistischer Realismus

Virtual Reality verspricht Empathie und Unmittelbarkeit, ihre Realitätsverheißungen machen sie zu einem tendenziell „realistischen“ Medium, trotz des grotesken Apparats, den es dafür zu schultern gilt. Wie bei vorhergehenden Realismen gilt auch für diesen, dass er weniger mit der Realität zu tun hat als mit dem Versprechen eines bequemen Logentickets für sie.

Der Realismus kehrt derzeit in vielen Bereichen zurück. In der zeitgenössischen Kunst stehen zum Beispiel natürliche und traditionelle Materialien und Techniken hoch im Kurs: Folk Art, Töpfern, Rituale naturnaher Völker und identitäre Belange aller Couleur. Es ist ein Missverständnis, anzunehmen, dass es diesem Realismus um Realität ginge. Es geht ihm um deren algorithmische Qualifizierung unter dem Kriterium des Typischen. Darin ähneln populistische Realismen den Identifikationsmechanismen künstlicher Dummheiten: Nur, was als Kategorie schon bekannt ist, kann auch erkannt werden.

Diese Art von Realismus ist eine Reaktion auf das Scheitern globalisierter Heilsversprechen, auf stornierte Freihandelsabkommen, Börsencrashs und das abgesagte Ende der Geschichte. Er ist paradigmatisch für eine Gegenwart, in der Fake News, Internetmüdigkeit, Söldnerbots, Brexit, Handelskriege, Zölle und Protektionismus den Ton angeben: Er will „echte“ Menschen zeigen. Wie tut er das?
Moderne Architektur Joel Filipe © unsplash Auf der Documenta war im vergangenen Jahr eine brillante Arbeit von Wang Bing zu sehen, ein sehr eindrucksvoller realistischer Dokumentarfilm über die Mitarbeiterinnen in einer chinesischen Sweatshop-Näherei. Er hieß „15 Hours“ und dauerte fünfzehn Stunden. Man könnte sich genauso einen fünfzehn Stunden langen VR-Film vorstellen, der einer Mitarbeiterin eines Amazon-Lagers dabei folgt, wie sie ferngesteuert durch die Regalreihen gejagt wird.

Es gibt in virtueller Realität keine vierte Wand, keine Brechungen, selbst simple Montage ist schwierig. Stattdessen kann der User möglicherweise „selbst“ qua VR in die Haut einer Arbeiterin steigen. Fühlt sich vielleicht „echt“ an – ob es mit der Realität zu tun hat, ist zweifelhaft. VR wird in diesem erfundenen Beispiel zu einer Art AirBnB für Mitgefühl, zu einer Hostelkette für Identitäts- und Erfahrungstourismus. Empathie bedeutet hier, als Voyeur im realen Theater der Grausamkeit eines Amazon-Lagers unterwegs zu sein. Fünfzehn Stunden lang einer Arbeiterin zu folgen wird zu einer Art Ausdauerperformance.

Chaos

Viele beklagten sich über das kuratorische Chaos der letzten Documenta. Aber das größte Chaos findet sich im chaotischen Speichersystem von Amazon, dessen Lager nicht nach menschlicher Logik sortiert sind, sondern nach zufällig vergebenen Barcodes. Für uns mag das wie Chaos aussehen, für Roboter ist das Lager perfekt sortiert. Diese Umgebung ist bereits für nicht menschliche Wesen gemacht, in posthumaner Kuratierung durch Black-Box-Algorithmen nach einem robotischen, populistischen Realismus, der einer einzigartigen, unverständlichen Logik folgt. Bestimmt wird es an Kunsthochschulen bald Masterstudiengänge für chaotische Speicherung geben, und mit ihnen wird eine Documenta kommen, in der alle Werke scheinbar zufällig in Stapeln brauner Amazon-Kartons sortiert sind, und um den Profit zu erhöhen, werden alle ein hochauthentischer Salvator Mundi sein.

Was uns zurück zur ursprünglichen Frage führt: Warum fehlt die Reflexion in Leonardos Kugel (wenn es denn Leonardos Kugel ist)?

Trompe-l’Œil

Vielleicht wollte Leonardo ausdrücken, dass man sich nicht davon täuschen lassen sollte, wenn irgendetwas natürlich, realistisch und transparent erscheint. Die naturalistischen Possen der Blasensicht trügen. Eine Kristallkugel, die nach den Gesetzen der Natur gemalt wäre, würde alles, was hinter ihr liegt, auf dem Kopf zeigen. Die Kugel würde sich als das präsentieren, was sie letztlich ist: als Medium, wie auch virtuelle Realität eines ist. Wenn in deren Sphären irgendetwas „natürlich“ oder sogar fotorealistisch aussieht, handelt es sich wahrscheinlich nur um eine besonders ausgetüftelte Touristentapete, eine Hochglanzillusion, ein Update von Trompe-l’Œil-Malerei in Kirchenkuppeln für die Ära von Egoshootern, 3D-Pornos und AfD.

Wer aber VR als Medium wirklich ernst nimmt, der sieht alles, was sie zeigt, wie in einer Kristallkugel auf dem Kopf – oder, wie Marx einst so klug scherzte, vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Realität muss in VR auf dem Kopf stehen, sonst schwindelt das Bild. Um der Realität brachialer Disruption und deren zunehmend autoritärem Gebrauch gerecht zu werden, sind Mittel maximaler Verfremdung nötig.

Aber es gibt auch eine viel direktere Interpretation dessen, was Leonardos Kugel uns heute zu sagen hat. Vielleicht ist in ihr nichts zu sehen, nicht einmal das Spiegelbild der Betrachter, weil sie deren Verschwinden vorhersagt.
Moderne Architektur Joel Filipe © unsplash Das Verschwinden der Menschen: modellhaft durchgespielt in der saudi-arabischen Robotergalionsfigur Sophia, einem Automaten, der, anders als die dort schuftenden südasiatischen Hausarbeiterinnen, während einer Investorenkonferenz die Staatsbürgerschaft verliehen bekam.

Das Verschwinden der Menschen: vorweggenommen im Mars-Infomercial der Vereinigten Arabischen Emirate, das den außerirdischen Exodus der Oligarchen in VR ankündigt.

Das Verschwinden der Menschen: beschleunigt durch das gegenwärtige Zusammentreffen autoritärer, feudaler oder populistischer Regimes mit digitaler Technologie. Sind die zwei rechten Daumen von Leonardos Weltenretter Beweis der Echtheit des Gemäldes, oder wurde einer davon dem in Istanbul verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi abgesägt? Und wo ist eigentlich das Bild selbst, dessen Präsentation im Louvre Abu Dhabi schon vor einigen Monaten angekündigt wurde?