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„Visaginas – die Stadt unserer Liebe“: die Windungen der Stadtgeschichte und die Identitätsdimensionen ihrer Einwohner

Visaginas, 2011-2012
Visaginas, 2011-2012 | Foto: © Arturas Valiauga

Von Kristina Šliavaitė

Im Zentrum der nordostlitauischen Stadt Visaginas steht ein Felsbrocken, der in der Anfangszeit der Bauarbeiten von den Feldern der Umgebung hierher gebracht worden war. Die Aufschrift einer daran befestigten Gedenktafel verkündet, dass an dieser Stelle die Stadt der Kernkraftwerkmitarbeiter entstehen werde. Mit dem Bau von Stadt und Kernkraftwerk in einer der an Naturschönheiten reichsten Regionen Litauens wurde  1975 auf Geheiß der sowjetischen Zentralmacht begonnen. In der Sowjetzeit trug die Stadt den Namen des ersten Sekretärs der Litauischen Kommunistischen Partei Antanas Sniečkus, der nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens im Jahre 1990 in Visaginas geändert wurde. Der erste Reaktorblock des Kernkraftwerks ging 1983 in Betrieb, der zweite 1987 (zur Stadtgeschichte siehe  Kavaliauskas 1999, 2003). Litauen erfüllte seine gegenüber der internationalen Gemeinschaft eingegangenen Verpflichtungen und schaltete den ersten Reaktor vor 2005 und den zweiten Ende 2009 ab (Ignalinos atominė elektrinė N.d. a).

Da die späteren Einwohner in den Achtziger- und Neunzigerjahren aus vielen Teilen der Sowjetunion  nach Visaginas kamen, um Stadt und Kernkraftwerk zu erbauen und anschließend zu betreiben, ist sie multiethnisch geprägt. Davon zeugt, dass 1999 Angehörige von 43 verschiedenen Ethnien in der Stadt wohnten (Kavaliauskas 1999: 59). Die spezifische Geschichte von Visaginas führte dazu, dass heute die ethnischen Russen die Mehrheit der Einwohner stellen, während die Litauer nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit zur zweitgrößten Gruppe heranwuchsen (Kavaliauskas 1999: 59). Nach der litauischen Volkszählung von 2011 wohnten in Visaginas 18,6 Prozent Litauer und 54 Prozent Russen (Litauisches Statistikdepartement 2013a: 162).  Die Stadt erlebte einen größeren Bevölkerungsrückgang: Während sie 1992 noch 33655 Einwohner zählte (Kavaliauskas 1999: 35), waren es 2011 ein Drittel weniger, nämlich 22585 (Litauisches Statistikdepartement 2011: 11). Die Stadtbewohner erwähnten bei Befragungen nicht umsonst mit Stolz die gute Ausbildung ihrer Mitbürger: 2011 betrug der Anteil der Einwohner mit Hochschulbildung 25 Prozent (Litauisches Statistikdepartement 2013a: 187).

„Wir sind gekommen, um Stadt und Kraftwerk zu erbauen“: Erinnerungen der Stadtbewohner

Die Alteingesessenen erinnern sich noch, dass die Bauarbeiter und Ingenieure von Stadt und Kernkraftwerk als Erste hierher kamen, alles Profis mit Erfahrung beim Bau ähnlicher Objekte  (Kavaliauskas 1999, 2003; Sliavaite 2005). Die befragten Bewohner gaben unterschiedliche Gründe für ihren Umzug nach Visaginas an: Die einen wurden nach Studienabschluss von offizieller Stelle oder von ihrem Arbeitgeber hierher versetzt, andere sagten, mit ihrem Herzug sei der Traum von einem Leben im Baltikum, einer der fortschrittlichsten Regionen der Sowjetunion, in Erfüllung gegangen (Sliavaite 2005). Nicht wenige erwähnten idealistische Motive wie den Wunsch, am Bau „des größten Kernkraftwerks der Welt“ teilzuhaben, dem Leben durch Werke von Bedeutung einen Sinn zu verleihen (Sliavaite 2005). Diese Motive finden sich auch in den Fotoalben der Menschen wieder: Bei den Alteingesessenen zeugten oft zahlreiche Fotos von Bau und Fertigstellung wichtiger städtischer Objekte. Die Geschichte von Stadt und Menschen ist eng miteinander verflochten, sodass Forschungsarbeiten mit unterschiedlichem Fokus die Bedeutung der Stadt für die Identität ihrer Bewohner und deren Liebe für die mit eigenen Händen erbaute Stadt untermauern (Vosyliute 1998, Kavaliauskas 2003, Sliavaite 2005).

Das Kernkraftwerk – „ein goldene Eier legendes Huhn“

Visaginas war von Anfang an als Stadt für die Mitarbeiter des Kernkraftwerks geplant und wurde als solche erbaut (Kavaliauskas 1999: 212). 2000–2002, vor der Stilllegung des Kernkraftwerks angesprochene Einwohner erzählten zumeist davon, dass die Geschäfte und Lokale der Stadt den Zahltag im Kraftwerk umgehend zu spüren bekamen, denn dessen Mitarbeiter und ihre Familien waren hier die wichtigsten Konsumenten von Dienstleistungen und Waren. Auf die bevorstehende Schließung angesprochen, wählten viele der Angesprochenen Vergleiche wie „Wer schlachtet das Huhn, das goldene Eier legt?“ oder „Wer reißt den Ofen mitten im Winter ein?“. Die Gesprächspartner waren von der Sicherheit des Kernkraftwerks überzeugt, da es über kompetente Mitarbeiter verfüge und seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit den höchsten Sicherheitsstandards genügende Technologien nachgerüstet worden seien. Die Stadtbewohner befürchteten, dass die Zukunft der Stadt nach dem Abschalten der Reaktoren in den Sternen stehe und ihre Menschen „niemand mehr brauche“ (Sliavaite 2005).
 
1999 zählte das Kernkraftwerk 5108 Mitarbeitende – 38,6 Prozent der Stellen in der Stadt (Kavaliauskas 1999: 248). Nach der Abschaltung der Reaktoren verlor ein Großteil davon ihre Stelle, und doch ist das Kernkraftwerk bis heute einer der größten Arbeitgeber der Stadt (Ignalinos atominė elektrinė N.d.b). Mit ganz unterschiedlichen Ansätzen wird nach einer Lösung der Beschäftigungsprobleme in Visaginas gesucht: Ein neuer Industriepark ist eingerichtet worden (Structum 2020), eine Fabrik für medizinische Geräte, die hochqualifizierte Mitarbeiter brauchen wird, ist in Planung (Delfi 2018).

Dimensionen der Identität: litauische Staatsbürger in Visaginas

Schon 1995 verfügte die absolute Mehrheit (83,7 Prozent) der Einwohner von Visaginas über die litauische Staatsbürgerschaft (Kavaliauskas 1999: 59). Ein wichtiges Element ist für sie die Identifikation mit Visaginas als Wohnort – die angesprochenen Stadtbewohner betonten oft, dass es für sie der am meisten geschätzte und vertrauteste Ort in Litauen sei (Sliavaite 2005). Während der Interviews hoben die Angehörigen der älteren Generation, die nicht litauischer Herkunft waren, zumeist hervor, sie seien litauische Staatsbürger, hätten den größten Teil ihres Lebens in Litauen verbracht, zum Wohle Litauens gearbeitet, ihre pflegten sozialen Umgang vor allem mit Menschen in Visaginas oder Litauen (Sliavaite 2005). Von grundlegender Bedeutung für den Verbleib der Einwohner in Litauen sind ihrer Qualifikation entsprechende Stellen: Insbesondere für die  mittlere Generation sind Beschäftigungsfragen von großer Aktualität, wobei bei der Stellensuche verschiedene Strategien eine Rolle spielen: Gesucht wird sowohl im ethnischen Herkunftsland als auch in Litauen oder anderen EU-Ländern unter Zurückgreifen auf verschiedene Ressourcen wie Sozialkontakte oder die durch die Staatsbürgerschaft gebotenen Möglichkeiten (Šliavaitė 2012). Für die jungen Stadtbewohner ist die litauische und damit EU-Staatsbürgerschaft von besonderer Aktualität, da sie ihnen zu einer großen Mobilität verhilft (Šliavaitė 2012, Labanauskas 2014). Dagegen ist die ethnische Heimat (Russland) für die  russischen Einwohner von Visaginas womöglich nur eine weitere touristische Destination: So sagte ein zwanzigjähriger Stadtbewohner während unseres Gesprächs: „Nach Russland, na ja, als Tourist vielleicht, um mich umzusehen … überhaupt möchte ich reisen, neue Orte sehen.“ Forscher vertreten die Ansicht, dass Russland für die jungen ethnisch nicht litauischen Einwohner von Visaginas allem als Land ihrer Kultur und nicht als Ort der Selbstrealisierung von Bedeutung ist (Labanauskas 2014).

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Die Stilllegung des Kernkraftwerks stellt eine Herausforderung für die Identität der Stadt und ihrer Bewohner dar, denn Visaginas wurde nicht umsonst als Stadt der Atomenergetiker bezeichnet und die Arbeit im Kernkraftwerk als der Ausbildung und Qualifikation der Einwohner entsprechend. Man befürchtete, dass nach der Kraftwerksschließung auch die Stadt keine Zukunft mehr habe. Doch bei späteren Besuchen in Visaginas, schon nach der Stilllegung des Kernkraftwerks, fielen mir sofort die mit EU-Unterstützung erneuerten Straßen und Plätze der Stadt auf. Die angesprochenen Stadtbewohner hofften auf neue Projekte, Investitionen, die Aufmerksamkeit der Obrigkeit in der Hauptstadt. In Visaginas traf ich auf viele Menschen, die sich von Herzen um das Wohl Litauens sorgen, sich über die Veränderungen der Wendezeit und die Unabhängigkeit des Landes freuen. Nicht immer sprachen die Älteren Litauisch, doch das tat ihrer Hingabe, ihrer patriotischen Einstellung und ihren Bemühungen zum Wohle Litauens keinen Abbruch.
 

Literatur und Webseiten

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