Wolf Biermann Vor 40 Jahren: Der Anfang vom Ende der DDR

Leipzig, Konzert Wolf Biermann
Konzert von Wolf Biermann in Leipzig, 1989 | © Deutsches Bundesarchiv, Foto Waltraud Grubitzsch

Vor 40 Jahren wurde Sänger und Dichter Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert. Ekkehard Maaß erklärt, warum das ein Wendepunkt in der deutsch-deutschen Geschichte war.

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November 1976 schlug ein wie ein Donnerblitz in die DDR-Gesellschaft und zerriss den bleischweren Nebel der Anpassung, der über der DDR lag. Mehr als Hundertzwanzig prominente Schriftsteller und Künstler der DDR hatten es gewagt, ihren Protest gegen eine Entscheidung der Regierung zu erklären, öffentlich, das heißt auch in den westlichen Medien. Für eine Diktatur, deren Machtanspruch auf tönernen ideologischen Füßen stand, war das eine Kampfansage. Auf den offenen Brief vom 17. November, initiiert von zwölf Autoren, denen sich in Tagen darauf immer weitere Unterzeichner angeschlossen hatten, folgten Berufsverbote, Verhaftungen, Bedrohungen. Die Ausbürgerung hatte schwer wiegende Folgen. Innenpolitisch führte sie zu einer Erweiterung des Unterdrückungsapparates, im Besonderen des Staatssicherheitsdienstes, der Stasi. Außenpolitisch handelte sich die DDR, die ein Jahr zuvor neben der Bundesrepublik Deutschland die Schlussakte von Helsinki unterschrieben hatte, heftige Kritik ein, auch von den eurokommunistischen Parteien und von Mitgliedern der von der DDR unterstützen DKP. Zahlreiche Autoren und Künstler der älteren Generation kehrten ihrer DDR den Rücken und übersiedelten in die Bundesrepublik. Die jüngere Künstlergeneration sagte sich mehr und mehr von der kommunistischen Ideologie und dem Sozialismus in der DDR los und organisierte unabhängig von den staatlichen Strukturen mit Wohnungslesungen, privaten Ausstellungen und der Herausgabe von Künstlerbüchern und Zeitschriften einen eigenen Kunst- und Literaturbetrieb. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war der Beginn des Endes der DDR und eine Vorbereitung der Revolution von 1989.
 
Wolf Biermann kam im Juni 1953 als Siebzehnjähriger freiwillig von Hamburg in die vier Jahre zuvor gegründete Deutsche Demokratische Republik, den ersten 'Arbeiter- und Bauernstaat' auf deutschem Boden. Im Gepäck trug er die kommunistischen Ideale seiner Eltern, vor allem seines Vaters, der wegen des Kampfes gegen die Naziherrschaft viele Jahre seines Lebens im Zuchthaus verbrachte und 1943 als Jude in Auschwitz ermordet wurde. Einundzwanzig der jüdischen Verwandten waren bereits 1941 in Minsk erschossen worden.
 
Wolf Biermann begriff sehr bald, dass in der DDR eine Clique von stalinistischen Politikern nur auf den Erhalt ihrer Macht aus war und die Ideen seines Vaters verriet. Und weil er keine Nazivergangenheit zu verschweigen oder aufzuarbeiten hatte, wie manch andere, konnte er direkt und kompromisslos in seinen Liedern und Gedichten Kritik üben. Für ihn war der erste Schritt der Revolution geleistet, das Monopolkapital enteignet, aber der zweite Schritt, die Errichtung einer sozialistischen Demokratie, wurde mit allen Mitteln, vor allem unlauteren, verhindert. Wegen seiner ungeschminkten Darstellung der DDR-Wirklichkeit, seiner Kritik am Bau der Mauer und der Parteidiktatur, erhielt er 1965 ein totales Berufsverbot, er durfte 11 Jahre lang in der DDR weder öffentlich auftreten, noch seine Texte veröffentlichen. Allerdings erschienen in dieser Zeit fünf Gedichtbände und fünf Langspielplatten in der Bundesrepublik mit den schönsten Liedern, die zu dieser Zeit in Deutschland geschrieben wurden und mit denen er auch international bekannt wurde. Die Texte und Tonbänder dafür wurden in den Westen geschmuggelt, die Tantiemen in Valuta erhielt ganz offiziell das Büro für Urheberrechte der DDR, welches einen Teil davon an Wolf Biermann in DDR-Mark oder Forum-Checks (Valutachecks, mit denen man in besonderen Läden, den Intershops, Westwaren kaufen konnte) auszahlte.

Wolf Biermann bei Ekke Maas Wolf Biermann bei Ekke Maas | Foto: Ekkehard Maaß Das Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), das faktisch die Regierungsgewalt in der DDR ausübte, hatte lange gehofft, den talentierten Dichter zu einem Arbeiterdichter der Partei, d. h. zu einem 'Kaisergeburtstagsdichter' (von Wolf Biermann stammt auch der Begriff „Kaisergeburtstagssänger“) zu machen, vergeblich! Wie sollte man den unbequemen Barden loswerden? In den sechziger Jahren hätte man ihn wie viele andere unbekannte Autoren verhaften und ausschalten können. Nun war es zu spät. So plante man seine Ausbürgerung, eine Methode der Nazis, die u. a. an Thomas Mann und Bertolt Brecht praktiziert worden war. Ohnehin erinnerte die Honneckerzeit mit ihrer Vorliebe für Militärparaden, Fanfaren- und Fackelzügen und dem Wehrkundeunterricht für Schüler und Schülerinnen an finstere Zeiten.
 
Die Einladung Wolf Biermanns von der IG-Metall nach Köln zu ihrem alljährlichen Jugendmonat bot endlich den Anlass, ihn auszusperren. Fünf Versuche in den Jahren zuvor waren gescheitert. Wolf Biermann war die Gefahr durchaus bewusst, aber nach 11 Jahren Isolation konnte er die Chance eines öffentlichen Konzertes nicht ausschlagen. Er sang viereinhalb Stunden vor 7.000 Leuten aller politischen Richtungen, vor Arbeitern und Studenten. Selbst die ansonsten politisch zerstrittenen linken Gruppierungen wie Stalinisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Spontis und Eurokommunisten, waren sich in ihrer Begeisterung für Wolf Biermann einig! Obwohl Wolf Biermann mit seinen Liedern für die DDR und die kommunistischen Ideen eintrat, erklärte die Regierung der DDR drei Tage nach dem Konzert, wie geplant, Wolf Biermann sei die Staatsbürgerschaft „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“ entzogen worden. Die Grenzbeamten erhielten genaue Instruktionen, wie sie sich verhalten sollten, falls Biermann zu seiner Familie und seinen Freunden zurück in die DDR wolle. Das Kölner Konzert wurde in der Nacht vom 19. zum 20. November in voller Länge von der ARD gesendet, auch für die Bürger der DDR, von denen die meisten das erste Mal von Wolf Biermann erfuhren.

Die Ausbürgerung war geplant gewesen, nicht geplant waren die mutigen Reaktionen in der DDR. Neben der Erklärung der Schriftsteller und Künstler belegen die Stasiakten 14 weitere Listen mit Unterschriftensammlungen, 180 Losungen an Häuserwänden und mehr als 1.000 „Hetzflugblätter“. Die Autobahn Berlin – Leipzig soll gesperrt worden sein, weil der Name Biermann in riesengroßen Lettern darauf gepinselt war. 101 Personen wurden in Sachen Biermannprosteste verhaftet und Ermittlungsverfahren eingeleitet, unter ihnen die Autoren Jürgen Fuchs, Sigmar Faust und das Sängerduo Kunert und Pannach. Gegen den bekannten Wissenschaftler und Dissidenten Robert Havemann wurde wegen seiner Erklärung in der Zeitschrift Der Spiegel ein Hausarrest verhängt und er rund um die Uhr von Polizei und Staatssicherheit bewacht. Studenten, die die Erklärung der Schriftsteller an den Universitäten verteilt hatten, wurden Verhören unterzogen und vom Studium relegiert.

Die Stasi eröffnete unzählige „Operative Vorgänge“ gegen Schriftsteller und Künstler, z. B. den OV Leder gegen Stephan Hermlin, den OV Filou gegen Franz Fühmann, den OV Zyniker gegen Günther Kunert und den OV Doppelzüngler gegen Christa und Gerhard Wolf und Hunderte andere. OV – das bedeutete Abhören des Telefons, Mitlesen der gesamten Post, Einbau von Abhörwanzen, der Einsatz von zahlreichen „Inoffiziellen Mitarbeitern“, den IMs, die aus Nachbarn, Freunden, Kollegen und Verwandten rekrutiert wurden. Die Bekämpfung der „inneren Opposition“ und „feindlicher innerer Kräfte“ führte bis Ende der siebziger Jahre zu einem Ausbau aller Strukturen der Stasi und zu einer flächendeckenden Kontrolle und Überwachung in allen Bereichen der Gesellschaft.

Die Unterzeichner der Erklärung der Schriftsteller gerieten unter Druck, die Schauspieler verloren ihre Aufträge für Film und Fernsehen, den Autoren wurden ihre Verträge bei den Verlagen gekündigt, die Künstler wurden aus den Förderungs- und Ausstellungsprogrammen gestrichen. Zwar hielten viele immer noch den antifaschistischen und antikapitalistischen Friedensstaat DDR für die richtige Seite der Welt, aber die Integrität der DDR hatte stark gelitten! Letztlich reisten mehr als 30 der bekanntesten Autoren und Künstler aus, unter ihnen die beliebten Schauspieler Eva-Maria Hagen, Manfred Krug und Armin-Mueller-Stahl. Weitere mehr als 33 Autoren und Künstler erhielten die Genehmigungen für einen längerfristigen Aufenthalt in der Bundesrepublik, was einer Ausreise gleich kam. Das war ein intellektueller Aderlass. Ohnehin hatten seit der Gründung der DDR zahlreiche bildende Künstler, offenbar weniger anfällig für Ideologie, das Land verlassen, so Gerhard Richter, Günter Ücker, Georg Baselitz. Für große Künstler war das Land schon immer zu klein!

Was geschah mit den 12 Autoren, die am Tag der Ausbürgerung in der Wohnung des Dichters Stephan Hermlin eine freundliche Erklärung verfassten, in der sie gegen die Ausbürgerung protestierten und die Regierung baten, diese Maßnahme zu überdenken? Stephan Hermlin hatte 'nur die Wichtigsten' eingeladen, Christa und Gerhard Wolf, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Volker Braun, Heiner Müller ...alle waren Mitglieder der Partei bis auf die Nestoren Stefan Heym, Erich Arendt und Franz Fühmann. Die parteilosen Dichter Adolf Endler und Elke Erb, die sich beteiligten wollten, wurden abgewiesen: „Stellt Euch nicht in die Schusslinie!“ (Stephan Hermlin in einem Telefonat mit Elke Erb am 16.11.1976, zitiert nach Elke Erb)

Die Erklärung war zuerst an die Redaktion der offiziellen DDR-Zeitung „Neues Deutschland“ gegeben worden, 3 Stunden später an die französische Nachrichtenagentur AFP. Nun gabe es kein Zurück mehr, nun war sie in der Welt, in der westlichen. Im ND gab es nur die langweiligen Gegenartikel und Loyalitätsbekundungen. Warum den Bürgern der DDR eine Erklärung ihrer beliebten und offiziell anerkannten Schriftsteller vorenthalten wurde, sie für unmündig gehalten wurden, sich selbst ein Urteil zu bilden, stieß auf absolutes Unverständnis!

Wegen der Westveröffentlichung stand der Vorwurf 'Zusammenarbeit mit dem Klassenfeind im Raum', die Stalinzeit war allen noch gut im Gedächtnis! Stephan Hermlin, Heiner Müller und Volker Braun veröffentlichten daraufhin Erklärungen, in denen sie sich von dem Missbrauch ihres Protestes distanzierten. Sie wurden auf der obligatorischen Parteiversammlung nur „gerügt“. Sarah Kirsch und Jurek Becker wurden wegen „nichtklassenmäßigen Verhaltens“ aus der Partei ausgeschlossen und verließen das Land, ebenso wie der Dichter Reiner Kunze, der bereits Anfang November wegen der Westveröffentlichung seines Buches „Die wunderbaren Jahre“ aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war.

Manche blieben ihren sozialistischen Ideen auch im Westen treu, andere nicht, aber alle genossen die Freiheit, das selbstverständliche Reisen, das Fehlen ideologischer Zwänge. Die vielen Ausgereisten stießen der nächsten Künstlergeneration das Fenster auf und erlösten sie von dem Zwang, den Sozialismus in der DDR reformieren zu müssen. Plötzlich ging es vorrangig um Kunst und nicht um Ideologie. Das gab der nicht staatstragenden Kunst neue Impulse. Es entstanden private Galerien, wie die Galerie Schweinebraden in Berlin, die Galerie im Flur in Erfurt, Clara Mosch in Karl-Marx-Stadt. Künstler organisierten Ausstellungen in ihren Ateliers. Die Obergrabenpresse in Dresden produzierte unzensierte Grafikmappen und stellte sie aus. Die Künstler wollten da anknüpfen, wo die freie Kunst 1933 endete.

Ekke Maaß in Berlin mit dem Botschafter Litauens Deividas Matulionis und Detlef Gericke Ekke Maaß in Berlin mit dem Botschafter Litauens Deividas Matulionis und Detlef Gericke | Foto: Ekkehard Maaß Überall im Land tauchten junge Dichter auf, die in für die DDR neuer Weise die Sprache zerlegten, spielerisch wieder zusammensetzten, sie scheinbar reinigten von dem geschichtlichen und ideologischen Ballast, der in Quadraten, Rhomben, Trichtern, Treppen dann doch wieder durchschimmerte wie die Steine der Berliner Trümmerberge. Ihre direkten, auf Anpassung verzichtende Texte hatten keine Chance, in Verlagen der DDR zu erscheinen. Aber sie konnten sie in privaten Wohnungslesungen vorstellen, z. B. im Berliner Prenzlauer Berg bei Frank-Wolf Matthies, Ekke Maaß, Ulrike und Gerd Poppe und vielen anderen. Die privaten Lesungen wurden von den Autoren, die die Biermann-Petition initiiert hatten, aber im Land geblieben waren, unterstützt und geschützt, von Christa und Gerhard Wolf, Heiner Müller, Volker Braun und Franz Fühmann, die eine Art „Mentorenschaft“ für die jungen Dichter übernahmen.

Die privaten Galerien und Wohnungslesungen wurden von der Staatssicherheit aufwendig beobachtet und von Spitzeln unterwandert. Der auf ideologischen Klumpfüßen humpelnde Staat spürte die Gefahr, die von der Ansammlung so vieler junger Autoren und Künstler ausging, die sich zehn Jahre vor 1989 von der sozialistischen Idee und ihrem Staat lösten. Es gab Schließungen, Geldstrafen, Verbote, aber aufzuhalten war die Entwicklung nicht. In den achtziger Jahren öffnete die Kirche ihre Räume für die Literatur- und Kunstszene, für Ausstellungen, Konzerte, die auch die Punk-Bewegung einbezogen.

Die neue Künstlergeneration war hoch politisch, weil sie den Staat und seine Propagandainstitutionen ignorierte und ihm demokratische Freiräume abtrotzte. In der Gorbatschow-Zeit und der Bürgerrechtsbewegung von 1989 flackerte die Hoffnung auf einen sozialistischen, d. h. antikapitalistischen, demokratischen Staat DDR noch einmal auf, doch die linken Ideen waren verbraucht. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war die erfolgreichste operative Maßnahme zur Zersetzung der DDR.
 

Ekkehard Maaß, geboren 1951, studierte Theologie und Philosophie und war in der DDR als Übersetzer und Sänger von Okudshawa-Liedern bekannt. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns organisierte er in seiner Wohnung Lesungen für junge Autoren - ein Beitrag zur Förderung einer Künstlergeneration, die sich 10 Jahre vor dem Ende der DDR von der sozialistischen Ideologie lossagte. Seit 1996 leitet er die von ihm gegründete Deutsch-Kaukasische Gesellschaft und unterstützt Flüchtlinge vor allem aus Tschetschenien.