Bilinguale Module Ein Modell für den integrierten Fremdsprachen- und Sachfachunterricht

Mit dem Ziel, mehr Schülerinnen und Schülern bilingualen Sachfachunterricht anzubieten, wurde in den letzten Jahren das Modell bilingualer Module entwickelt. 

Die Verwendung einer Fremdsprache in Unterrichtsfächern wie Geographie, Geschichte oder inzwischen auch in naturwissenschaftlichen und künstlerisch-musischen Fächern findet in verschiedenen Formen statt. Das wohl bekannteste Modell sind die bilingualen Züge.

Insgesamt bieten 700 Schulen in Deutschland in ihrem regulären Angebot durchgehenden bilingualen Sachfachunterricht an. In bilingualen Schulen wird zu Beginn die Fremdsprache mit erhöhter Stundenzahl unterrichtet. Ab der 7. Klasse wird die jeweilige Fremdsprache im Wechsel in verschiedenen Fächern verwendet. Das Abitur kann mit einem Zeugnisvermerk über die bilinguale Schulausrichtung oder an einigen Schulen als deutsch-französischer Abschluss "Abi-bac" abgelegt werden.

Zentrales Ziel des Modells der bilingualen Züge ist die Förderung der sprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Zumeist werden besonders sprachinteressierte Schülerinnen und Schüler in bilingualen Schulen angemeldet. Der Leistungsanspruch an die Schülerinnen und Schüler ist relativ hoch.

Inhaltliche Öffnung des Sachfachs

Mit dem Ziel, mehr Schülerinnen und Schülern bilingualen Sachfachunterricht anzubieten, wurde in den letzten Jahren das Modell bilingualer Module entwickelt. Bilinguale Module stellen eine Zusammenstellung von Texten, Abbildungen und anderen Materialien sowie Aufgaben für den Einsatz von mindestens zwei Arbeitssprachen im Sachfachunterricht dar. Module werden in einzelnen Unterrichtsphasen eingesetzt. Dabei geht es darum, Schülerinnen und Schüler mit (verschiedenen) Sprachen in Kontakt zu bringen und sie zum (erneuten) Sprachenlernen zu motivieren. Bilinguale Module nehmen Inhalte zum Ausgangspunkt, bei denen besonders gut unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema behandelt werden können. Das Ziel ist also weniger die Erhöhung des Sprachniveaus der Schülerinnen und Schüler, als viel mehr eine inhaltliche Öffnung des Sachfachs und die Einbeziehung neuer Themen. Da bilinguale Module in regulären Kursen eingesetzt werden, ist nicht immer mit gleichen Sprachkenntnissen der Schülerinnen und Schüler zu rechnen. Insofern wird immer auch die Ausgangssprache Deutsch verwendet. Ziel ist auch, die Fachsprache in beiden Sprachen zu entwickeln.

Große Flexibilität

Ein Strukturmerkmal des Modulkonzeptes ist seine Anpassung an standortspezifische Rahmenbedingungen. Auch wenn nur die Hälfte des Kurses die Arbeitssprache gelernt hat, können Module eingesetzt werden, indem z.B. eine weitere Fremdsprache wie Englisch oder die gemeinsame Ausgangssprache Deutsch integriert werden. Module können dabei auch die Muttersprachen der Schülerinnen und Schüler aufgreifen. Die Einbeziehung der Sprache sollte thematisch begründet sein. Wenn es um das Thema Verfassung oder Menschenrechte geht, kann man Texte aus verschiedenen Ländern in den jeweiligen Sprachen einbeziehen. Module bereichern den Unterricht durch anderssprachige Originaltexte, die einzelne Lerner verstehen und ihrer Lerngruppe vermitteln können. Die Lernenden lesen (zum Teil selbst recherchierte) Texte in verschiedenen Sprachen zum gleichen Thema. Diese Module werden „Europamodule“ (Krechel 2000) oder „Sprachmittlermodule“ (Abendroth-Timmer 2002) genannt. Während die Europamodule überwiegend Schulfremdsprachen einbeziehen, berücksichtigen Sprachmittlermodule die Herkunftssprachen der Lernenden.

Eine Minimalvariante bilingualen Modulunterrichts ist das „Begegnungssprachenmodul“, das für einen Kurs mit sehr geringen Kenntnissen in der Arbeitssprache gedacht ist. Man präsentiert zunächst zentrale Begriffe in zwei oder mehreren Sprachen und erläutert sie auf der Basis ihrer jeweiligen kulturellen Hintergründe. In einem Pädagogikkurs zum Thema „Siècle des lumières – Aufklärung“ würde dann nicht mit komplexen langen Texten in der Fremdsprache gearbeitet, sondern in einer ersten längeren Phase würden Begriffe in der Ausgangs- und der Fremdsprache in ihrer Bedeutung verglichen.

Eine weitere Modulform ist das „Sprachfamilienmodul“. In diesem Fall arbeiten Lernende, die beispielsweise über Französischkenntnisse verfügen, gemeinsam mit Lernenden, die Spanischkenntnisse haben, an spanischen Texten. Die Lernenden entdecken ihre Lesekompetenzen in einer weiteren und ihnen bisher nicht bekannten Sprache, was motivierend wirken kann. Zugleich erleben sie die gegenseitige Hilfe bei der Texterschließung als positive Kompetenzerfahrung.

Bei sprachenhomogenen Gruppen bietet sich das reguläre „Bilinguale Modul“ an. Materialien werden so aufeinander abgestimmt werden, dass die deutschen Materialien die fremdsprachigen Texte inhaltlich vorentlasten. Die Ausgangs- und Fremdsprache werden im Unterricht abgewechselt, wobei die Fremdsprache einen besonderen Stellenwert hat. Hier ist vorstellbar, dass ein einführender Text auf Deutsch verwendet wird, der die Lernenden mit den Inhalten vertraut macht.

Eine Maximalvariante für sprachenhomogene Gruppen kann als „Mehrsprachigkeitsmodul“ bezeichnet werden. Dabei würde ein Sachverhalt aus mehreren Perspektiven präsentiert, wobei die Sprache in Abhängigkeit vom Text wechselt.

Bilinguale Module nicht nur in der Schule einsetzbar

In den meisten Bundesländern ist das Englische verbindliche erste Fremdsprache in der Grundschule. Zur Förderung weiterer Sprachen kann es gewinnbringend sein, auf das Modulkonzept zurückzugreifen. Die Lernenden erfahren dabei Sprache in Handlungskontexten, wobei im Primarbereich zum Beispiel musisch-künstlerische Arbeitsgruppen und zusätzliche Sportkurse denkbar sind, die zum Beispiel von Muttersprachlern erteilt werden können.

In den Sekundarstufen I und II gibt es sicherlich die vielfältigsten Umsetzungsmöglichkeiten: Schülerinnen und Schüler zeigen eine grundsätzliche Bereitschaft zum Erwerb von Sprachen in der Schule und zur Erprobung neuer Lernformen. In der Sekundarstufe II können in Profiloberstufen, die es zum Beispiel im Bundesland Bremen gibt und in denen die Schülerinnen und Schüler festgelegte Fächerkombinationen wählen müssen, sprachlich homogene Gruppen gebildet werden. Auf diese Weise können regelmäßig Module eingesetzt werden.

Eine Erprobung bilingualer Module erscheint weiterhin in berufsorientierten Kursen der Erwachsenenbildung Erfolg versprechend, wenn ein deutlicher berufsspezifischer Anwendungsbezug gegeben ist und die Module abgeschlossene Lerneinheiten darstellen.

Förderung von Autonomie und Kompetenzerfahrung

Damit der Einsatz von Modulen gelingt und die Schüler ihre Motivation behalten, ist es wichtig, das sachfachliche Handlungsziel und die gewohnte sachfachspezifische Unterrichtsmethodik beizubehalten. Zugleich aber führen bilinguale Module in sprachlich heterogenen Gruppen zum verstärkten Einsatz von Gruppenarbeitsphasen. Diese fördern – wenn die Lehrperson die Gruppenarbeit organisatorisch unterstützt – die Autonomie und Kompetenzerfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Der sprachliche Aufwand sollte in einem ausgewogenen Verhältnis zum inhaltlichen Ertrag steht. Die Lernenden richten bei der Beurteilung dieses Aufwands ihr Augenmerk besonders auf den Wortschatz sowie auf grammatische Strukturen. Im Umgang mit Fachtexten ist daher eine Thematisierung und Weiterentwicklung von Lesestrategien sehr wichtig. Texte, die aufgrund sprachlicher Einfachheit und weniger aufgrund inhaltlicher Tiefe ausgewählt werden, demotivieren eher.

Für Lehrende besteht die Schwierigkeit und die Chance von Modulen darin, immer neu auf Lerngruppen reagieren zu müssen. Die Materialbasis ist derzeit noch gering, so dass mit einem erhöhten Aufwand zu rechnen ist. Inzwischen gibt es jedoch entsprechende Ausbildungsangebote in der universitären Lehrerbildung, in Studienseminaren sowie der Lehrerfortbildung. Mit Konzepten für die Lehrerbildung beschäftigt sich das Comenius-Projekt MEMO.